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Markus Werner: Der Autor zum Wieder-Lesen wird 70

Obwohl Markus Werner seit 2004 aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr veröffentlicht, gewinnt er immer neue Leser. Zuletzt durch die – sehr freie – Verfilmung seines letzten Romans «Am Hang». Am Samstag wird er 70.

Südostschweiz
24.12.14 - 01:00 Uhr
Zeitung

Von Irene Widmer (sda)

Schaffhausen. – «Senkrechtstart!» bejubelte der «Tages-Anzeiger» 1984 Markus Werners Erstling, die Aussteigerfabel «Zündels Abgang». Eine breite und junge Leserschaft aber entdeckte den Autor erst, nachdem 2004 «Am Hang» erschienen war. Die 21-jährige Slam-Poetin Hazel Brugger etwa, die Werner immer wieder als ihren Lieblingsschriftsteller bezeichnet. Eine amerikanische Leserin schrieb über die Übersetzung von «Am Hang»: «‘On the Edge’ is one of those books that makes one a fan of the author for life.»

Gescheiterte und Leidgeprüfte

Dabei passiert in Werners Büchern nicht viel: In «Zündels Abgang» bricht ein Lehrer aus seinem geordneten Leben aus; in «Froschnacht» gehen einem Pfarrer wegen eines erotischen Ausrutschers Job und Frau verlustig; in «Die kalte Schulter» verliert ein gescheiterter Maler seine einzige Stütze, die Freundin. In «Bis bald» wartet einer auf ein Spenderherz; in «Festland» lernen Vater und Tochter sich erst sehr spät kennen; in «Der ägyptische Heinrich» begibt sich einer auf die Spuren eines angeblich bedeutenden Ahnen; und in «Am Hang» haben zwei Männer diametral entgegengesetzte Einstellungen zur Liebe.

Zu den unspektakulären Plots kommen Protagonisten, die oft überaus unsympathisch sind, Menschen- und Weltverächter, grandiose Lästerer. «Der Mensch tut mehr als scheissen, ohne Zweifel, doch scheissen tut er auch und in der Regel sogar lieber als zum Beispiel denken, und gleichwohl definiert er sich als Geisteswesen», heisst es etwa in «Froschnacht».

Neben der kunstvollen Komposition seiner Texte ist es dieser eloquente, mit galligem Humor durchtränkte Furor, der Werners Büchern ihre besondere Note verleiht. Und eine Grundhaltung, in der sich jeder wiedererkennt und die Werner einmal so formuliert hat: «Die Hinfälligkeit und Vergänglichkeit alles Irdischen – also auch der Liebe – dürfte wirklich ein Zentralthema meiner Bücher sein.»

Zerknittert und zerknirscht

Seine äussere Biografie sei «blamabel unspektakulär» sagte Werner bei seiner Vorstellung vor der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und zitierte eine biografische Notiz, die er für seinen Verlag verfasst hatte: «Eichhörnchen, Birken und freundliche Nächte sagen mir zu. Ich bestaune jeden, der sich knitterfrei kleidet. Schnee lässt mich kalt. (...) Dem Weltgeschehen schenk ich Interesse und Wut, aber ich glaube, es pfeift drauf.»

Vielfach preisgekrönt

Markus Werner wurde am 27. Dezember 1944 im thurgauischen Eschlikon geboren; der Vater Lehrer, ein Grossvater Kunstmaler. Als er vier war, zog die Familie nach Thayngen im Kanton Schafhausen. Nach dem Studium der Germanistik, Philosophie und Psychologie in Zürich doktorierte er über Max Frisch und wurde Lehrer an der Kantonsschule Schaffhausen.

Nach drei Romanen kündigte er 1990 die Stelle. Zum Überleben trugen viele Preise bei. Der renommierte Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung war 1984 die erste, es folgten unter anderen der Alemannische Literaturpreis (1990), der Hermann-Hesse-Preis (1999) und im Jahr drauf der Joseph-Breitbach-Preis, der höchstdotierte im deutschsprachigen Raum.

Zu wenig Atem für ein neues Buch

2008 trat Werner bei der Entgegennahme des Ehrenpreises von Stadt und Kanton Schaffhausen letztmals öffentlich auf. Damals stand schon fest, dass er wegen eines Lungenemphysems nicht mehr genug Atem hatte für einen neuen Roman. Dennoch hoffen gerade junge Leute noch immer auf ein neues Buch.

Oder sie machen es wie die am Anfang erwähnte Amerikanerin: Bis Neues von Werner auf Englisch erscheint, liest sie einfach «On the Edge» wieder – «quite a few times, I expect».

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