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Mitleid mit dem liebsten Nachbarn

Was sie selber längst wussten, hat jetzt ein Marktforschungsinstitut bestätigt: Die Österreicher haben eine Vorliebe fürs Faulenzen. Demnach geben 46 Prozent der Befragten zu, sich regelmässig dem süssen Nichtstun hinzugeben.

Südostschweiz
16.03.12 - 01:00 Uhr

Von Rudolf Gruber

Drei Viertel sind erst richtig «zufrieden», wenn sie zwischendurch faulenzen können, ein Viertel fühlt sich dann sogar «sehr zufrieden».

Dass Schweizer und Deutsche über das Laissez-faire der Österreicher gerne lästern, nehmen diese gelassen hin: Die Nachbarn sind ja bloss neidisch, weil sie ein gestörtes Verhältnis zur Faulenzerei haben! Das haben die Schweizer erst kürzlich wieder bewiesen, als sie freiwillig und geradezu demonstrativ mehr Ferien ablehnten. Das ringt den Österreichern, wie in hiesigen Zeitungen zu lesen war, zwar Respekt für das kollektive eidgenössische Verantwortungsbewusstsein ab, aber auch Mitleid für den einzelnen Stimmbürger. In Österreich wäre das Ergebnis ein völlig anderes gewesen.

Der Schweizer ist, wie Umfragen seit Jahrzehnten bestätigen, des Österreichers liebster Nachbar – allen Österreicherwitzen zum Trotz. Direkte Demokratie, Leistungswille, Forscherdrang, Präzision, Qualität – alles, was die Schweiz auszeichnet, gilt als vorbildlich. Aber Grund zum Nacheifern ist das noch lange nicht: Mögen in der Schweiz 100 Prozent als übliches Leistungsziel gelten, in Österreich genügen 70, 80 oder 90 Prozent. Der Rest ist ungeschriebenes Recht aufs Faulenzen, das auch die Wirtschaftstreibenden einkalkulieren (müssen) – selbstironisch «Gemütlichkeitsfaktor» genannt.

Dass Österreich mit 70, 80 oder 90 Prozent zum viertreichsten Land in der EU aufsteigen konnte, statt in griechische Verhältnisse abzugleiten, mag Aussenstehende wundern. Die Österreicher wissen: Sie können mit ihrer Unvollkommenheit eben perfekt umgehen.

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