Sigg plaudert aus Nähkästchen
?Sie sind heute Abend um 20.15?Uhr im «Bsinti» zu Gast. Was verschlägt Sie nach Braunwald?
?Sie sind heute Abend um 20.15?Uhr im «Bsinti» zu Gast. Was verschlägt Sie nach Braunwald?
?Sie sind heute Abend um 20.15 Uhr im «Bsinti» zu Gast. Was verschlägt Sie nach Braunwald?
Mein früherer Berufskollege Benedikt Wechsler, mit dem ich bei Moritz Leuenberger zusammengearbeitet habe, entdeckte in einer Buchhandlung mein Koch- und Lesebuch. Er hat mich dann angerufen und gemeint, dass er nicht gewusst hätte, dass ich auch kochen kann. Er sagte daraufhin, dass wir im «Bsinti» mal eine Veranstaltung machen sollten.
Waren Sie denn schon einmal in Braunwald?
Ja, vor 64 Jahren, im Winter 1950. Ich war mit meinem Vater Ski fahren und bin das erste Mal aus dem Skilift gefallen – ein unauslöschliches Erlebnis. Trotzdem habe ich Braunwald aber allgemein in sehr guter Erinnerung.
Was darf man von Ihnen erwarten?
Ich weiss nicht, was man von mir erwartet. Ich denke, ich werde da Geschichten aus dem Bundeshaus erzählen – vielleicht sogar aus dem Bundesratszimmer. Aber auch aus meiner Küche und darüber, was ich heute sonst noch so mache.
Sie plaudern aus dem Nähkästchen?
Ja. Oder sagen wir besser, aus der Bundeshaus-Küche.
Kaum ein Mensch hat mit so vielen Bundesräten so eng zusammengearbeitet wie Sie. Hand auf Herz: Hatten Sie einen Lieblings-Bundesrat?
Nein, eigentlich nicht. Ich hatte alle auf ihre Art gern. Aber ich habe nie eine Rangliste erstellt.
Dann frage ich anders: Was für ein Mensch war Willi Ritschard?
Ja, wie lange haben wir Zeit? Es ist schwierig, Willi Ritschard in einem Satz zu beschreiben. Das ist nicht möglich.
Und was für ein Mensch ist Blocher?
Ja (studiert). Was soll ich auch zu Christoph Blocher sagen (lacht). Blocher hätte nie in den Bundesrat gehört. Man könnte sagen, er sei zu gut für den Bundesrat gewesen. Aber man könnte ebenso sagen, er sei zu schlecht. Als Parlamentarier war er meiner Meinung nach wesentlich besser.
Aber wie war er als Bundesrat?
Ich habe ihn im Amt als sehr korrekt, gewissenhaft und überpünktlich erlebt. Zu den Bundesratssitzungen erschien er immer zehn Minuten zu früh. Auch hat er niemals gefehlt. Nur einmal hat die Sitzung begonnen und der Blocher-Sitz war leer. Nach fünf Minuten sagte Micheline Calmy-Rey, die damals Präsidentin war, zum Weibel: «Schauen Sie nach, wo Bundesrat Blocher ist.» Nach weiteren zwei Minuten ist er dann aufgetaucht. In Eile, schwitzend, verstört und mit der Entschuldigung, dass er einfach nicht auf die Uhr geschaut habe.
Er hat sich wegen fünf Minuten entschuldigt?
Ja. Später sagte er sogar einmal, dass er als Bundesrat nur einen einzigen Fehler gemacht habe: Er sei einmal zu spät gekommen.
Als Bundesratssprecher verging keine Woche, in der Sie nicht in der «Tagesschau» zu sehen waren. Wie geht man mit dieser Berühmtheit um?
Ja also (lacht). Ich bin ja nur immer danebengesessen. Bundesratssprecher ist man nicht zum Reden, sondern zum Schweigen. Es gab schon Leute, die mich ansprachen und sagten: «Sie kenne ich doch. Sie haben doch früher beim Fernsehen gearbeitet.» Dann sage ich immer: «Ja, natürlich.»
Weitere Anekdoten?
Die gibt es: Einmal sagte einer zu mir: «Weisst du was? Du machst am Fernsehen ‘ä cheibe gueti Falle’ bei den Pressekonferenzen. Vor allem deshalb, weil du nie etwas sagst und man dir genau anmerkt, was du über das, was derjenige neben dir sagt, denkst.»
Als Sie bei Bundesrat Adolf Ogi Informationschef waren, platzte mitten in Ihre Amtszeit die Geheimdienstaffäre Bellasi. War es eine Herausforderung, diese medial zu bewältigen?
Ich habe das gerne gemacht. Es war hochspannend. Es war aber auch stressig. Sie mögen sich doch sicher noch an Ruedi Christen erinnern. Der war damals der EDA-Informationschef bei Bundesrat Deiss. Er hat mich einmal auf dem Gang angesprochen und gesagt, dass die Arbeit beim EDA langweilig sei und er mich als VBS-Sprecher wegen der ‘geilen’ Bellasi-Story beneiden würde. Kurze Zeit später hatte er die Mega-Story mit dem Schweizer Botschafter in Deutschland, Thomas Borer. Dass er mich beneide, hat er dann nie mehr gesagt.
Konnten Sie hinter jedem Entscheid stehen, den Sie verkünden mussten?
Ich konnte die Entscheide des Bundesrates immer nachvollziehen. Mit Ausnahme von einem Entscheid, den der Bundesrat geheim gefasst hatte. Dort musste ich rausgehen. Meine Meinung, wie ich politisch die Sache beurteile, tut in solch einem Moment nichts zur Sache. Da muss man drüber stehen können.
Was war ihr peinlichster Auftritt?
Es gab einmal einen in der UBS-Finanzaffäre. Ich glaube im Rahmen von «10 vor 10». Dort haben sie mich gelöchert – in gewissem Masse überfallen. In solchen Situationen bin ich nicht in der Lage, einfach auf Knopfdruck irgendwas zu erzählen. Das ist eher peinlich herausgekommen.
Was war Ihr schönster Auftritt?
Schön ist eigentlich das falsche Wort. Es gab viele spannende Momente, aber auch gelassenere wie die Bundesratsreisen. Die haben mir immer gefallen. Es war interessant zu beobachten, wie der Bundesrat mit der Regierung umgeht – nämlich dem Volk.
Sie sagten einmal, dass sie als Bundesratssprecher zu schweigen und statt zu reden zu schreiben gehabt hätten. Wie haben Sie es trotzdem geschafft, bei den Journalisten so beliebt zu sein?
Wenn ich Journalisten am Telefon oder in meinem Büro hatte, so habe ich ihnen allgemein immer alles erzählt, was sie wissen wollten. Wenn ein Journalist über eine Bundesratssitzung falsch informiert war, so sagte ich ihm, wie sich die Sache wirklich verhielt. Dann haben wir gemeinsam abgemacht, wie er meine Informationen verwenden oder wie er mich zitieren darf.
Haben Sie noch immer Kontakt zu ihren ehemaligen Chefs?
Ich habe mit meinen ehemaligen Chefs noch regelmässig Kontakt, insbesondere mit Adolf Ogi. Auch gibt es regelmässige Treffen mit den ehemaligen und den amtierenden Bundesräten.
Wie sehen Sie den Kanton Glarus politisch? Was finden Sie gut und was schlecht?
Ich bin nicht so auf dem Laufenden, was im Kanton Glarus passiert. Es ist für mich aber, historisch gesehen, ein sehr interessanter Kanton. Er ist auch in Bezug auf die politische und staatliche Organisation interessant. Vor allem mit der Gemeindefusion. Da ist der Kanton Glarus aus meiner Sicht ein ähnlicher Pionierkanton wie seinerzeit bei der Arbeitsgesetzgebung. Ich erlebe Glarus als einen politisch vitalen Kanton.
Wie wird der Kanton in BundesBern wahrgenommen?
Zu wenig. Ich habe mir dies schon mehrmals überlegt. Der Kanton liegt – grob gesagt – eingebettet zwischen Zürich und Graubünden einfach falsch. Würde er am Genfersee liegen, würde der Kanton mehr wahrgenommen.
Wie finden Sie die Landsgemeinde?
Ja, die Landsgemeinde – die ist gut. Sie ist ein politisches Kulturdenkmal, das gepflegt werden sollte. Überhaupt: Ich bin für den Erhalt der politischen Kulturdenkmäler. Ich bin auch nicht dafür, dass man das Bundeshaus abreisst, also bin ich auch nicht dafür, dass man die Landsgemeinde abschafft.
Obwohl Sie seit fünf Jahren pensioniert sind, engagieren Sie sich noch für die Politik. Momentan für die Initiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Warum?
Das ist ganz einfach. Mich hat vom ersten Tag meiner Pensionierung an die Einrichtung AHV fasziniert. Ich habe gemerkt, was es heisst, wenn man nicht mehr für den Lohn arbeiten muss. Das war an einem schönen Montag. Ich habe gedacht, ja, das ist ja wahnsinnig – erst jetzt, im Alter von 65 Jahren, kann ich machen, arbeiten und unternehmen, was ich will.
Und wie ging es weiter?
Zwei jüngere Männer haben mich angerufen, mich nach Zürich eingeladen und mir gesagt, dass ich eigentlich beim Grundeinkommen mitmachen müsste. Ich fragte, was ist das. Sie haben es mir erklärt, und ich habe mir gedacht, ja, das ist ja einfach die AHV für alle. Dann habe ich mir gesagt, da mache ich sofort mit.
Sie provozieren damit den Bundesrat. Darf man das als ehemaliger Bundesratssprecher?
Das muss man sogar. Wir vom Initiativkomitee sind von der nationalrätlichen Gesundheits- und Sozialkommission eingeladen worden, um die Initiative darzustellen. Wir haben dann abgemacht, dass ich die Botschaft des Bundesrats über unsere Initiative kritisiere. Denn in dieser Botschaft findet man über das Grundeinkommen kein gutes Wort – nicht ein einziges. Nicht einmal ein positiv gesetztes Komma.
Haben Sie dem Bundesrat dann auch die Meinung gesagt?
Klar. Ich verfasste meinen Part auf Französisch. Eine ganze Seite. Mit dieser marschierte ich dann ins Kommissionszimmer 86. Und wer sitzt neben mir: Alain Berset. Ich hab doch nicht mehr daran gedacht, dass an solchen Sitzungen auch immer der zuständige Bundesrat teilnimmt.
Haben Sie dann einen Rückzieher gemacht?
Nein. Ich habe meine Seite dann einfach heruntergelesen und gesagt, dass die Strategie, die der Bundesrat da fährt, ganz gefährlich sei. Ich habe gesagt, dass der Bundesrat nicht darüber nachgedacht hat, was die 126 000 Menschen, die die Initiative unterzeichnet haben, sich dabei überlegt haben. Später sagte dann Berset zu mir, dass er schon verstanden habe, dass das Komitee vom Bundesrat enttäuscht war.
Womit beschäftigen Sie sich privat?
Mit der Küche (lacht). Ausserdem bin ich seit anderthalb Jahren Grossvater.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Das kann ich nicht sagen. Etwas anderes wäre es, wenn sie mich nach meinen Visionen fragen würden. Dann würde ich die bekannte Antwort eines Alt-Bundeskanzlers aus Deutschland geben: Einer, der Visionen hat, muss zum Psychiater gehen.
Wie sieht Ihrer Meinung nach die Schweiz im Jahre 2050 aus?
Das kann ich nicht beantworten. Ich hoffe, dass die Schweiz dann noch immer eine direkte Demokratie ist. Aber dass diese direkte Demokratie bis dannzumal von Grund auf saniert worden ist.
«Meine Meinung, wie ich politisch die Sache beurteile, tut in solch einem Moment nichts zur Sache.»
«Die Glarner Landsgemeinde ist ein politisches Kulturdenkmal, das gepflegt werden sollte.»
Wir bitten um euer Verständnis, dass der Zugang zu den Kommentaren unseren Abonnenten vorbehalten ist. Registriere dich und erhalte Zugriff auf mehr Artikel oder erhalte unlimitierter Zugang zu allen Inhalten, indem du dich für eines unserer digitalen Abos entscheidest.
Bereits Abonnent? Dann schnell einloggen.