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Merz-Biografie zahlt den Preis der Autorisation

Die Vorgeschichte der Biografie über alt Bundesrat Hans-Rudolf Merz ist spektakulärer als ihr Inhalt. Das Buch «Härte, Herz und Humor» bietet viel über den Menschen und wenig über den Bundesrat Merz.

Südostschweiz
15.09.12 - 02:00 Uhr

Von Doris Kleck

Bern. – Die Leidensgeschichte der Biografie zu alt Bundesrat Hans-Rudolf Merz ist lang. Geplant war die Publikation ursprünglich im Hinblick auf sein Präsidialjahr 2009. Merz’ Herzstillstand 2008 führte jedoch zu einem Unterbruch des Projekts. Und zwei Jahre später wollte Merz keine Biografie mehr, weil das Buch zu stark auf seine Person fokussiere. Die Veröffentlichung einer unautorisierten Version kam weder für den Verlag noch den Autor infrage. Hans-Rudolf Merz willigte schliesslich doch noch ein. Am 21. September kommt das Buch nun in die Läden – rechtzeitig zum 70. Geburtstag des Appenzellers.

So spektakulär die Vorgeschichte, so unspektakulär ist das Resultat – zu- mindest für den politischen Beobachter. Autor Philippe Reichen, Westschweiz-Korrespondent des «Tages-Anzeigers», nimmt dies indes im Vorwort vorneweg: «Das Buch ist keine politische Biografie, sondern die Biografie eines Politikers.»

Viel über den Werdegang …

Über das Leben von Merz vor seiner Zeit als Bundesrat erfährt der Leser denn auch reichlich. Vom verträumten Schüler, der in den musischen Fächern glänzte, mit Mathematik seine Mühe hatte und mit 14 Jahren schon klassische Konzerte besuchte. Vom Studenten Merz, der den Kommunismus bei einem Austausch-Semester in der Tschechoslowakei kennenlernte und deshalb Freiheit und Demokratie um so mehr schätzte. Vom Doktoranden Merz, der als Familienvater jeden Franken umdrehen musste. Und vom Wirtschaftsberater Merz, der für den Industriellen Stephan Schmidheiny um die Welt reiste, einen Essay über aussergewöhnliche Führungspersönlichkeiten verfasste und schliesslich die Ausserrhoder Kantonalbank rettete. Diese Handlung katapultierte ihn als Ständerat in die Politik.

… wenig über die Bundesratszeit

Die Zeit im Bundesrat zwischen 2003 und 2010 nimmt im Buch wenig Raum ein. Die Biografie ist diesbezüglich vor allem ein Versuch, Merz’ (unterschätzte) Leistung sichtbar zu machen. Denn gemessen am Rückgang der Staatsverschuldung um 20 Milliarden Franken war Merz erfolgreich. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass der zweite freisinnige Bundesrat Pascal Couchepin verhindern wollte, dass Merz das Finanzdepartement übernimmt, weil er eine ungünstige Kostenentwicklung befürchtete.

Doch eben: Merz war Finanzminister zu einer Zeit, als der Finanzplatz stark unter Druck geriet. Angefangen von der UBS-Rettung bis zum Bruch des Bankgeheimnisses mit der Datenlieferung an die USA. Zur Rolle von Merz in dieser Phase erfährt der Leser nichts Neues. Die kritische Auseinandersetzung beschränkt sich auf die Wiedergabe der Berichte der Geschäftsprüfungskommission. Gleiches gilt für Merz’ erfolglose Libyen-Mission. Gemäss Reichen eine Aktion «aus purer Menschlichkeit».

Die Biografie ist autorisiert – der Preis dafür ist eine gewisse Kritiklosigkeit. Das gilt beispielsweise auch für Merz’ Reformversuch bei der Mehrwertsteuer oder die Unternehmenssteuerreform II – deren Folgen heute noch Thema im Parlament sind.

Philippe Reichen: «Härte, Herz und Humor». Appenzeller Verlag. 304 Seiten. 48 Franken. Das Buch ist ab 21. September erhältlich.

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