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Locarno und Ascona — zwei Schwesterstädte im Duell

Locarno und Ascona sind nur durch einen Fluss getrennt, doch in Wahrheit trennen die beiden Städtchen Welten. Dies spiegelt sich in planerischen Alleingängen: Locarno werkelt am Haus des Kinos, Ascona an einem Kongresszentrum.

Südostschweiz
25.08.12 - 02:00 Uhr

Von Gerhard Lob

Locarno. – Das Locarnese generiert mit Abstand die meisten touristischen Logiernächte im Tessin. Vor allem Feriengäste aus der Deutschschweiz sind der Region rund um Locarno und Ascona am Lago Maggiore treu. Die Gäste nehmen die Agglomeration als eine Einheit wahr. Gemeindegrenzen zwischen Minusio, Muralto und Locarno dürften den meisten Touristen genauso verborgen bleiben wie die politischen Finessen dieser Region.

Dabei sind die Gräben tiefer als es von aussen den Anschein macht. Die konsultativen Abstimmungen für Gemeindefusionen haben im Vorjahr ein klares Bild ergeben. Auf der rechten Seite der Maggia scheiterte ein Zusammengehen von Ascona, Losone, Ronco und Brissago; auf der linken Seite der Maggia die Fusion von Locarno mit den Anrainergemeinden bis Tenero. Von einem Zusammenschluss zwischen Ascona und Locarno, die nur durch den Fluss Maggia getrennt sind, sprach man schon gar nicht. Gemeinsame regionale Projekte wie das neue Badezentrum von Locarno (Lido) sind eine Ausnahme. Fast 20 Jahre hat es gebraucht, bis dieses Kind geboren war.

Ferienort gegen Polstadt

Kein Wunder. De facto trennen Städtchen wie Ascona und Locarno Welten. Ascona versteht sich als nobler Ferienort, der seine Autonomie nie und nimmer aufgeben will. Vier 5-Stern-Hotels, ein Golfplatz, niedriger Steuerfuss, horrende Immobilienpreise, exklusive Kunstgalerien und sündhaft teure Boutiquen sind ein Spiegel dieser Befindlichkeit, genauso wie ein hoher Anteil an Deutschschweizern in der Bevölkerung.

Auf der anderen Seite der Maggia das geerdetere und grössere Locarno, das einfacher und italienischer daherkommt und sich zugleich als Polstadt der ganzen Region versteht, die – nicht ohne Grund – Locarnese heisst. Sie ist Sitz des bekannten Filmfestivals; ein 5-Stern-Hotel sucht man hier indes vergebens.

Erstaunlich, aber wahr: Locarno verfügt nicht einmal über ein richtiges Kino. Das Ex-Rex an der Piazza Grande hat schon vor Jahren geschlossen, nun wird das Theater Kursaal gelegentlich für Filmvorführungen genutzt. Die Kinosäle Rialto am Bahnhof befinden sich auf dem Terrain der einen Quadratkilometer grossen Mini-Gemeinde Muralto.

Noch hat Locarno kein Kino

Mit dem Haus des Kinos beziehungsweise Palazzo del Cinema soll sich dies ändern. Es ist das ehrgeizigste Projekt Locarnos im Moment. In der alten Gemeindeschule sollen im Erdgeschoss drei Kinosäle entstehen, in den oberen Etagen soll das Filmfestival einen festen Sitz erhalten, genauso wie das noch in Lugano angesiedelte Institut für audiovisuelle Medien Cisa sowie ein Ableger der Cinémathèque Suisse.

Ursprünglich war das Haus des Kinos als regionales Projekt vorgesehen, dem der Kanton im Falle einer Gemeindefusion zehn Millionen Franken als Starthilfe zugesagt hatte. Nach der gescheiterten Fusion sprang der Basler Kinobetreiber Martin Hell-stern mit seiner Stiftung Stella Chiara in die Bresche und schenkte diesen Betrag der Stadt Locarno. Unter der Voraussetzung allerdings, dass mit dem Bau bis 31.Oktober 2013 begonnen wird.

Während Locarno sich ganz auf das Haus des Kinos konzentriert, ist Ascona im Begriff, die Voraussetzungen für den Bau eines Kongresszentrums auf dem stillgelegten Flugplatz zu schaffen. Die Anstrengungen, das Projekt in regionaler Absprache auf die Beine zu stellen, scheiterten in den letzten Jahren. Nun wagt Asconas Gemeindepräsident Luca Pissoglio den Alleingang.

Nebeneinander statt Miteinander

In der Tat behaupten Ökonomen und Tourismusexperten seit Jahren, dass das Locarnese ein perfekter Tagungsort wäre, wenn es nur ein Kongresszentrum gäbe. Gerade in der Nebensaison liessen sich so Hotelbetten füllen, zumal mit dem neuen Gotthard-Basistunnel das Locarnese ab Dezember 2016 näher an die Deutschschweiz rücken wird. Ascona hat nun einen planerischen Schritt nach vorne gemacht. In der Zukunft soll ein Saal für 1200 Personen auch den bekannten klassischen Musikfestwochen einen adäquaten Rahmen geben. Im besten Fall könnte dieses Kongresszentrum 2016 eröffnet werden. Nur: Ein privaten Investor wie in Locarno müsste noch gefunden werden.

Eine Absprache mit Locarno in dieser Sache gab es nicht, wie Pissoglio einräumt. Dazu kommt: Neben Ascona plant auch das kleine Muralto an einem eigenen Kongresszentrum. Ob daraus etwas wird, steht in den Sternen, genauso wie die Zukunft des bekannten «Grand Hotels Locarno», das auf dem Terrain der Gemeinde Muralto steht. Das einst gloriose Hotel dümpelt seit bald sieben Jahren vor sich hin. Chiuso.

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