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Liechtenstein will seine Kirchenpolitik reformieren

Es ist nicht lange her, als im Fürstentum fast allein die Katholische Kirche bestimmt hat, was ein Liechtensteiner zu tun oder zu lassen hatte. Umso schwerer tut sich jetzt das Land mit der Trennung von Staat und Kirche.

Südostschweiz
14.07.11 - 02:00 Uhr

Von Markus Rohner

Vaduz. – Es gab Zeiten im Fürstentum Liechtenstein, da sagte der Pfarrer den Bauern, an welchen Tagen sie ihr Heu einfahren durften. Wurde eine reformierte Person zu Grabe getragen, tat man dies bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts auf einem Friedhof in Werdenberg im Kanton St. Gallen. Dies, weil die Reformierten fast so stark stigmatisiert waren wie die Juden. Bis 1974 konnte sich ausserdem ein katholischer Liechtensteiner nicht scheiden lassen, weil das Land bis dahin nur die kirchliche Trauung durch den katholischen Pfarrer kannte. Auch existierte nur ein Eherecht, welches die Scheidung für Katholiken nicht zuliess.

Ein Land – eine Religion

«Wir waren weit ins 20. Jahrhundert hinein ein streng konfessioneller Staat», sagt der Rechtswissenschaftler Herbert Wille vom Liechtenstein-Institut in Bendern. Der katholische Glaube war Staatsreligion und beeinflusste nicht nur das politische Leben, er prägte auch die Gesellschaft und das Privatleben.

Bis ins 19. Jahrhundert wurden Andersgläubige davon abgehalten, im Ländle Wohnsitz zu nehmen. Als sich mit der aufkommenden Industrialisierung immer mehr Nicht-Katholiken in dieser geschlossenen Gesellschaft niederliessen, mussten sie ihre Religion im privaten Raum ausüben. Laut Verfassung ist die Römisch-katholische Kirche bis heute «Landeskirche» und «geniesst als solche den vollen Schutz des Staates». Anderen Konfessionen ist die Betätigung ihres Bekenntnisses und die Abhaltung ihres Gottesdienstes «innerhalb der Schranken der Sittlichkeit und der öffentlichen Ordnung gewährleistet».

Diesen veralteten Zustand versucht Liechtensteins Regierung zu ändern und mit einem neuen Gesetz das Verhältnis zwischen dem Staat und den Glaubensgemeinschaften neu zu regeln. Das ist kein leichtes Unterfangen in einem Land, in welchem Priester von der politischen Gemeinde entlöhnt werden und Kirchengebäude im Besitz der Gemeinde sind. «Das führt zu einer absurden Situation: Evangelische, jüdische oder moslemische Einwohner, die Steuern zahlen, finanzieren auch den katholischen Pfarrer und die Pfarrkirche mit», sagt Wille.

Aber auch Katholiken, die mit der reaktionären Kirchenpolitik von Erzbischof Wolfgang Haas nicht einverstanden sind, tragen mit ihren Steuern diese Kirchenpolitik mit. «Im Verhältnis Staat-Kirche stecken wir immer noch im 19. Jahrhundert», sagt Jurist Wille, «die Entflechtung hat bis heute nicht stattgefunden.»

Kirche verliert an Bedeutung

Dabei ist auch Liechtenstein in den letzten vier Jahrzehnten zu einem modernen säkularen Staat herangewachsen, in dem die Katholische Kirche immer mehr an Gewicht verliert. Auch in Liechtenstein werden heute Ehen geschieden, Abtreibungen vorgenommen und homosexuelle Partnerschaften eingegangen. Dass diese veralteten Strukturen einer Reform bedürfen, ist unbestritten.

Selbst Haas macht sich für Veränderungen stark. Er fordert seit Langem ein Konkordat zwischen dem Staat Liechtenstein und dem Heiligen Stuhl. Damit würde die Katholische Kirche weiterhin über einen Sonderstatus verfügen, gleichzeitig käme es aber auch – wie in Italien – zu einer Trennung von Staat und Kirche.

Bei dieser Regelung bleibt umstritten, wie in Zukunft unter anderem die vermögensrechtlichen Verhältnisse zwischen den Gemeinden und der Katholischen Kirche gelöst werden. «Unter diesen Voraussetzungen», so Wille, «bleibt ein Konkordat mit dem Heiligen Stuhl in weiter Ferne.» Ebenso chancenlos sei im Ländle eine Schweizer Regelung mit autonomen Kirchgemeinden, die über die Steuerhoheit verfügen.

Erzbischof als Hindernis

Die aktuellen Verhandlungen sind umso schwieriger, als mit Haas und Generalvikar Markus Walser zwei konservative Kirchenvertreter am Verhandlungstisch sitzen. Diese schlugen jüngst einen Ton an, der bei den Behörden schlecht ankam. Aus Protest gegen die liberale Politik der Regierung weigert sich der Erzbischof, am diesjährigen Staatsfeiertag die Feldmesse zu lesen. «Es wäre sicherlich einfacher, diese Reformen in die Wege zu leiten, wenn Liechtenstein wie früher Teil des Bistums Chur wäre», ist Wille überzeugt.

Bei aller Reformfreude, die das Land erfasst hat, etwas wird so schnell nicht abgeschafft: die mehr als ein Dutzend katholischen Feiertage, die übers Jahr verteilt allen – egal ob Katholik, Moslem oder Atheist – viele arbeitsfreie Tage bescheren.

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