Molly Brown – die echte Unsinkbare
Margaret Brown überlebte als eine von 706 Passagieren den Untergang der «Titanic». Die «unsinkbare Molly Brown» war eine der Heldenfiguren der Katastrophe. Der 100. Jahrestag gibt ihrer inspirierenden Geschichte neue Aktualität.
Margaret Brown überlebte als eine von 706 Passagieren den Untergang der «Titanic». Die «unsinkbare Molly Brown» war eine der Heldenfiguren der Katastrophe. Der 100. Jahrestag gibt ihrer inspirierenden Geschichte neue Aktualität.
Von Thomas J. Spang
Denver. – Janet Kalstrom hat den aufwendig geschmückten Federhut schon bereitgelegt. Ob sie ihn bei der Gedenkfeier zu Ehren der «Titanic»-Opfer samt dem dazugehörigen Kostüm tragen wird, hat sie noch nicht entschieden. «Ich mache das ganz von der Stimmung abhängig», sagt die 61-Jährige, die mit dem Kreuzfahrtschiff «Balmoral» auf Zeitreise ist. Heute, am 100. Jahrestag der Katastrophe, soll die «Balmoral» die Stelle erreichen, an der die «RMS Titanic» vor einem Jahrhundert in den eisigen Fluten des Atlantiks verschwand.
Für die Rentnerin aus Denver ist der 15. April mehr als bloss ein Jahrestag. «Ich versuche diese Reise durch die Augen der Margaret Brown zu sehen», erklärt Kalstrom ihre Mission. Es ist ein persönlicher Annäherungsversuch an eine der 706 «Titanic»-Überlebenden, über die sie auf der Reise bloggt (www.chasingmolly-mytmcjourney.blogspot.com). «Ich spüre eine tiefe Verbindung zu ihr», sagt die Bloggerin, die zu Hause in Denver in einem Museum arbeitet, das der «Titanic»-Heldin und Frauenrechtlerin gewidmet ist.
1. Klasse selbstverständlich
«Für Molly Brown war die Atlantiküberquerung eigentlich nichts Besonderes», weiss Kalstrom von der 1.-Klasse-Passagierin zu erzählen, die seit der Trennung von ihrem Mann viel auf Reisen war. Ihr Ehemann war als Ingenieur in einer Mine im US-Bundesstaat Colorado durch die Entdeckung einer Goldader reich geworden. So reich, dass er Margaret nach der Trennung 1908 jeden Monat eine erkleckliche Summe zahlte, die ihr das Leben einer Gesellschaftsdame ermöglichte.
Im Frühjahr 1912 war Margaret Brown mit ihrer Tochter Helen in Ägypten und Europa unterwegs. Auf halber Strecke ereilte sie die Nachricht von der schweren Erkrankung eines Enkelkindes. Kurz entschlossen buchte sie für 4350 Dollar eine der Luxuskabinen auf der Jungfernfahrt der «Titanic» und stieg im französischen Cherbourg zu. Genauer gesagt: eine Meile vor Cherbourg im Atlantik, denn das Hafenbecken war nicht tief genug, um das mit 269 Metern Länge damals weltgrösste Passagierschiff andocken zu lassen. Die «Titanic» war ein Koloss – und ein Wunder der Technik, das ihre Eigentümer von der englischen Reederei White Star Line als «praktisch unsinkbar» anpriesen.
In Cobh stiegen die Armen zu
Die «Balmoral» folgt auf ihrer Erinnerungsreise, die im englischen Southampton begann, der Route der «Titanic». Dazu gehörte am Montag dieser Woche auch ein Stopp vor dem irischen Cobh. Dort waren am 10. April 2012 Auswanderer zugestiegen, die in der Neuen Welt ihr Glück versuchen wollten. Für die meisten von ihnen sollte sich der Traum fünf Tage später in einen Albtraum verwandeln. Wie für die meisten Reisenden der 3. Klasse, die auf den unteren Decks untergebracht waren. Nur einer von vier dieser Billigpassagiere überlebte, während drei von fünf vornehmen Herrschaften mit dem Leben davonkamen.
«Frauen und Kinder zuerst» hat sie überhört
Brown gehörte zu den Privilegierten. Wenngleich sie selber keine Vorzugsbehandlung verlangte. Die kurz nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkriegs 1867 in Hannibal im US-Bundesstaat Missouri zur Welt gekommene Margaret, vergass nie ihre Herkunft aus bescheidenen Verhältnissen. Wie selbstverständlich half die 45-Jährige in der Schicksalsnacht erst anderen Mitreisenden, in die wenigen Rettungsboote zu kommen. Als Kapitän John Smith die berühmte Anweisung «Frauen und Kinder zuerst» gab, fühlte sich die Feministin nicht angesprochen. «Das hat sie gestört», weiss Janet Kalstrom aus Recherchen über Browns Leben. «Sie wollte das selber entscheiden.» Als Brown nach ihrer Rettung von Reportern am Pier 54 in New York gefragt wurde, warum sie überlebt habe, erklärte sie lapidar: «Typisches Brown-Glück. Wir sind einfach unsinkbar.»
Diese Bemerkung machte Margaret Brown später als «Unsinkbare Molly Brown» weltberühmt. Zuerst mit Richard Morris’ Musical «The Unsinkable Molly Brown» von 1960. Vier Jahre später mit einem Film mit demselben Titel, der ihr Image als zupackende, nur wenig gebildete Heldin prägte. Nicht ganz so schlicht – aber nicht minder klischeehaft – spielte sie Kathy Bates 1997 in James Camerons Kinoversion der Ereignisse – die seit Kurzem in einer 3-D-Fassung über die Leinwände flimmert.
Mit der wirklichen Margaret Brown hat das alles wenig zu tun, wie ihre Biografin Kristen Iverson in «Molly Brown: Unraveling the Myth» aufzeigt. Angefangen beim Namen «Molly», den sie zu Lebzeiten nicht benutzte. «Man hat den Namen geändert, weil er sich besser singen liess», schreibt Iverson. Nicht minder falsch sei der Versuch, Brown als keckes Salon-Mädchen darzustellen. Solche Mythen zielten typischerweise darauf ab, «Errungenschaften von Frauen kleinzureden».
Janet Kalstrom stimmt mit der Biografin überein. «Sie war eine sehr gebildete Frau, die Englisch, Deutsch, Französisch, Spanisch und Russisch beherrschte.» Richtig sei allerdings, dass es roher Kraft bedurft habe, um sie in ein Rettungsboot zu bewegen. «Molly wurde unter Protest in das Boot geworfen.»
Auch dort verhielt sie sich nicht, wie man dies von einer feinen Lady der Oberklasse erwartet hätte. «Molly übernahm sofort eine Führungsrolle im Rettungsboot Nummer 6.» Als die vermeintlich unsinkbare «Titanic» um 2.20 Uhr in der Nacht im Atlantik versank, ruderten die Überlebenden so weit wie möglich weg – aus Sorge, mit in den Sog des untergehenden Schiffs zu geraten. Margaret Brown dagegen bestand auf dem Gegenteil und legte sich mit Steuermann Robert Hichens an. Dieser wehrte sich gegen die Idee, zurückzurudern, denn er fürchtete, verzweifelte Menschen im Wasser könnten das nur halbvolle Boot zum Kentern bringen. Doch Brown setzte sich durch und rettete so angeblich zwei Schiffbrüchigen das Leben. Eine Anekdote, die durch historische Fakten nicht zweifelsfrei belegt werden kann, aber doch einiges über die couragierte Frau aussagt.
Schon vor der Tragödie engagiert
Janet Kalstrom will auf ihrer Kreuzfahrt interessierten Mitreisenden ein realistisches Bild der Heldin vermitteln. Dafür hat sie ihr Kostüm dabei, in dem sie sonst Besucher des Molly Brown House in Denver willkommen heisst. Jahr für Jahr pilgern mehr als 45 000 Besucher zu der vom berühmten Architekten William Lang entworfenen Villa, in deren 16 Räumen Margaret Brown einst residierte und wo heute ein Museum an sie erinnert. Das Museum nutzt das Interesse an der «Titanic»-Katastrophe, um eine andere Geschichte, jene der Frauen- und Bürgerrechtlerin Margaret Brown, zu erzählen. «Das Unglück hat ihrem Leben einen klareren Fokus gegeben», meint Museumsdirektorin Andrea Malcomb. Brown habe sich allerdings bereits vor der Tragödie engagiert und öffentlich für das Frauenwahlrecht gekämpft. Obwohl Frauen 1914 noch nicht wählen durften, sei Brown demonstrativ als Kandidatin für den US Senat angetreten.
Nach dem Drama half die «Unsinkbare» mit, das erste Jugendgericht in den USA aus der Taufe zu heben. In Denver machte sie sich darüber hinaus als Tierschützerin und grosszügigen Förderin der Künste einen Namen. Ihre Berühmtheit durch die «Titanic»-Katastrophe verschaffte der Neureichen Zugang zur High Society von Newport im Ostküsten-Bundesstaat Rhode Island, wo das «alte Geld» sass. Sie freundete sich dort mit der schwerreichen Frauenrechtlerin Alva Vanderbilt an und nutzte ihren Einfluss, sich für alle möglichen Belange stark zu machen. «Sie war ihrer Zeit weit voraus», lobt Malcomb die progressive Gesellschaftsdame.
Geld für die Drittklassigen …
Dass sie das war, stellte Margaret Brown auch auf der Schicksalsfahrt der «Titanic» unter Beweis. Noch an Bord des britischen Passagierschiffs «Carpathia», die den Schiffbrüchigen in den frühen Morgenstunden zur Hilfe geeilt war, organisierte sie einen Hilfsfonds für die Passagiere der 3. Klasse, die zum Teil ihre Angehörigen und in jedem Fall ihren ganzen, ohnehin schon bescheidenen Besitz verloren hatten. «Sie dachte dabei strategisch», meint Kalstrom bewundernd. Brown habe auf der Fahrt nach New York den cleveren Plan ausgeheckt, um die Reisenden der 1. Klasse zum finanziellen Mittun zu verpflichten: «Sie kündigte an, die Namen der Spender zu veröffentlichen.» Klar, dass niemand auf dieser Liste fehlen wollte. Schon vor dem Landgang am 18. April kam so die damals erkleckliche Summe von 10 000 Dollar zusammen.
Kalstrom sieht in Brown ein Vorbild, das auf dem Höhepunkt eines von starken Gegensätzen geprägten Zeitalters half, Gesellschaftsschranken zu überwinden. «Sie lehnte es ab, Unterschiede zu machen», sagt Kalstrom über ihre Heldin, die einmal meinte, es seien drei Klassen an Bord der «Titanic» gegangen, doch seit dem Unglück gebe es «nur noch die Klasse der Überlebenden».
… und ein Pokal für den Retter
Molly Brown ging als eine der Letzten von Bord der «Carpathia» – erst nachdem sie sichergestellt hatte, dass jeder der Schiffbrüchigen in New York eine Unterkunft hatte. Als Vorsitzende des Überlebenden-Komitees präsentierte sie Kapitän Arthur Rostron einen silbernen Pokal als Dank für seinen Entscheid, nach den Opfern der Katastrophe zu suchen.
Janet Kalstrom hofft, ihrer Heldin auf ihrer Zeitreise auf der «Balmoral» näherzukommen. «Ich bewundere durchsetzungsfähige Frauen», sagt die Rentnerin, die seit 2007 jeden Tag ins Molly Brown Kostüm schlüpft. Nach Meinung vieler Besucher des Molly-Brown-House hat Kalstrom viel Ähnlichkeit mit der resoluten Dame auf den verblichenen Aufnahmen. «Ich wünschte, ich könnte sie einmal treffen», meint sie und lacht verlegen. Das bleibt selbstredend ein unerfüllter Wunsch. Margaret Brown mochte zwar unsinkbar sein; unsterblich war sie nicht. Sie starb 20 Jahre nach dem Untergang der «Titanic» mit 65 Jahren an einem Gehirntumor.
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