Mustergültig inszeniert: Alberto Giacometti in Wien
Von den vielen Ausstellungen moderner Kunst in Wien ist über die Festtage wohl keine so sehr eine Reise wert wie die Alberto Giacometti gewidmete im Leopold-Museum.
Von den vielen Ausstellungen moderner Kunst in Wien ist über die Festtage wohl keine so sehr eine Reise wert wie die Alberto Giacometti gewidmete im Leopold-Museum.
Von Walter Labhart
Wien. – Zwischen der Schau «Henri de Toulouse Lautrec. Der Weg in die Moderne» im Bank Austria Kunstforum und den Ausstellungen «Joan Miró. Von der Erde zum Himmel» und «Arnulf Rainer. Retrospektive» in der Albertina ragt im Wiener Museumsquartier eine Werkübersicht hervor, die für vielerlei Überraschungen sorgt. Das Leopold-Museum glänzt mit einem neuartigen Zugang zu Alberto Giacometti (1901–1966). Nie zuvor wurde der künstlerische Weltbürger aus Graubünden so einfalls- und beziehungsreich in einer Retrospektive vorgestellt. Nebst zahlreichen zentralen Werken sind es vor allem kluge Gegenüberstellungen, die den besonderen Wert der Ausstellung «Alberto Giacometti. Pionier der Moderne» ausmachen.
Im Unterschied zu den Präsentationen spezieller Schaffensaspekte in Paris und Zürich in den letzten paar Jahren arbeitet die Wiener Schau, die fast ein halbes Jahrhundert umspannt, mit der Integration von Arbeiten jener Zeitgenossen, die Giacometti beeinflusst hatten oder Wesensverwandtschaften widerspiegeln.
Das anregende Umfeld
Alberto Giacomettis grundverschiedene Entwicklungsphasen lassen sich von den koloristischen Anfängen im Zeichen von Cuno Amiet und Giovanni Giacometti über die Auseinandersetzung mit dem Kubismus und der Annäherung an den Surrealismus bis zum farbarmen Spätwerk mit seinen hohen, stelenartigen Bronzeskulpturen genussreich verfolgen. Konfrontationen mit anregenden Skulpturen von Brancusi, Laurens und Lipchitz sowie mit Gemälden von Derain, Max Ernst, Gris, Magritte, Miró, Picasso und Severini stellen formal und ästhetisch überraschende Zusammenhänge her.
Sie mindern den Eigenwert von Giacomettis uvre keineswegs, sondern machen vielmehr die allmählichen Veränderungen und die Festigung seines Personalstils verständlicher. Dank diesen vielen Gegenüberstellungen kristallisiert sich der zum Wahlpariser gewordene Schweizer Pionier als einer der Hauptvertreter der «Ecole de Paris» heraus. Durchschreitet man sein übersichtlich ausgebreitetes uvre, beginnt man an das in der französischen Metropole gleichzeitig und oft in nächster Nähe entstandene Lebenswerk seiner Mitstreiter zu denken. Giacometti erscheint dadurch in einem Museum erstmals nicht als isolierter Aussenseiter, sondern als markanter Bestandteil verschiedener künstlerischer Bewegungen.
Brillante Dramaturgie
Um die Wirkung der grossen Schreitenden und der statisch stehenden Frauen zu erhöhen, strebt die Ausstellung in einem besonders hohen Raum gewissermassen deren Sakralisierung an. Als dramaturgische Kunstmittel, die den hieratischen Charakter betonen, dienen auf Gipsformen anspielende weisse Schatten an den Wänden. Der grau gesprenkelte Boden erinnert an denjenigen in Giacomettis Pariser Atelier, metallisch glänzende Wände und schwere Lampen evozieren die Atmosphäre von Giessereiwerken, in denen die Skulpturen gegossen wurden.
Zum vertieften Verständnis von Giacomettis Geistesverwandtschaft mit dem von Sartre angeführten Existentialismus tragen zusammen mit Saaltexten ausgewählte Zitate des Künstlers bei. Zur wechselnden Sichtweise etwa hielt er fest: «Man kann einen Tisch, einen Stuhl, ja eine Tasse jeden Tag neu entdecken, schöner und wirklicher als zuvor.»
Mit Bacon in London
Ein Filmporträt und Fotos von Ernst Scheidegger sowie solche von Man Ray, Henri Cartier-Bresson, Kurt Blum, Inge Morath, René Burri und E.W. Kornfeld führen ganz nahe an den Menschen Giacometti heran. Der von Franz Smola und Philippe Büttner herausgegebene Katalog enthält einen Sonderbeitrag über Alberto Giacometti und Österreich, widmet den frühen Jahren in Stampa und Paris ein eigenes Kapitel und macht erstmals mit Giacomettis und Bacons gemeinsamem Besuch einer Schiele-Ausstellung in London bekannt.
Alberto Giacometti, Leopold-Museum, Wien. Bis 26. Januar 2015.
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