×

«Makarewitsch, die Schlampe, hat seine Heimat verraten!»

Russische Künstler, die in der Ukraine-Krise eine andere Linie vertreten als der Kreml, werden öffentlich zu Verrätern gestempelt. Prominentestes Beispiel ist die Rocklegende Andrej Makarewitsch.

Südostschweiz
22.10.14 - 02:00 Uhr

Von Simone Brunner

Moskau. – «Zeitmaschine» heisst auf Russisch «Maschina Wremeni». Der Name ist für Andrej Makarewitsch derzeit wohl Programm: Mit seiner Band Maschina Wremeni spielte er in den Achtzigerjahren noch in muffigen Kellern, dem sowjetischen Underground. Nach der Wende stiegen die «russischen Beatles» zu so etwas wie offiziellen Nationalhelden auf, ihr siebenstündiges Konzert zum 25. Band-Geburtstag spielten sie 1994 auf dem Roten Platz. Heute wird der 60-Jährige wieder öffentlich zur Persona non grata erklärt: «Ältere Männer mit Gitarre verursachen bei mir einen gewissen Ekel», schrieb Eduard Limonow, Autor und Gründer der 2005 verbotenen Nationalbolschewistischen Partei, jüngst in einem Beitrag für die staatsnahe Zeitung «Iswestija» – und erntete damit wenig Widerspruch.

Pfefferspray aus der ersten Reihe

Was ist geschehen? Makarewitsch hatte im August in der Ostukraine ein Konzert vor Flüchtlingskindern gegeben – an einem Ort, der zuvor von der ukrainischen Armee erobert worden war. Bereits im Frühling hatte Makarewitsch die Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim durch Russland kritisiert. Seither wird er öffentlich als Verräter oder «Handlanger der Faschisten» angefeindet. «Makarewitsch hat seine Heimat verraten! Schlampe!», steht inmitten des Moskauer Stadtzentrums auf eine Backsteinmauer geschmiert. Ein Konzert, das Makarewitsch Ende September in der russischen Hauptstadt gab, musste abgebrochen werden, weil einige junge Männer in der ersten Reihe Pfefferspray versprühten und brüllten: «Verräter! Raus aus Russland!»

Längst wird in Russland nicht mehr nur gegen Kiew, Brüssel oder Washington Stimmung gemacht. Intellektuelle und Musiker, die die Politik des Kreml in der Ukraine-Krise infrage stellen, werden in den staatlichen und staatsnahen Medien als Kollaborateure des Westens oder gar als «Fünfte Kolonne» an den Pranger gestellt. Jüngstes Beispiel ist ein Sendeformat auf dem Gazprom-Sender NTV, das in seiner ersten Folge die «13 Freunde der Junta» – damit ist die Kiewer Regierung gemeint – aufzählte. Darunter Künstler, Journalisten und Wissenschaftler, die sich kritisch zur Ukraine-Krise geäussert haben. Die Liste wird ständig erweitert: Inzwischen wurde eine Fortsetzung unter dem Namen «17 weitere Freunde der Junta» ausgestrahlt.

Die Taktik scheint aufzugehen

Duma-Abgeordnete gingen zuletzt so weit, die Regierung dazu aufzufordern, Andrej Makarewitsch alle ihm verliehenen staatlichen Verdienstorden abzuerkennen. Mischa Kosyrew, ein bekannter Radiomoderator, vergleicht die öffentlichen Anfeindungen mit dem Fall des Oligarchen Michail Chodorkowski, der von 2003 bis 2012 in Haft war: «Die Botschaft des Kreml war damals klar: ‘Niemand ist sicher. Seht her, mein reichster Mann ist jetzt im Gefängnis.’ Und das ist genau dasselbe, was jetzt mit Andrej Makarewitsch passiert. Kein Künstler soll auch nur daran denken, den Mund aufzumachen.»

Diese Taktik scheint aufzugehen: «Makarewitsch gibt keine Interviews mehr, weil es ihm schon bis hierhin steht», sagt sein Pressesprecher gegenüber der «Südostschweiz». Keinen Kommentar gibt es auch von Juri Schewtschuk, dem Sänger der russischen Kultband DDT. Schewtschuk war kürzlich im ukrainischen Fernsehen mit einem Friedensappell aufgetreten. «Die Situation in der Ukraine kommentiert Juri nicht. Er hat zu dieser Frage bereits alles im ukrainischen und russischen TV gesagt», heisst es aus Schewtschuks Umfeld.

Konzerte werden gestrichen

Bei Anfeindungen allein bleibt es meist nicht. Denn wer bei den grossteils staatlichen Medien in Ungnade fällt, hat oft Probleme, überhaupt Spielorte zu finden: Klubbesitzer sollen unter Druck gesetzt werden, umstrittene Musiker aus dem Veranstaltungskalender zu streichen, berichten Beobachter. So wurde Diana Arbenina, Leadsängerin der Rockgruppe Notschnye Snajpery, unter anderem der Auftritt bei einem Moskauer Festival verwehrt. Arbenina hatte im Juli ein Konzert in der ukrainischen Hauptstadt Kiew gegeben und sich für das Fernbleiben ihrer russischen Musikerkollegen entschuldigt. Die Moskauer Kulturverwaltung wies indes alle Spekulationen zurück, sie hätte etwas mit der Absage zu tun.

In seinem letzten Eintrag auf seiner Website makar.info schrieb Andrej Makarewitsch am 12. Oktober, ein Konzert im Dezember in St. Petersburg sowie eine Frühlingstournee durch Sibirien und den Ural seien «auf unbestimmte Zeit verschoben». Dazu lediglich: «Dies ist nicht auf Initiative der Band geschehen.»

Der Druck auf andersdenkende Künstler sei «leider nicht ganz neu», sagt Wasili Schumow. Der Experimentalkünstler hatte vor einem Jahr die Kandidatur des Oppositionspolitikers Alexej Nawalny für das Moskauer Bürgermeisteramt mit einem Konzert unterstützt. Plötzlich tauchten im Internet laut Schumow gefälschte Dokumente auf, wonach er für diesen Auftritt eine halbe Million Rubel bekommen habe, umgerechnet rund 12 000 Franken. «Sie wollen alle Leute glauben machen, dass wir Nawalny nur des Geldes wegen unterstützen. Das ist ein konkretes Beispiel, wie sie versuchen, Künstler zu diskreditieren», so Schumow gegenüber. Wer genau hinter diesen Falschinformationen gesteckt habe, sei freilich schwer zu ermitteln.

Viele hätten sich mit dem System arrangiert, sagt Schumow. «Ich kenne Kollegen, die gehen am Morgen in die Präsidialadministration, um Fördergelder klarzumachen – und am Nachmittag zur Pussy-Riot-Demo», sagt er. «Die Künstler tragen so zum Erhalt dieser Diktatur bei.»

Die Rockszene schweigt

Präsident Wladimir Putin kann sich insgesamt einer breiten Unterstützung in der russischen Kulturszene sicher sein. Im März setzten Künstler ein öffentliches Schreiben zur Unterstützung seiner Ukraine-Politik auf: «In diesen Tagen, in denen sich das Schicksal der Krim und unserer Landsleute entscheidet, können die Kulturschaffenden Russlands nicht einfach gleichgültig und kalten Herzens untätig bleiben.» 511 namhafte russische Künstler haben bis dato unterschrieben.

Nach den jüngsten Schmähungen ist es ruhig geworden um die russische Rockszene. «Warum schweigen die Musiker?», fragte sich der russische Publizist Jan Schenkman zuletzt in der Oppositionszeitung «Nowaja Gaseta». Sein Fazit: Mehr als sechs Monate nach dem Ausbruch der Krim-Krise seien die Gräben in der russischen Gesellschaft schlichtweg schon zu tief. «Sobald du ein Statement zum Krieg abgibst und dich so auf eine Seite schlägst, verlierst du sofort ungefähr die Hälfte deines Publikums. Und umgekehrt», schreibt Schenkman. «Wenn du dich heute gegen den Krieg einsetzt, bedeutet das, dass du den Mut aufbringst, dich nicht nur gegen die Politik des Kremls, sondern sogar gegen deine eigenen Fans zu stellen.»

Kommentieren
Wir bitten um euer Verständnis, dass der Zugang zu den Kommentaren unseren Abonnenten vorbehalten ist. Registriere dich und erhalte Zugriff auf mehr Artikel oder erhalte unlimitierter Zugang zu allen Inhalten, indem du dich für eines unserer digitalen Abos entscheidest.
Könnte euch auch interessieren
Mehr zu MEHR