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Maria Becker ist gestorben – die Legende lebt weiter

Maria Becker ist gestorben – die Legende lebt weiter

Das Talent war ihr in die Wiege gelegt worden, am Zürcher Schauspielhaus versetzte sie das Publikum damit in Ekstase und schliesslich wurde sie auch auf Lebenszeit dafür geehrt: Die grosse Schauspielerin Maria Becker ist gestorben.

Südostschweiz
08.09.12 - 02:00 Uhr

Von Irene Widmer (sda)

Uster. – Mit Maria Becker starb am vergangenen Mittwoch im Alter von 92 Jahren die letzte noch lebende Legende der grossen Zürcher Schauspielhaus-Ära während des Dritten Reichs. Auch nach ihrem festen Engagement blieb die viel beschäftigte Schauspielerin dem Pfauen verbunden. Als sie dort 2007 die keifende Mutter in Molières «Tartuffe» spielte, erhielt sie jeweils Auftrittsapplaus – etwas, was fast nur am Broadway üblich ist, wenn ein Hollywoodstar auftaucht.

Die Bühne, auf der Becker schon mit 18 Jahren für eine Monatsgage von 180 Franken Friedrich Schillers «Jungfrau von Orléans» gab, ehrte die grosse Tragödin 2010 zum 90. Geburtstag mit einer Hommage. Diese muss ihr gut gefallen haben. Nachdem sie sich das theatralisch-musikalische Spektakel von der fünften Reihe aus angesehen hatte, stand sie auf und resümierte: «Ich habe das Gefühl, ein sehr interessantes Leben geführt zu haben.»

Lieber Einfühlung als Verfremdung

Dass sich ihr Leben zum grössten Teil auf der Bühne abspielen würde, war der Tochter des Schauspielerehepaars Maria Fein und Theodor Becker schon früh klar. Am 28. Januar 1920 in Berlin geboren, begann sie schon mit 16 ihre Schauspielausbildung am Max-Reinhardt-Seminar in Wien; ihre jüdische Mutter war mit ihr dorthin geflüchtet. Nach dem Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich migrierte Becker weiter, erst nach England und dann in die Schweiz, wo sie den österreichisch-schweizerischen Schauspieler Robert Freitag kennen und lieben lernte.

In Zürich spielte Becker die grossen tragischen Frauenrollen von Elektra über Maria Stuart und Iphigenie bis Penthesilea, wobei ihr das Einfühlungsvermögen in die Seele der Figur stets wichtiger war als der gestische Ausdruck. Mit Bertolt Brechts epischem Lehrtheater hatte sie deshalb nach eigenem Bekunden immer etwas Mühe. Ihre Darstellung der Shen Te in der Uraufführung von «Der gute Mensch von Sezuan» war 1943 dennoch ein Achtungserfolg.

Als Becker 1945 ein Arzt eröffnete, dass sie schwanger sei, rief sie entsetzt: «Was! Gerade jetzt, wo ich heiraten will!» Durch die Heirat mit «Bobby» Freitag, der die Anekdote später überlieferte, erhielt Becker das Schweizer Bürgerrecht. Aus der Ehe gingen drei Söhne hervor, von denen zwei – Benedict Freitag und Oliver Tobias – ebenfalls Schauspieler wurden.

1956 gründete das Ehepaar zusammen mit seinem Kollegen Will Quadflieg die «Schauspieltruppe Zürich». Auch nach ihrer Scheidung arbeiteten Becker und Freitag bis in die Neunzigerjahre zusammen. «Ich wollte, andere wären so glücklich verheiratet, wie ich geschieden bin», sagte Maria Becker später.

Die «Schauspieltruppe Zürich», in der zeitweise auch Sohn Benedict mitmachte, gastierte in ganz Europa. Eine Amerika-Tournee 1969 mit Stücken von Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt war vollständig ausverkauft und erntete enthusiastische Kritiken.

Erster weiblicher Mephisto

Ab Mitte der Sechzigerjahre nahm Becker neben der Arbeit im «Familienunternehmen» Engagements an den grossen deutschsprachigen Bühnen an und liess sich auch häufiger auf Theaterexperimente ein, etwa 1977 als erster weiblicher Mephisto in Michael Degens Inszenierung des «Faust». Seit den Siebzigerjahren wurde die – bis zuletzt ausnehmend aparte – Schönheit durch Gastauftritte in TV-Krimiserien wie «Der Kommissar», «Der Alte» oder «Derrick» einem breiten Publikum bekannt. Daneben hielt Becker – die auch die sonore Synchronstimme der italienischen Schauspielerin Anna Magnani war – Lesungen, gab Diktionskurse und nahm zahlreiche Tonträger auf.

Becker wurde mehrfach ausgezeichnet, so im Jahr 1965 mit dem Hans-Reinhart-Ring und 1997 mit dem Louise-Dumont-Goldtopas. Für Letzteren, eine Ehrung auf Lebenszeit, muss nach dem Tod der grossen Bühnenfrau eine neue Trägerin gefunden werden.

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