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Marugg: «Es braucht eine dicke Haut»

Erstmals wird mit Rolf Marugg ein Grüner Landratspräsident von Davos. Der 43-Jährige hat seit Jahren die WEF-Proteste organisiert und kandidierte auch schon als Landammann. Als höchster Davoser will er sich nun politisch zurückhalten.

Südostschweiz
05.01.15 - 01:00 Uhr
Zeitung

Von Béla Zier

Davos. – Wer Rolf Marugg begegnet, könnte schnell meinen, an einen politischen Leisetreter geraten zu sein. Der schmächtige 43-Jährige tritt zurückhaltend auf und spricht immer in einem bedächtigem Tonfall. Wie so oft täuscht der erste Eindruck. Marugg ist kein schweigsamer Hinterbänkler und hat eine gehörige Portion Mut.

«Es braucht ein gewisses Frustpotenzial»

Mit einer Handvoll Unterstützer gründete er die Grüne Partei Davos und forderte 2001 als deren Sekretär den damaligen Davoser Landammann Erwin Roffler heraus. Er wollte den Stuhl des seinerzeitigen FDP-Schwergewichts und trat als Gegenkandidat auf.

Im bürgerlich geprägten Davos wurde die Kandidatur des politischen Greenhorns als Lachnummer gehandelt, aber Marugg erzielte mit 751 Stimmen einen Achtungserfolg (Roffler erhielt 1418 Stimmen). «Es war das Bedürfnis, in Davos etwas zu bewegen. Wir waren mit der Situation unzufrieden. Es war ein Versuch die politische Landschaft, die damals extrem bürgerlich dominiert war, zu verändern», sagt Marugg rückblickend. Dass er einst das Amt des Landratspräsidenten und damit höchsten Davosers bekleiden würde, daran dachte Marugg damals nicht einmal im Traum.

Zuhause wurde er nicht politisiert, sondern darauf vorbereitet, den elterlichen Hof zu übernehmen. Nach der Landwirtsausbildung merkte er, dass er zu wenig Herzblut für ein Leben als Bauer hat. «Ich musste eines Tages erkennen, dass ich noch etwas anderes machen will.» Er absolvierte eine Zweitausbildung an der Churer Hochschule für Technik und Wirtschaft und ist heute Geschäftsleitungsmitglied einer Winterthurer Firma, die im Dienstleistungssektor der Medikamentenentwicklung und Medizintechnik tätig ist.

Politisch liess er nicht locker. 2004 wurde Marugg als erster Vertreter der Grünen Partei in den Davoser Grossen Landrat gewählt und stets wieder im Amt bestätigt. «Die Leute wollen, dass es eine grüne Stimme gibt, die in Davos politisiert.»

«Klaus Schwab sehe ich nicht als Feind»

Auch heute ist er ein Einzelkämpfer, der sogar bei seinen linken Ratskollegen mit seinen oft sehr sozial geprägten Vorstössen nicht nur auf Gegenliebe stösst. Marugg: «Es braucht ein gewisses Frustpotenzial und eine dicke Haut. Man darf die Dinge nicht persönlich nehmen, und wenn man politisch angegriffen wird, heisst das nicht, dass man nach der Landratssitzung noch ein Bier miteinander trinken geht.»

Seit Jahren organisiert Marugg in Davos die Proteste gegen das World Economic Forum (WEF). Als höchster Davoser wird er im Januar auch an der WEF-Eröffnung teilnehmen und die Gemeinde repräsentieren. Den WEF-Gründer und -Präsidenten Klaus Schwab hat er schon 2014 als Landratsvizepräsident getroffen, aber der «hat keine grosse Notiz von mir genommen». Was hält er als WEF-Kritiker von Klaus Schwab? Marugg muss sich seine Antwort länger überlegen und antwortet anders als erwartet: «Klaus Schwab ist jemand, der etwas auf die Beine stellt und etwas erreicht hat. Er ist ein umtriebiger, eloquenter und geschäftstüchtiger Mann. Ich würde aber nicht jede seiner Äusserungen auf die Goldwaage legen.» Schwab sehe er in keiner Art und Weise als Feind, sondern, so Marugg: «Herr Schwab ist nur ein Teil des WEF, aber vermutlich nicht der wichtigste.»

Marugg hat die WEF-Demos immer mitorganisiert und damit bei den Behörden auch den Kopf hingehalten, weil er den Leuten eine Möglichkeit bieten wollten, auf die Strasse gehen zu können. «Ich war jedes Mal froh, wenn es vorbei war. Es war eine ziemliche Belastung die Verantwortung zu übernehmen, aber ich empfand die Proteste als kreativ und friedlich», sagt Marugg. Dass er 2015 keine Demo organisiert (Ausgabe vom 23. Dezember), liege daran, dass es Tradition sei, dass sich der Landratspräsident «auf politischer Ebene zurückhält».

Bienenhaus als Aufsteller 2014

Am 8. Januar steht Maruggs Wahl zum Landratspräsidenten an. Dass er gewählt wird, steht ausser Frage, denn es ist Tradition, dass der Landratsvizepräsident das Präsidialamt übernimmt.

Marugg freut sich darauf, auch wenn es mit viel zeitlichem Aufwand verbunden sein wird und er seinen in Zürich lebenden Partner wohl weniger oft sehen wird. «Ich hoffe, dass ich möglichst viel Zeit mit Davoserinnen und Davosern verbringen und mit ihnen Gespräche führen kann. Was war übrigens sein Aufsteller 2014? «Mein Bienenhaus, das ich bei Davos Wolfgang gebaut habe.» Und was hat ihm 2014 abgelöscht? «Das Ja zur Masseneinwanderungsinitiative der SVP und das Sommerwetter.»

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