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«Man konnte ihm nichts vorschreiben»

Morgen wäre Elvis Presley 80 geworden. Wenige kamen dem «King» näher als Ed Bonja, bis kurz vor Elvis’ Tod 1977 dessen Tourmanager und Fotograf. Zu retten sei Elvis nicht gewesen. Er habe es nicht zugelassen, erinnert sich der 69-Jährige.

Südostschweiz
07.01.15 - 01:00 Uhr
Zeitung

Mit Ed Bonja sprach Olaf Neumann

Herr Bonja, wie viele Konzerte des King of Rock ’n’ Roll haben Sie gesehen?

Ed Bonja: Über 1000. Auf fast allen machte ich Fotos. Das erste Mal live sah ich Elvis 1957 im Pan-Pacific Auditorium in Los Angeles, wo er zwei Tage hintereinander spielte. Die Freitagabendshow war so laut, dass sich die Polizei am nächsten Tag bei ihm beschwerte. Sie sagten, er solle seine wilde Bühnenshow lieber sein lassen, denn das Publikum gerate dabei ausser Kontrolle. Ich weiss noch, wie Elvis dann am Samstag die Bühne betrat und zuerst minutenlang still dastand. Plötzlich bewegte er seinen kleinen Finger und die Menge rastete aus. Natürlich spielte er an dem Abend keine ruhige Show. Elvis war einzigartig.

Wie lernten Sie sich kennen?

Ich erlebte ihn das erste Mal persönlich im Jahr 1964 bei den Dreharbeiten zum Film «Girl Happy». Damals arbeitete ich als Sekretär für Elvis’ Manager Colonel Tom Parker.

Wer waren Elvis’ Lehrmeister?

Gute Frage. Ich denke, vor allem farbige Sänger seiner Generation wie James Brown. Elvis liebte Gospel-Musik, Soul und Rhythm & Blues. Als er anfing, eigene Platten aufzunehmen, machte er sich diesen Sound zu eigen und entwickelte sich zu einem einzigartigen Künstler.

«Er liebte die Kamera»

Wie wurden Sie sein Leibfotograf?

Colonel Parker, der für mich wie ein Onkel war, war oft Gast bei uns zu Hause. Meine Mutter erzählte ihm, dass ich angefangen hatte, Fotografie zu studieren. Einige Wochen später – es war im Frühjahr 1970 – bekam ich einen Anruf vom Colonel. Er sagte, Elvis werde wieder anfangen, regelmässig auf Tournee zu gehen. Ob mein Bruder Ron und ich nicht Lust hätten, als Roadies für einen reibungslosen Ablauf der Shows zu sorgen. Und dann sagte er noch einen folgenschweren Satz: «Deine Mutter hat mir erzählt, dass du fotografierst. Bring einfach deine Kamera mit und mach so viele Bilder, wie du magst.»

Welche Kamera hatten Sie damals?

Die Erste war eine Agfa aus dem Jahr 1945. Ich fotografierte Elvis also mit einem echten Museumsstück. Später verwendete ich eine 35-mm-Nikon. Elvis live zu fotografieren, war nicht einfach, weil die Scheinwerfer immer nur eine Seite seines Gesichtes beleuchteten, die andere blieb dunkel. Dazu kam der Fakt, dass er sehr empfindliche Augen hatte und ich deswegen kein Blitzlicht verwenden konnte.

Mochte er es dennoch, fotografiert zu werden?

O ja, er liebte die Kamera. Immer, wenn er mich sah, machte er Posen. Ich durfte sogar Bilder direkt auf der Bühne machen, was sehr ungewöhnlich war.

Elvis war Mitglied eines exklusiven Clubs, der sich The Memphis Mafia nannte. Gehörten Sie selbst dazu?

Nein. Zur Memphis Mafia gehörten seine Bodyguards. Die Typen halt, die immer mit ihm rumhingen. Der Name war ein Witz. Alle Leibwächter trugen schwarze Sonnenbrillen. Irgendjemand sagte, sie sähen aus wie Mafia-Leute. So entstand dieser Spitzname.

Mass Elvis sich an Leuten wie Johnny Cash oder Jerry Lee Lewis?

Nein. Ich glaube, er war sich seines Talents ziemlich sicher. Mit Konkurrenten hatte er kein Problem.

Sie waren nicht nur sein Hausfotograf, sondern auch der Tourmanager von Elvis Presley bis zu dessen Tod im Jahr 1977. Zudem koordinierten Sie seine Shows in Las Vegas. Waren Sie für Elvis’ persönliches Wohl zuständig?

Nein, Elvis‘ persönlicher Roadmanager war ein Mann namens Joe Esposito. Er war dafür verantwortlich, dass Elvis stets pünktlich bei seinen Auftritten erschien. Ich war für die Band und die Technik zuständig. Wir waren damals mit drei geleasten Flugzeugen unterwegs. Colonel Parker und sein Gefolge flogen immer vor. Dann folgten Elvis und die Band in einem zweiten Flieger und die Techniker nebst Anlage sassen im dritten. Ein ziemlich grosser Betrieb. 1975 kaufte sich Elvis schliesslich zwei Jets, die er «Lisa Marie» und «Hound Dog II» taufte.

«Sein Charisma war so stark wie Radiowellen»

Was war da drin?

Die komplette Einrichtung war massgeschneidert von der Couch bis zum Sessel. Die «Lisa Marie» hatte ein Schlafzimmer mit Queen-Size-Bett, ein Bad mit goldenen Wasserhähnen und einen Konferenzraum aus Edelholz. Direkt nach einer Show stieg Elvis jeweils in seinen Jet, um schlafend zum nächsten Termin zu fliegen. Deswegen sah ich ihn eigentlich immer nur, wenn er auf der Bühne stand.

Wie nahe standen Sie sich?

Auf der Bühne rückte ich ihm immer sehr auf den Pelz, aber privat war ich ihm nicht so nahe, wie ich es mir gewünscht hätte. Nichtsdestotrotz war ich Teil der Elvis-Familie. Was wirklich in ihm vorging, hat er mir nie persönlich erzählt. Was ich aber sagen kann: Er hatte eine unglaubliche Aura. Man musste gar nicht in seine Richtung gucken, um dies zu spüren. Sein Charisma war so stark wie Radiowellen.

Wie schafften Sie es, neben der Arbeit als Tourmanager auch noch Konzertfotos zu schiessen?

Es ging immer irgendwie. Rückblickend wünschte ich, ich hätte damals nur fotografiert. Dann besässe ich heute nämlich zehn Millionen Bilder von Elvis und nicht nur 10 000 (lacht). Es sind aber längst noch nicht alle veröffentlicht worden. Ich habe noch ein paar coole Aufnahmen in meinem Archiv, die eines Tages herauskommen werden.

Angeblich war Manager Parker ein sehr manipulativer Mensch mit starkem Einfluss auf Elvis. Wie haben Sie das erlebt?

Ich kannte den Colonel schon seit den späten Vierzigerjahren. Als Kinder nannten wir ihn immer Onkel Tom, später Onkel Colonel. Er gehörte praktisch zur Familie. Der Colonel hatte zwei Seiten. Einerseits musste er als Geschäftsmann schwere Entscheidungen treffen, andererseits erlebte ich ihn persönlich als lustigen Zeitgenossen, der Kinder liebte und sich wirklich rührend um die Elvis-Fans kümmerte.

Wie wichtig waren Parker die Bilder, die Sie von Elvis machten?

Er wählte jedes Bild, das veröffentlicht werden sollte, persönlich aus. Das war mit Elvis so abgesprochen. Mein letztes Foto von Elvis schoss ich am 10. Juni 1975 in Memphis. Danach wurde er richtig dick. Ich blieb aber noch bis zum 8. April 1977 Tourmanager. Als ich kündigte, war ich ein Wrack, der permanente Stress des Tourens hatte mich fertiggemacht. Wäre ich damals nicht gegangen, sässe ich heute vielleicht nicht hier.

Sie haben sich selbst gerettet. Warum konnte Presley nicht gerettet werden?

Elvis war ein extrem mächtiger Mann. Niemand durfte ihm sagen, was er zu tun hatte. Selbst auf den Colonel hörte er zuletzt nicht mehr. Manchmal stritten sie sich so, dass sie danach drei Wochen lang kein Wort mehr miteinander sprachen. Dann rief Elvis wieder an und beauftragte den Colonel, noch mehr Konzerte zu organisieren.

«Er war ein extrem mächtiger Mann»

In seinem Todesjahr soll Elvis’ Arzt ihm 10 000 Medikamente – Schmerzmittel, Psychopharmaka, Schlaftabletten – verschrieben haben. Am 16. August 1977 wurde er im Alter von erst 42 Jahren tot in seinem Badezimmer aufgefunden. Hätte das verhindert werden können?

Ich weiss, dass die Bodyguards Red West, Sonny West und Dave Hebler versuchten, ihn von den Pillen wegzubringen. Was passierte? Elvis schmiss sie raus. Alle um ihn herum hatten Angst, dass ihnen dasselbe passieren würde. Man konnte Elvis nichts vorschreiben.

Wie wurden Sie für Ihre Arbeit bezahlt?

Ziemlich gut. 75 000 bis 100 000 Dollar pro Jahr waren damals eine Menge Geld. Heute ärgert es mich, dass ich viele Erinnerungsstücke an Elvis im Lauf der Jahre weggegeben habe. Mittlerweile wohne ich acht Jahre in Berlin und lebe immer noch von meinen Elvis-Fotos. Ich organisiere Ausstellungen und verkaufe meine Bilder in ganz Europa. Das Interesse an Elvis ist hier viel grösser als in den USA. Ich bin glücklich. Elvis ist mein Leben.

Neue Triple-CD: «Elvis 80» (Sony)

Neues Musical: «Elvis – Das Musical» mit Graham Patrick in der Hauptrolle. 31. März, Theater National, Bern. 1. April, Casino Herisau. 2. April, Volkshaus, Zürich.

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