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«Siehe, ich mache alles neu»

Es ist spannend der Frage nachzugehen, wann das neue Jahr beginnt. Denn dies ist global gesehen nicht so eindeutig, wie man denken könnte. Unser Jahresanfang liegt nicht im Herbst, wie das im hebräischen Denk- und Sprachraum der Fall ist (Rosch ha schanah), und auch nicht im Frühling, wie im Bahá’í-Kalender am 21.

Südostschweiz
31.12.14 - 01:00 Uhr
Zeitung

Von Peter Hofmann, Pfarrer in Ennenda

Es ist spannend der Frage nachzugehen, wann das neue Jahr beginnt. Denn dies ist global gesehen nicht so eindeutig, wie man denken könnte. Unser Jahresanfang liegt nicht im Herbst, wie das im hebräischen Denk- und Sprachraum der Fall ist (Rosch ha schanah), und auch nicht im Frühling, wie im Bahá’í-Kalender am 21. März, der in östlichen Ländern wie dem Kosovo, in Iran, Afghanistan und in Indien beachtet wird. Hierzulande hat sich mit dem 1. Januar die Mitte zwischen Herbst und Frühling durchgesetzt: ein Wintertag zwischen Weihnachten und dem Dreikönigsfest.

Geburtstage und Todesfälle, aber auch Jahresanfänge machen mir bewusst, was es heisst, in der Zeit zu leben: Mein Leben ist ein unablässiges Älterwerden. Auch unsere Institutionen und Strukturen werden mit der Zeit nicht jünger, flexibler, erfrischender. Und wer sehnt sich nicht danach, alles einmal radikal neu zu erleben? Eigentlich erleben wir das Neue zwar jeden Tag. Und irgendwie hoffen wir auch, dass sich mit dem Schritt in ein neues Jahr etwas Entscheidendes ändert und zum Guten wendet – oder sich mindestens verbessert. Doch schon bald stellen wir wieder ernüchtert fest: Wir sind gefangen in der Zeit, erleben Wiederholung, Abnutzung.

Der Sehnsucht nach radikal Neuem entspricht die Botschaft, wie sie im letzten Buch der Heiligen Schrift zu hören ist: «Und der auf dem Thron sass, sprach: Siehe, ich mache alles neu!» (Offenbarung, Kapitel 21, Vers 5). Wir können diesen Satz so verstehen, als handle er von einer neuen und besseren Zukunft, die Trauer, Mühsal und Leid hinter sich lässt. Wir können den Satz aber auch auf unsere unmittelbare Gegenwart anwenden. Und dann vermögen wir zu erkennen, worin die Neuheit besteht, die Gott unserem Leben bereits jetzt schenkt.

Wann beginnt das Neue, wann die Zukunft? «Die Mitte der Nacht ist der Anfang des Tages», so lautet ein Gedanke des Naturphilosophen Demokrit (460-370 v. Chr.). In unserer Zeit- und Jahresrechnung wurde seine Anschauung auf das ganze Jahr übertragen: In der Mitte der dunklen Zeit fängt das neue Jahr an. Demokrit war zwar ein materialistischer Religionskritiker der Antike, aber er war aufgeweckt genug zu begreifen, dass alle Dinge aus winzigen Teilchen zusammengesetzt sind, die er als Erster Atome nannte.

Ich kenne einige Momente im Leben, die einen Anfangs- und Wendepunkt darstellen. So gesehen geschieht Neues fortwährend. Meistens allerdings in so unscheinbar kleiner, atomarer Form, dass ich das Neue erst erkenne, wenn ich Gott – das Ganze – um einen wohlwollend aufmerksamen Blick auf mein Leben bitte. Und wenn ich dann einen Tagesablauf bewusst im Herzen bewege und bedenke, wo mir Neues begegnet, dann stelle ich zuweilen erstaunt fest, dass ich von Zukunft regelrecht umgeben bin.

Wann beginnt für Sie das neue Jahr? An einem der genannten Einschnitte? Oder ist es für Sie eher eine Frage von Qualität als von Zeit und Ort? Ist Ihr Jahresanfang vielleicht Ihr Geburtstag? Oder zählen auch andere Ereignisse dazu?

Ich wünsche uns allen ein hoffnungsvolles 2015 mit viel Lebensfreude.

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