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Sieben Sommer

Ich ging lange an einem Zigeunerstrand schwimmen. Sieben Sommer lang erfuhr ich dort Verwirrung, Angst und Demütigung, inneren Frieden, durchgeknallte Geschichten und spirituelle Erbauung.

Südostschweiz
03.01.15 - 01:00 Uhr
Zeitung

Von Martin Leidenfrost*

Und wie meistens, wenn ich vom Volk der Roma erzähle, geht das nicht ohne Entblössung meiner Intimität ab.

Der kleine See liegt in einem slowakischen Kiefernwald, keine 15 Kilometer von der österreichischen Grenze, unweit der berüchtigtsten Roma-Siedlung der Westslowakei. In meinem ersten Sommer lagen noch vereinzelt Weisse am Strand, da konnte der 18-jährige Rom Gejza einer blonden Mittdreissigerin noch den Hof machen. Gejza hatte Hip-Hip-Tätowierungen und einen Siegelring, «aus Österreich». Unter den badenden Kindern waren ein Schielender und eine Taubstumme, Gejzas Clique begegnete ihnen mit Verachtung.

Hundert Meter hinter dem schmalen Sandstrand lag das Sommerbuffet «An der Sandgrube». Dort soffen manchmal ältere Roma. Ein dicker Bärtiger fragte mich: «Kann ein Mensch 22 Säckchen Reis essen?» – «Weiss nicht.» Der Wirt war ein glatzköpfiger Hüne mit gewalttätigem Timbre und bösen Augen, dafür spielte er als Letzter im Lande den Glamour-Pop der sozialistischen Tschechoslowakei, Boney M. auf Tschechisch.

Ich verstehe bis heute nicht, warum ich im zweiten Sommer mein erstes Problem bekam. Ich kann oft nicht entscheiden, was dem althergebrachten Reinheitskodex der Roma zuzuordnen ist und was dem Verfall dieser Sitten. Von den mir bekannten Roma weiss ich nur, dass sie sich stets in Gruppen bewegen. Einer, der allein schwimmen ging, musste ihnen komisch vorkommen.

An einem unbelebten Tag, der Strand war noch nass vom Regen der Nacht, zog ich mich im Wald um. Unbemerkt waren fünf Jungen auf den leeren Strand gekommen, hatten wohl kurz aus der Ferne meinen Arsch gesehen. Einer der Buben rief mir zu: «Schämen Sie sich nicht?» «Ja, schon. Und du?» Ich war inzwi-schen angezogen, er war splitternackt. «Ich schäme mich auch», antwortete er, «aber ich bin noch klein.» Sie kamen zu mir, wollten Kleingeld. Einer, er stellte sich als Mario vor, hatte Brüste. «Maria?», fragte ich. «Nein, Mario», erklärte ein anderer Bub verständig, «das ist ihm angewachsen.» Anders als mit dieser harmlosen Szene konnte ich mir nicht erklären, dass ich ein andermal, als ich am Strand lag, von anderen Kindern umringt wurde. «Perverser!», «Schwuchtel!», «Massenmörder!», riefen sie lachend. Ich konnte nur warten, bis die öffentliche Erniedrigung vorüberging.

Im Rückblick erstaunt mich meine Beharrlichkeit, aber ich kam wieder, immer wieder. Ich am Weissenstrand gegenüber? Niemals! Bald wurde ich in Ruhe gelassen, ja respektiert.

Am anderen Ufer, bei den Ferienhäusern im Kiefernwald, stand eine einfache Seilkonstruktion. Im dritten Sommer vorbeischwimmend, betrachtete ich versonnen die weissen Kinder, wie sie mit Trara in den See sausten. Ich formulierte in Gedanken eine zärtliche Verteidigung der Roma, gegen das Vorurteil, dass sie stehlen. Mir war am Strand nie etwas weggekommen. Als ich aus dem See stieg, war meine Hose weg. Mit der Hose meine Schlüssel. Verzweiflung – würde ich in der Badehose zur Villa meines Vermieters trotten? Ich hatte schon aufgegeben, da fand ich die Hose im Schilf. Die kleine Geldsumme fehlte, aber die Schlüssel waren da. Ich legte mich unter einen Baum. Eine tiefe selige Dankbarkeit durchströmte mich.

Da hielt ein blauer Skoda am Strand. Eine alte Romni, in einem knielangen Rock, ging ins Wasser. Ein Teenager filmte aufgeregt. Auch ein Mann ging angezogen ins Wasser. Plötzlich tauchte er die kichernde Alte unter, taufte sie im Namen des Herrn, und schon verschwanden sie durchnässt mit dem Skoda.

Es folgten noch härtere Erfahrungen. Die erzähle ich ein andermal, sieben Sommer passen nicht in eine Kolumne. Dieses Jahr warf ich wieder einen Blick auf den See, zum ersten Mal seit langer Zeit. Die Seilkonstruktion am Weissenstrand war weg. Stattdessen stand da nun ein grosses Kreuz.

* Martin Leidenfrost, österreichischer Autor, geboren 1972, streift im Jahr der Europawahlen und Unabhängigkeitsreferenden durch den Kontinent und erzählt in seiner Kolumne «Expedition Europa», was zusammenwächst und was auseinanderstrebt, wo Europa funktioniert und wo es kracht.

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