SBB: «Unter dem Strich kein Abbau»
Geschlossene Schalter am Sonntag, altes Rollmaterial, komplizierte Billettautomaten: Viele ÖV-Nutzer kritisieren die Leistungen und Angebote der SBB im Linthgebiet. Walter Züger, zuständiger Vertriebs-leiter der SBB, nimmt Stellung.
Geschlossene Schalter am Sonntag, altes Rollmaterial, komplizierte Billettautomaten: Viele ÖV-Nutzer kritisieren die Leistungen und Angebote der SBB im Linthgebiet. Walter Züger, zuständiger Vertriebs-leiter der SBB, nimmt Stellung.
Mit Walter Züger* sprach Roland Lieberherr
Walter Züger, wird das Linthgebiet von den SBB vernachlässigt?
Walter Züger: Nein, sicher nicht. Wir sind aktiv daran, Verbesserungen einzuführen. Beispiel altes Rollmaterial: Derzeit verkehren zwar noch ältere Pendelzüge aus dem Tessin oder der Romandie in der Region. Doch diese werden 2012 zu modernen Domino-Zügen aufgerüstet: mit mehr Sitzplätzen, Niederflur-Einstiegen, Klimaanlagen und Videoüberwachung. Entlang des Walensees profitieren Kunden wohl ab April – zwischen Glarus und Rapperswil etwa ab September 2012 – vom erneuerten Rollmaterial.
Die Region ist also kein SBB-Palliativzentrum für ausrangierte Wagen?
Definitiv nicht, die Kompositionen sind nicht komplett veraltet. Sie stammen zwar teils aus den 80er-Jahren, aber haben eine Lebensdauer von 30 bis 40 Jahren. Daher werden die älteren Waggons nicht verschrottet, sondern modernisiert und den seither stark gewandelten Kundenbedürfnissen angepasst. Kommt hinzu, dass solch ältere Pendelzüge im ganzen Land unterwegs sind – das Linthgebiet wird also nicht benachteiligt.
«Statt am Schalter direkt vor Ort»
Aktuell sorgen die neuen Schalteröffnungszeiten der SBB am Bahnhof Uznach für Empörung. Sonntags ist der Schalter seit November geschlossen. Damit ist zwischen Sargans und Rapperswil-Jona am siebten Wochentag kein SBB-Schalter mehr bedient. Ein massiver Abbau des Service public …
Nein, unter dem Strich nicht. Denn die freiwerdenden Ressourcen setzen wir gewinnbringend für die Kunden ein. So wird künftig an Bahnhöfen und in Zügen mehr Personal präsent sein – als direkte Ansprechpartner auf Perrons oder als Zugbegleiter. Von der Beratung vor Ort profitieren neu die meisten Reisenden – und nicht wie bisher nur wenige.
Doch gerade sonntags haben viele Kunden Zeit, sich bei Spezialtickets oder Abo-Erneuerungen beraten zu lassen …
Die Uzner Bahnkunden haben auch künftig während sechs Tagen die Möglichkeit, ihre Tickets am Schalter zu erneuern oder zu kaufen. Das ist grosszügig. Wir haben somit längere Öffnungszeiten als Poststellen oder Ämter. Und bei vergleichbaren Bahnhöfen wie Lachen SZ oder Gossau SG hat sich die Schalteröffnung an sechs Tagen bestens bewährt, ohne negative Reaktionen der Kundschaft.
«Sonntagsverkauf rentierte nicht»
Aber in Uznach wurden die Kunden vor vollendete Tatsachen gestellt: ein Abbau durch die Hintertür. Der Verein «Läbe für alli» rief zum Widerstand auf – wurden Sie mit Protestbriefen eingedeckt?
Vorweg: Die SBB haben die Gemeinde immer transparent und offen informiert. Bereits 2008 sollte der Schalter sonntags in Uznach geschlossen werden. Die Gemeinde wehrte sich dagegen und in Folge einigte man sich mit ihr darauf, die Entwicklung der Umsätze zu beobachten und dann zu handeln. Zum Widerstand: Bis Dienstagmorgen trafen 23 Briefe bei mir ein. Ein stückweit habe ich Verständnis für die Reaktionen. Doch vom Entscheid rücken wir nicht ab.
Seit 2008 sanken die Ticketverkäufe in Uznach laut SBB um 13 Prozent. Konkrete Zahlen zu den Sonntagsverkäufen fehlen aber. Die Gemeinde pocht darauf und will den Abbau nicht akzeptieren…
Diesen Vorwurf weisen wir zurück. Die Gemeinde wurde transparent informiert. Im Schnitt werden sonntags in Uznach am Schalter 20 Billette verkauft – bei der geringen Nachfrage ist eine Öffnung schlicht nicht rentabel. Dazu kommt, dass der Bund von den SBB eigenwirtschaftliche Verkaufstellen verlangt.
Heisst: Schalter, die nicht rentieren, werden gestrichen oder rentabel gemacht?
Das kann man nicht so verallgemeinern. Aber letztlich sind Schalterbetriebe ein Kostenfaktor. Und die ÖV-Nutzer erwarten von den SBB ein produktives, möglichst breites Angbot – aber zugleich einen haushälterischen Umgang mit unseren Mitteln, damit die Preise nicht explodieren. Das ist zuweilen ein Spagat, den wir machen müssen.
Droht demnach weiteren Bahnhöfen im Linthgebiet (nach Kaltbrunn, Benken, Weesen) das komplette «Schalter-Aus»?
Nein. Es sind keine weiteren selbstbedienten Bahnhöfe geplant. Die Schalterverkaufstellen in Glarus, Sargans und Rapperswil bleiben während sieben Tagen offen und das wird nicht in Frage gestellt. Wie erwähnt fiel in Lachen, Ziegelbrücke oder neu in Uznach lediglich der Sonntag weg. Diese kleinen Einschränkungen können wir guten Gewissens vertreten, vorab mit Blick auf die Verkaufsentwicklung.
«Nur ein Drittel Schalter-Tickets»
Was meinen Sie konkret?
Der Schalterverkauf hat in den letzten Jahren massiv an Bedeutung verloren. Zwei Drittel aller SBB-Tickets werden heute an Automaten, direkt über das Handy, via Telefon oder Internet bestellt und verkauft.
Doch gerade ältere Personen sind technisch nicht so versiert und oft mit den Touchscreen-Automaten überfordert?
Das stimmt nur in Einzelfällen. Meist handelt es sich um gewisse Schwellenängste, die unbegründet und es einmal zu überwinden gilt. Wenn Kunden unsicher sind, können sie das SBB-Personal um Hilfe bitten. Haben sie sich die Bedienung zeigen lassen, wird den meisten klar, dass es keine Hexerei ist. Sie sehen, wir bieten Hand zur bedienten Selbstbedienung. und lassen niemanden allein.
Am Bahnhof Schänis sieht das etwas anders aus. Der Betrieb durch den privaten Stationshalter steht vor dem Ende, weil er künftig viel tiefere Provisionen bei Abo-Verkäufen erhält. Wird hier nicht bei den Schwächsten gespart?
Im Gegenteil. Private Stationshalter waren bisher gegenüber anderen Stellen, die ebenfalls Fahrkarten verkaufen, sogar bevorteilt. Dies wurde vorab gemacht, weil man den privaten Stationshaltern einen einfachen Start ermöglichen wollte. Doch jetzt stimmen die Verhältnisse nicht mehr: All diese Drittanbieter (z.B. Avec-Shops, SOB- und RhB-Verkaufsstellen) erhalten nun die gleichen Konditionen.
«Private Halter waren bevorzugt»
Nur noch 50 statt 300 Franken pro GA-Verkauf ist aber eine massive Kürzung?
Ja, aber diesbezüglich muss mit einem Irrglauben aufgeräumt werden. Das GA ist kein SBB-Fahrausweis – sondern einer des gesamten öffentlichen Verkehrs. Die Summe für die Provisionen spricht der Verbund öffentlicher Verkehr (VöV) und nicht die SBB. Zudem «lebt» der Bahnhof Schänis nicht ausschliesslich von den Provisionen. Mit Kiosk, Café und Reiseangeboten hat der Schänner Stationshalter genügend weitere Einnahmequellen für einen rentablen Betrieb.
Also ist kein Entgegenkommen der SBB zu erwarten. Sind private Stationshalter ein Auslaufmodell?
Wir begrüssen Drittanbieter und haben nicht die Absicht, das Stationshalter-Modell aufzugeben. Je nach Betrieb kann es aber finanziell eng werden. Daher sind für private Betreiber andere Standbeine umso wichtiger.
Zurück zum Start – welche Verbesserungen planen die SBB in der Region?
Neben den erwähnten Domino-Pendlerzügen treiben wir zahlreiche kleine Verbesserungen voran. So ist der Bahnhof Uznach seit Juni Annahmestelle für Paket- und Briefsendungen und es sind 20 neue Park+Ride-Plätze geschaffen worden. Solche kleine Optimierungen gibt es im ganzen Gebiet – leider werden sie oft zu wenig beachtet.
*Walter Züger ist Leiter Vertrieb der SBB-Region Graubünden-Walensee – und damit auch für das Linthgebiet zuständig.
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