«Politik braucht den Austausch»
Mit Brigitta Gadient verlässt eine der bekanntesten Politikerinnen den Nationalrat. Kompetent und vielseitig trat sie stets für mehrheitsfähige und nachhaltige Lösungen ein.
Mit Brigitta Gadient verlässt eine der bekanntesten Politikerinnen den Nationalrat. Kompetent und vielseitig trat sie stets für mehrheitsfähige und nachhaltige Lösungen ein.
Von Sabine-Claudia Nold
«Nach siebzehn Jahren als Nationalrätin ist der Zeitpunkt gekommen, neuen Kräften Platz zu machen», meint Brigitta M. Gadient, die bis Ende September auch erste Fraktionspräsidentin der Bürgerlich-demokratischen Partei war. Zudem sei es vom Alter her ebenfalls der richtige Zeitpunkt, um das berufliche Standbein nochmals voll aufzubauen. «Die Arbeit in meiner Praxis hatte ich als Nationalrätin und Fraktionspräsidentin auf rund einen Drittel reduziert», erklärt die Juristin. Freizeit habe es neben der Politik kaum gegeben. Und mit einem Lächeln fügt sie an: «Politik war Beruf und Berufung, aber auch Hobby.»
In Zukunft freue sie sich nun ihre Arbeit als Rechts- und Organisationsberaterin wieder auszubauen. «Das Netzwerk und die Erfahrung, die ich in den letzten Jahren erarbeitet habe, sollen nun in die Privatwirtschaft einfliessen.» Die Arbeit in der Praxis könne nicht mit der Arbeit im Parlament verglichen werden, weil sie komplett anders sei – «aber gewiss ist sie nicht weniger spannend oder intensiv».
Kompetent in jungen Jahren
«Bevor ich ins Parlament zog, hatte ich bereits sieben Jahre in den Parlamentsdiensten gearbeitet, zuvor zweieinhalb Jahre im Generalsekretariat der SVP», erzählt Gadient. Dadurch habe sie bereits alle Abläufe und Verfahren gekannt und über viele Kontakte in der Verwaltung verfügt. Mit der Wahl zur Nationalrätin sei eigentlich nur ein Kulissenwechsel erfolgt, meint Gadient. «Zuvor habe ich hinter den Kulissen gearbeitet, mit der Wahl zur Nationalrätin wurde der Schritt vor die Kulisse vollzogen.» Gadient hatte im Januar1995 als damals jüngste Nationalrätin in die grosse Kammer Einsitz genommen.
Vielseitige Politikerin
«Ich hatte das Glück, in der Geschäftsprüfungskommission GPK Einsitz zu haben, welche für mich die interressanteste Kommission des Parlaments ist.» Je nach Interesse melde man sich für eine Kommission an, die Fraktion nehme die Verteilung vor und das Büro des Rats genehmige diese, schildert Gadient den Ablauf.
«Die Mitglieder der GPK haben Einblick in alle Departemente und sind mit allen Ämtern und Bundesräten in regem Kontakt. Das Ziel der Arbeit ist es, die Oberaufsicht wahrzunehmen und so zum besseren Funktionieren von Regierung und Verwaltung und auch zum Vermeiden von Fehlern beizutragen.» Auch die gesamte Bundespersonalpolitik fliesst in der GPK zusammen. Als Nationalrätin war Gadient zwei Jahre Präsidentin dieser Kommission.
Von der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur erzählt Gadient nicht weniger begeistert: «Ich bin überzeugt, dass Bildung, Forschung und Innovation die Schlüsselfaktoren für das Wohlergehen der Schweiz sind.» Mit ihrem Berufsbildungssystem, aber auch an den Universitäten und Hochschulen verfüge die Schweiz über Top-Ausbildungsplätze und sei im internationalen Wettbewerb im Spitzenbereich. Der Austausch innerhalb der Forschung und Wissenschaft sei wichtig und fände statt, so Gadient. Daneben hat sich die Juristin auch immer aussenpolitisch engagiert, beispielweise in der Entwicklungszusammenarbeit oder in der Interparlamentarischen Union, der Vereinigung aller Parlamente der Welt, in der sie zuletzt die Kommission für Internationales humanitäres Völkerrecht präsidierte.
Ohne Austausch keine Politik
Dabei übergeht Gadient bescheiden ihre Arbeit in vielen anderen Gebieten – beispielsweise in den Bereichen Tourismus, Verkehr, Kultur oder KMU –, die in Graubünden auch zu ihrem grossen Ansehen beigetragen hat. «Die Politik lebt vom Austausch und Kontakt untereinander», weiss Gadient. «Sowohl untereinander in der Partei, aber auch überparteilich, national und international.» Sie sei überzeugt, dass überparteiliches Arbeiten unumgänglich sei, um eine mehrheitsfähige Lösung zu erarbeiten, erklärt sie mit Nachdruck. Sich aus all den verschiedenen Standpunkten am Ende eine eigene Meinung zu erarbeiten und an einer für die Zukunft des Landes wegweisenden Gesetzgebung mitzuarbeiten, sei eine hochinteressante Herausforderung.
Einen speziellen, überparteilichen Austausch gebe es unter den Parlamentarierinnen, die sich regelmässig träfen, um über anstehende Themen zu diskutieren. «Ja, die Gesprächskultur unter Frauen ist anders», nickt Gadient. Ohne pauschalisieren zu wollen, sei bei den Frauen das Bemühen, eine andere Sicht genau kennenzulernen und aufgrund der verschiedenen Standpunkte eine gemeinsame Lösung finden zu wollen, tendenziell stärker.
Mit Blick auf die Zukunft freue sie sich, mehr Zeit für ihre berufliche Aktivität zu haben und ihre Erfahrungen in der Privatwirtschaft einbringen zu können. Daneben möchte sie auch Wanderungen unternehmen oder Ski fahren und ihre Sprachkenntnisse pflegen. «In den letzten Jahren habe ich viele Akten in verschiedenen Sprachen gelesen, nun hoffe ich auf etwas mehr Zeit, um mich auch anderer Lektüre zuzuwenden.» Für das politische Geschehen werde sie sich auch in Zukunft interessierern, aber ihre aktive politische Zeit sieht sie mit dem Austritt aus dem Nationalrat als beendet an.
Mit dem Abschluss der Legislaturperiode am 4. 12. endet für sechs Bündner PolitikerInnen ihre Karriere. In einer Serie blickt das BT auf ihre Berner Zeit zurück. Heute erscheint der 3. Beitrag.
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