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Manchmal, da erwischt einen der Blues auch in Chur

Manchmal, da erwischt einen der Blues auch in Chur

Der Musiker Mario Giovanoli und der Schriftsteller H.P. Gansner haben für ihr Projekt «Öppadia – Khuurertütschi Blüüs & Ballada» einen Preis des Kantons Graubünden erhalten. Das Buch zum Projekt ist nun samt CD erschienen.

Südostschweiz
13.06.12 - 02:00 Uhr

Von Aldo Mathis

Chur. – Die «khuurertütscha Blüüs & Ballada» haben ihre Wurzeln in den frühen Siebzigerjahren, als die beiden Jugendfreunde H.P. Gansner und Mario Giovanoli 1971 im «Volkshaus» in Chur «Musik & Lyrik» als Begriff aus der Taufe hoben; ein Jahr später folgte «Text & Ton» im Bündner Kunstmuseum und schliesslich 1979 das Programm und das Album «Prazel» mit dem Pianisten Reto Mathis und Bruno Brandenberger am Kontrabass, das auf vielen Schweizer Kleintheaterbühnen Erfolge feiern konnte.

«Öppadia – Khuurertütschi Blüüs & Ballada» ist eine Weiterführung und gleichzeitig eine Rückkehr zu den Wurzeln von Autor Gansner und Komponist und Multiinstrumentalist Giovanoli. Gansner verwendet eigene churerdeutsche Gedichte aus vier Jahrzehnten und überrascht durch neu entstandene Werke, die ebenso von Bündner Sagen wie von Gegenwartsproblemen inspiriert sind. Stilistische Vielfalt beweist Giovanoli: Mittels zehn verschiedener Blas- und Rhythmusinstrumente werden Stimmungen verstärkt, kontrastiert, karikiert und die Gedichte Gansners kongenial untermalt.

«Vu Khuur sälber?»

Der Schriftsteller Thomas Bernhard verfasst in seiner Erzählung «Ungenach» im Jahr 1968 folgende Sätze: «... fortwährend frierend, denn die Stadt Chur ist eine der kältesten, die es gibt, die finsterste, die ich kenne, und die Graubündener sind tief- oder schwach- oder einfach widersinnigvor Kälte …» So ganz unrecht hat er nicht, der Thomas Bernhard. Chur ist nun mal eine Stadt, die man entweder mag oder eben nicht.

Gansner hat eine ganz differenzierte Hassliebe zu Chur, der Stadt seiner nicht gänzlich unbefleckten Jugend, entwickelt. So meint der Autor im Stück «Khuur in Kürze»: «Item, zemmafassend kama sääga: Khuur in Kürze / A ewigs Gschiss und a Krampol und zwüschadina Fürze ... / Im Summer häsch a huara Hitz und imWinter a khoga Fretschni / Aber besser als im Näbelland – das isch wohl sunnaklar!

/ Und wenn a sona Unterländer frogt, vu wo ma kemm, und ma sait:Vu Khuur! / Denn hoggt er voller Bewunderig no: «Vu Khuur sälber?» / Das sait doch alles, oder öppa nit?!» Sinnigerweise wird der Text zur Melodie des Churer Maiensäss-Liedes vorgetragen. Ein Schelm, wer da an Ironie denkt.

Ein eingespieltes Duo

«Öppadia – Khuurertütschi Blüüs & Ballada» ist, mal abgesehen vom doch reichlich langweiligen Vortrag Gansners, ein Genuss. Voll von Sprachwitz, Sarkasmus und schräg-schönen Klängen. Da bekommen alle ihr Fett weg, und an Selbstironie wird auch nicht gespart. Das Lese- respektive Hörpublikum spürt, dass sich die beiden Protagonisten seit Jahrzehnten bestens kennen und ein eingespieltes Duo bilden. Ein Duo, das «öppadia au z’Khuur dr Blues kriagt» und die bluesigen Gefühle auch rüberzubringen vermag. Denn den Blues bekommt man ja wirklich nicht bloss im Mississippi-Delta oder in den Slums von «Sweet Home Chicago». Das Werk ist purer Genuss – auf hohem Niveau notabene.

Gansner, der seit vielen Jahren in Frankreich und in Genf lebt und arbeitet, kann von der gestrengen Kritik immer mal wieder Lob einheimsen. «In einem Jahrzehnt wird Gansner auf unser Kollektivbewusstsein einen ebenso grossen Einfluss ausüben wie Dürrenmatt», meint der Schweizer Soziologe Jean Ziegler. Und Dago Langhans von der deutschen Zeitung «Junge Welt» bringt es auf den Punkt: «Gansner zu lesen macht Spass.»

«Öppadia – Khuurertütschi Blüüs & Ballada». Texte: H.P. Gansner. Musik: Mario Giovanoli. Buch mit CD und einer Fotografie von Hans Danuser. Edition Signathur, 74 Seiten, 22.90 Franken.

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