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Songs aus der Grube

An Bob Dylan scheiden sich die Geister. Die einen empfinden den inzwischen 73-jährigen Sänger als Anti-Belcanto, andere attestieren seinem Organ eine «tolle Härte».

Südostschweiz
29.01.15 - 01:00 Uhr
Zeitung

Sein heiseres Röcheln ist angeblich eine Reaktion auf die engelsgleiche Stimme seiner Jugendliebe Joan Baez. Vor einer halben Ewigkeit transportierte Dylans Gesang genug Gefühl, Einfachheit, Natürlichkeit und Wärme, um eine ganze Generation zu Tränen zu rühren. Heute ist er ein Sänger, der bei Liveauftritten seine Fans gern mal mit einem völlig ruinierten Organ schockiert, aber bei Studioaufnahmen das Geheimrezept für saubere Vocals zu kennen scheint. Was denkt sich diese Nebelkrähe eigentlich, wenn er jetzt die Songs von Frank Sinatra – der Stimme des 20. Jahrhunderts – neu interpretiert?

Ausgerechnet Balladen hat er aufgenommen, darunter «Autumn Leaves», «Some Enchanted Evening» und «That Lucky Old Sun». Er selbst sagt, seine melancholischen Fassungen seien keine Coverversionen, sondern Un-Coverversionen. Was immer er auch darunter verstehen mag – das Ergebnis ist eine echte Überraschung: Sein Gesang ist plötzlich wieder zärtlich und präzise. Wie dem alten Sinatra ist es auch Dylan gelungen, die schwindende stimmliche Kraft mit künstlerischer Reife zu kompensieren. Man spürt in jeder Note, dass Dylan sich redlich Mühe gibt und fürchtet beinahe, dass jeder Ton, den er aus den Tiefen seiner Kehle holt, der letzte sein könnte. Doch gerade das Zittern und Krächzen bilden die Brennpunkte der Songs, zwingen den Zuhörer dazu, sich auf die Welt des weisen Grantlers einzulassen. Diese besteht nicht etwa aus den Standards des Great American Songsbook, sondern aus zum Teil obskuren moll-lastigen Liedern wie «The Night They Called A Day», «Why Try To Change Me Now» und «Full Moon And Empty Arms», die eines gemeinsam haben: Sie wurden von Frank Sinatra gesungen.

Gemeinsam mit seiner fünfköpfigen Band holt Dylan die zum Teil über 90 Jahre alten Pop-Klassiker und Chansons aus der Grube und bringt sie ans Licht des Tages, wo sie nicht zu Staub zerfallen, sondern in Gestalt von intimen Folk- oder Gospel-Hymnen wieder zu Leuchten beginnen. Dylan singt nicht nur, er lebt die Songs und interpretiert jedes Stück ganz nach seiner unvergleichlichen Art. Wenn er über seine verlorene Jugend singt oder eine zerbrochene Liebe beklagt, dann vermittelt er dabei das Gefühl, als tue ihm in den Eingeweiden alles weh.

Der Sänger hat die Evergreens auf das Wesentliche reduziert, die nostalgischen Streicher der Sinatra-Stücke durch weinende Pedal-Steel-Gitarren ersetzt, dazu erklingen ein sanft gezupfter oder gestrichener Kontrabass, wogende Hörner und fast schon gestreichelte Becken. Die Arrangements fallen streckenweise so spärlich aus, dass man sogar Dylans Atem hören kann. Der Zuhörer bekommt Gänsehaut, feuchte Augen und hat ein wenig Glaube an den ollen Dylan zurückgewonnen.

Genauso wie es Leute gibt, die der Meinung sind, ein Dylan-Song sei heilig wie das Lamm Gottes und dürfe nicht geschlachtet werden, so gilt auch Sinatra als unantastbar. Das amerikanische «AARP-Magazin» durfte Dylan als einziges Presseorgan interviewen und wollte von ihm wissen, ob er mit «Shadows In The Night» ein Risiko eingegangen sei. «Ein Risiko? Sie meinen, als ob man über einen verminten Acker laufen würde?», lautet dessen Gegenfrage. «Plattenmachen birgt kein Risiko in sich. Ob ich mich mit Frank Sinatra vergleiche? Sie machen Witze! Im selben Atemzug mit ihm genannt zu werden ist das höchste Kompliment überhaupt. Niemand erreicht seine Grösse. Weder ich noch ein anderer.»

Die Idee, solch eine Platte zu machen, hatte Dylan schon in den späten Siebzigerjahren, nachdem er Willie Nelsons Coveralbum «Stardust» gehört hatte. Schon damals fragte er sich, ob jemand anders einen ähnlichen Blick auf die Pop-Musik der Vierziger- und Fünfzigerjahre habe wie er. Dylan sieht sich nicht als Musikarchäologen, er mag einfach diese Songs und fühlt, dass er sich mit ihnen verbinden kann. Geht es ihm darum, seine traditionellen Fans zu überraschen? «Also, sie sollten nicht überrascht sein. Ich habe über die Jahre die verschiedensten Arten von Songs gesungen, und meine Fans kennen definitiv die Aufnahmen, die ich bisher von Standards gemacht habe.»

«Shadows In The Night» wurde live in den heiligen Hallen des Studio B im zwölfstöckigen Capitol Records-Turm eingespielt, einem der Wahrzeichen von Los Angeles. An den Reglern sass der legendäre Aufnahmeleiter und Produzent Al Schmitt. Er war mit sämtlichen Berühmtheiten des Musikgeschäfts inklusive Frank Sinatra im Studio. Nur Dylan stand noch nicht auf seiner Liste. Für seine Arbeit ist Schmitt im Lauf seiner fast 60-jährigen Karriere mit zwei Dutzend Grammys geehrt worden.

In einem Interview mit dem Web-Magazin «Something Else» flötete Schmitt kürzlich: «Bobs Platte ist einzigartig!» Dylan, der immer sehr genau auf die akustische Beschaffenheit eines Tonstudios achtet, war von den Räumlichkeiten begeistert. «Wir hatten eine akustische, eine elektrische und eine Pedal-Steel-Gitarre», erzählt Schmitt. «Dazu einen Kontrabass und ein kleines Schlagzeug. Dylan hat insgesamt 23 Songs eingesungen. Er trug bei den Sessions keine Kopfhörer, und seine Musiker standen um ihn herum. Die Instrumente wurden nicht aufeinander abgestimmt. Alles war, wie es war. Wenn ihm die Rhythmusgitarre zu leise war, tat Dylan einen Schritt nach vorne. Das macht den Charme dieser Platte aus.»

Am Ende sorgt Dylan, der mit Meisterwerken wie «Blonde On Blonde» und den «Basement Tapes» Musik- geschichte geschrieben hat, doch noch für eine Überraschung: «Meine Stimme hat noch auf keiner Platte so gut geklungen wie auf dieser.»

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