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Nur Insidern bekannt

Mit 110 Stundenkilometern Geschwindigkeit donnert der Wind an diesem Morgen über die felsigen Dächer der Surselva, der Himmel so fahl wie der Schnee auf dem Crap Sogn Gion.

Südostschweiz
28.01.15 - 01:00 Uhr
Zeitung

Hier in Laax erhebt sich seit Neuestem die grösste Halfpipe der Welt – 200 Meter lang, 6,9 Meter hoch. «Die Pipe ist spitze. Es heisst sie sei die Grösste. Na ja, auf jeden Fall hat der neue Pipe-Dragon den grössten Radius.» Der Pipe-Dragon, der Röhrendrache, ist der Fräser, der die Halfpipe formt und der Mann, der das erklärt ist Nicolas Müller – einer der besten Snowboarder der Welt.

Wenn er nicht gerade dabei ist, schneebedeckten Hängen hinterherzureisen, wohnt der 32-jährige Freerider dort, wo seine Karriere als 14-jähriger Schulabbrecher begann, in Laax. Das Haus, das er vor fünf Jahren hier gekauft hat, liegt zwei Gehminuten vom «Hotel Rustico» entfernt. Dass dort bald Asylbewerber einziehen, stört ihn nicht im Geringsten. Überhaupt findet er für seine Wahlheimat nur lobende Worte: «In Laax wird Tourismus gelebt – das Engagement ist gewaltig.» Anders als in vielen anderen Schweizer Skigebieten werde hier der Wert des Snowboardsports erkannt. «Sie sind bei den Jungen und beobachten, was sie brauchen.» Die vielfältigen Abfahrten, der Snow-Park und jetzt noch die Pipe – dafür würden viele Leute von weit her kommen, auch seine Profi-Kollegen. Im Moment ist der Olympia-Silbermedallien-Gewinner Stale Sandbech bei im zu Besuch. «In Sachen Snowboarden hält nur noch Mammoth in Kalifornien mit Laax mit.»

Müller wurde von den renommiertesten Fachmagazinen des Snowboardsports zweimal zum Rider of the Year gewählt, in den USA ein Star, in der Schweiz und seiner Wahlheimat Graubünden nahezu unbekannt. Das hat seine Gründe: Müller fährt seit Jahren keine Wettkämpfe mehr. Stattdessen lässt er sich bei seinen Sprüngen abseits der Piste filmen und fotografieren. «Irgendwann merkte ich, dass es mir gar nicht darum geht, diesen oder jenen Trick auch noch zu beherrschen. Es war immer nur wichtig, so viel wie möglich snowboarden zu können, meinen persönlichen Stil und Ausdruck weiterzuentwickeln.» Müllers Stil ist es, so federleicht und flüssig über Felsen, Baumstämme und Wechten zu gleiten wie keine anderer. Für einen Film oder ein Bild wandert er mehrere Stunden durch das Gelände abseits der Pisten. «Ich laufe nicht an ein Set und jemand sagt mir‚ mach diesen Sprung’. Die eine Wechte kann am nächsten Tag schon wieder anders aussehen. Du hast einen Tag, um dahin zu kommen, drei Sprünge, und der Filmer muss genau wissen, was er tut.» Es gehe um Ästhetik, einen künstlerischen Anspruch, der über das Athletische hinausreiche. Die Halfpipe befährt er trotzdem noch gerne. Wenn er dazu kommt.

Nebst seinen Filmprojekten engagiert sich Müller für die Umwelt. Er ist Regenwaldbotschafter und beteiligt sich an einem Nachhaltigkeitsprojekt der Weissen Arena. Mit seinem Sponsor Nike hat er einen Boot aus recyceltem Material entwickelt. Sein anderer Sponsor Gnu ist eine kleine Marke, die grossen Wert auf umweltverträgliche Produkte legt. Im Sommer kann es vorkommen, dass man ihn antrifft, wie er am Crap Sogn Gion den liegengebliebenen Müll zusammenliest; seine Lebensmittel kauft er im Bioladen, seit 20 Jahren isst er kein Fleisch. Aber verträgt sich Umweltschutz mit dem Jetset-Leben eines Profisportlers? «Klar, ich fliege um die Welt und mit Helikoptern auf den Berg, aber in meinem Alltag pflege ich als Ausgleich einen möglichst bewussten Umgang mit natürlichen Ressourcen.»

Als die Bündner Olympiakandidatur zur Abstimmung kam, hat Müller deshalb als wahrscheinlich einziger Profiwintersportler Graubündens Nein gestimmt. Auch professionell boykottiert er Skiverband und Olympiade. Müller knetet die Hände, sein sonst so gelassener Tonfall verändert sich. Der Gigaevent schade dem Sport mehr, als dass er nütze. «Ich bin froh, dass ich meine Sponsoren habe, denn es gibt kaum noch Verträge. Praktisch alle Sponsoren investieren in Olympia, das Geld fehlt dann im freien Sport.» Auch die Sponsoren würden so längerfristig verlieren. «Die Leute, die Snowboard-Produkte kaufen, wollen Freude am Berg, nicht Kunstturn-Wettkämpfe fahren. Die Snowboardbranche muss realisieren, dass der Gegenwert der Investition in Olympische Spiele viel zu klein ist. Es ist ja nicht mal erlaubt, den Sticker des Sponsors am Brett zu haben.»

Ausserdem sei ein Olympiasieg für den Rider auch immer Glücksache. «Du trainierst vier Jahre für einen Event und dann hast du an dem Tag einen Schnupfen.» Noch dazu hätten alle die gleichen Tricks und Trainer, der Wettbewerb werde dadurch unnatürlich. «In der Halfpipe werden die Sprünge immer krasser. Wenn sich sogar die Besten fast das Genick brechen, wo bleibt da die Freude? Freude ist das Wichtigste.»

Snowboarden als Lebensgefühl, statt als brettharter Athletensport? Fehlt ihm dabei nicht die Anerkennung? Müller lächelt. Gestern habe ihm ein Angestellter der Laaxer Bergbahnen die Hand gereicht und ihm gedankt. «Der Mann stammt aus Patagonien und sagte mir, er habe wegen meiner Filme angefangen zu boarden. Das ist meine Goldmedaille.»

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