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«Schneesozialismus» oder einfach «nur peinlich»?

Reto Gurtners Brief hat etwas ausgelöst: Nicht nur im Inland, auch auf ausländischen Onlineportalen wurde er rege kommentiert. Die Einen sehen seinen Vorschlag als Bankrotterklärung, die Anderen beurteilen die Empfehlung als vorbildlich.

Südostschweiz
27.12.14 - 01:00 Uhr
Zeitung

Von Lorena Strub

Chur.– Die Reaktionen könnten kaum gespaltener sein: Seit am Mittwoch der Brief von Weisse-Arena-Chef Reto Gurtner mit dem Vorschlag, dass Einheimische vorerst aufs Skifahren verzichten sollen (siehe Artikel oben) im Internet landete, häufen sich positive, wie auch negative Kommentare. Sogar in Deutschland. Auf spiegel-online etwa wird über «Schneesozialismus» und die Frage «Wem gehört der Berg?» debattiert und ein nicht ganz erst zu nehmendes Werbe-Rundmail an deutsche Touristen formuliert: «Geh direkt ohne Anstehen auf den Berg. Ankommen und geniessen.»

Auf spiegel-online ist der Tenor auf Gurtners Vorschlag durchwegs positiv. Er mache schon Sinn, da die Gäste für eine Woche Ferien von weit herreisten und die Einheimischen jedes Wochenende auf die Bretter könnten, so ein Schreiber. Ein anderer hält die Idee für «sehr vernünftig», ein dritter meint: «Vielleicht sollten die Leute mal überlegen, wovon sie leben! Ohne Touristen keine Arbeit, ohne Arbeit kein Geld.»

Was ist ein Jahresabo noch wert?

Auf suedostschweiz.ch sind kritische Stimmen häufiger zu lesen. Was sich da abgespielt habe, sei «nur peinlich» für die Region. Der Brief sei eine Bankrotterklärung, die Konkurrenz freue sich bestimmt darüber, schreiben einige. Auch wird die Frage rund um die bereits bezahlten Jahresabonnements aufgeworfen. «Ich als Churerin musste leider den vollen Tarif zahlen. Nun ziehe ich die Konsequenzen aus der Sache und gehe dahin, wo ich nicht das Gefühl bekomme, ein unerwünschtes Übel zu sein, das die ach so wertvollen, gut betuchten Touristen belästigt.»

Viel Lärm um Nichts

Die Kirche solle doch bitte im Dorf gelassen werden, schreibt ein Einheimischer unter dem Titel «Welch ein Aufstand!». Die Einheimischen seien sehr höflich und nachvollziehbar gebeten worden, einige Tage auf den Schneesport zu verzichten. Es seien weder Einheimischen-Tickets gesperrt worden, noch werde jemand in irgendeiner Weise zu irgendetwas gezwungen. «Als Direktbetroffener verstehe ich den Aufruhr nicht. Wir treten als gute Gastgeber gerne einen Schritt zurück». Das Thema werde von den Nicht-Betroffenen viel heisser diskutiert als vor Ort, meint ein anderer. «Die meisten Einheimischen sind über die Feiertage so oder so am Arbeiten, da 90 Prozent unserer Arbeitsplätze vom Tourismus abhängig sind.» Einige Einwohner von Flims, Laax und Falera geben zu, jeweils freiwillig zwischen Weihnachten und Neujahr auf Skisport zu verzichten.

Ein geschickter Werbe-Gag?

«Wenn es Gurtner darum ging, mal wieder für flüchtige Schlagzeilen zu sorgen, kann man der Kampagne vielleicht etwas abgewinnen.» Tatsächlich wird häufig der Verdacht geäussert, dass eine gezielte Aktion dahinterstecke: «Sei es für Werbung oder Provokation, Herr Gurtner hat es geschafft, eine Diskussion auszulösen», schreibt jemand auf spiegel.de. Ob das gewünschte Ziel erreicht werde, sei dahingestellt.

Platz für Sarkasmus

Sowohl spiegel-online als auch suedostschweiz.ch bieten Platz für sarkastische Anmerkungen – auf spiegel-online meint etwa jemand spitzzüngig: «Ich freue mich wie verrückt über die Solidarität der auswärtigen Gäste mit uns armen Einheimischen. Am Montag richte ich gleich ein Spendenkonto für uns bemitleidenswerte Spezies ein.»

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