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Sie nennen sie «diese Frau, die ewig lang in der Wildnis lebt»

Pia Solèr aus Vrin ist Hirtin, seit bald 20 Jahren. Zuerst mit Ziegen, später mit Schafen hat sie ihre Sommer auf Alpen weit hinten in der Val Lumnezia verbracht. Davon erzählt sie nun in ihrem autobiografischen Buch «Die Weite fühlen».

Südostschweiz
Donnerstag, 03. November 2011, 01:00 Uhr

Von Jano Felice Pajarola

Vrin. – «Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass ich etwas zu sagen habe.» Sie stapelt natürlich tief, die 40-jährige Schreibnovizin. Auch wenn es erst einer Anregung von aussen bedurfte: Wer quasi sein halbes Leben auf der Alp gearbeitet hat – und dazu noch als Frau, und dazu auch noch in der Abgeschiedenheit von Parvalsauns und Scharboda –, wer im gottverlassenen Weiler Vanescha lebt, solange es dort keinen Schnee hat, und winters dann in Vrin, der hat selbstverständlich etwas zu sagen. Eine zufällige Begegnung mit der NZZ-Journalistin Daniela Kuhn stand am Anfang, eine Reportage entstand daraus, der Artikel kam dem deutschen Verleger Rainer Weiss vor die Augen, er dachte gleich an ein Buch aus Solèrs Hand. Und so sollte es kommen: Die Hirtin brachte ihre Gedanken und Erlebnisse zu Papier, schickte sie Kuhn, und mit deren Unterstützung entstand letztlich, was morgen Freitag in Vrin Vernissage feiern wird. Ein kleines, aber feines Buch namens «Die Weite fühlen».

«Mit wenig im Überfluss»

Auf 110 Seiten beschreibt Solèr einerseits Gegebenheiten aus 18 Alpsommern und Vriner Wintern. «Normale Leute ziehen aus dem Tal hinaus, und du ziehst noch weiter hinein», hat ein Bekannter ihr mal gesagt. «So bin ich eben», stellt sie fest: Sie lebt «mit wenig im Überfluss», und jeder Tag «ist ein Abenteuer, vom Wetter und den Launen der Tiere geprägt». Das kann schön sein, aber auch schlimm, wie an «jenem Tag, als ich weinend halbtote, abgestürzte Schafe töten musste», denen sie doch eigentlich allen «einen Sommer versprochen hatte». Da gibt es endlose Schneefälle, die Vanescha noch abgeschiedener machen; die verletzte Geiss, die aus dem Tobel gerettet werden muss; die Gämse, die sich im Zaun verfängt; Felsstürze; zu Tode gekommene Bergsteiger. Und, als roter Faden zwischen den Aufzeichnungen, Treuia und Orsus, die Hundegeschwister, die nicht gemeinsam Nachwuchs zeugen sollen, aber ständig beisammen sind – eine vertrackte Angelegenheit.

Was Solèr aber auch beschreibt, ist die Befindlichkeit einer eigenwilligen Frau, deren Lebensart nicht immer bei allen auf Verständnis stösst, gerade im dörflichen Umfeld. «Eine Hirtin, die ihren Weg geht, ist ein idealer Köder für ihre Fantasien», schreibt sie über ihre Miteinwohner, sie weiss um ihren Ruf als «Eremitin, die man nur selten zu Gesicht bekommt, die man nicht einordnen kann». Bis nach Ilanz geht das Gespräch über sie, diese Frau, die «ewig lang in der Wildnis lebt». Kaum einen Menschen sieht sie, «und sorgt doch für Gesprächsstoff».

Auch die Welt kennengelernt

Nicht, dass Solèr nur ihre Heimat kennen würde, im Gegenteil. Nach einer Lehre als Verkäuferin in einem Musikgeschäft in Disentis kommt sie 1994 zur weiblichen Hauptrolle im romanischen Film «Levzas petras», spielt an der Seite von Bruno Cathomas. Und während ihrer Jahre als Ziegenhirtin auf Parvalsauns geht sie winters auf Reisen: Mexiko, Libyen, China.

Trotzdem: Ihr Wunschleben bleibt jenes auf der Alp, und immer wieder kehrt sie dahin zurück. Weil es, bei allen Pflichten, Freiheit für sie bedeutet. «Ich kann die Tage gestalten, wie ich will. Ich darf die Tiere so hüten, wie es mir gut scheint.» Überhaupt: In einem kleinen Dorf könne man leben, umringt von Bergen, und doch einen weiten Horizont haben, findet Solèr. Und will man schauen, wie gross die Welt ist, steigt man halt auf die Berge hinauf. Um die Weite zu fühlen.

Pia Solèr: «Die Weite fühlen», 128 Seiten, 24.90 Franken. Vernissage: Morgen Freitag, 4. November, 18 Uhr, Mehrzweckhalle Vrin.

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