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Korrekturen und Fortschritte

Handball Abseits der WM-Endrunde in Katar arbeitet die Schweizer Handball-Auswahl an den Grundlagen für eine bessere Zukunft. Erste Fortschritte sind erkennbar.

Südostschweiz
06.01.15 - 01:00 Uhr
Zeitung

si. Der Yellow-Cup war während Jahrzehnten der Spengler-Cup der Handballer – eine unterhaltsame Exhibition, relativ gut verankert im Publikum. Derweil die nationale TV-Anstalt das Puck-Spektakel in Davos aus jeder Perspektive unter die Lupe nimmt, wird das Turnier der Ballsportler im Telegrammstil bewirtschaftet. Von der Primetime der Hockeybranche kann die Schweizer Handballszene nur träumen. Ihr Stellenwert ist in der letzten Dekade drastisch gesunken, weil das Nationalteam seit der Heim-EM vor neun Jahren in sämtlichen Qualifikationsanläufen gescheitert ist und sich letztmals 1995 für eine WM-Endrunde qualifiziert hat.

Ausserhalb der breiten öffentlichen Wahrnehmung könnte der traditionelle Event indes ein Wendepunkt sein. In Winterthur hat vor exakt zwölf Monaten einer das Amt des Nationalcoachs übernommen, der ein Konzept statt ein paar ehrenvolle Ergebnisse im Kopf hat: Rolf Brack, 61-jährig, Sportwissenschaftler, glühender, manchmal bebender Ex-Bundesliga-Coach. Der Uni-Lehrbeauftragte hat im ersten Teil seiner Amtszeit zunächst einmal den Zerfall stoppen und den beträchtlichen Scherbenhaufen beseitigen müssen.

Spielidee wird erkannt

Inzwischen hat Brack eine Grundlage geschaffen. Die Identifikation mit seiner Spielidee ist nach 21 Partien unter seiner Leitung erkennbar. Obschon innerhalb eines Jahres 15 Niederlagen resultierten, sind leichte Fortschritte auszumachen. Das 28:28 gegen Deutschland im letzten September taxierten auch unabhängige Experten als Remis mit Signalwirkung. Nun haben die Schweizer mit der Slowakei (31:29) und Weissrussland (26:25) innerhalb weniger Tage zwei im EHF-Ranking deutlich höher eingestufte Kontrahenten besiegt.

Ingo Meckes, der Leistungssportchef des SHV, beurteilt den schwungvollen Start ins neue Jahr als überaus gut: «Ich bin jetzt seit dreieinhalb Jahren für den Verband tätig. Etwas vergleichbar Gutes haben wir bis jetzt nicht hinbekommen. Spielerisch hat die Mannschaft einen Schritt nach vorne gemacht.» Sowohl die Slowaken, im Vorfeld mit einem Sieg gegen Ungarn positiv aufgefallen, als auch der WM-Teilnehmer Weissrussland seien in bestmöglicher Besetzung angetreten, betont Meckes.

«In unserer Situation ist der Yellow-Cup ein wichtiger Gradmesser», so Meckes. In den Tests gegen das Bundesliga-Ensemble von Österreich verlangt der neben Brack wichtigste Stratege im sportlichen Bereich eine Bestätigung der guten Eindrücke. Und im April peilen die in der EM-Ausscheidung (ohne Vor-Qualifikation) über fünf Jahre sieglosen Schweizer den ersten Erfolg an. «Ein Heimsieg gegen Tschechien ist das nächste grosse Ziel», skizziert Meckes den Weg. Der Auftakt mit Niederlagen gegen Mazedonien und Olympiasieger Frankreich verlief erwartungsgemäss.

Hierarchie festgelegt

Den Vorstoss an eine Endrunde thematisieren sie beim Verband derzeit nicht – mit gutem Grund: Vor zwei Jahren sackte der SHV im Männer-Tableau als einer der schlechtesten Gruppenletzten der EM-Kampagne in die Barrage gegen Estland ab und musste sich quasi im europäischen Hinterhof um ein Ticket zur Teilnahme an der Qualifikation bemühen. Meckes glaubt, dass für sie deshalb primär die Stabilisierung im Vordergrund steht.

Nach der fünfjährigen Ära mit Goran Perkovac an der Spitze sahen sich die Verantwortlichen dazu veranlasst, in verschiedener Hinsicht Korrekturen anzubringen. Brack, in seiner Akribie vergleichbar mit Arno Ehret, legt extrem Wert auf die taktische Feinabstimmung. Zu viele Ad-hoc-Spielzüge toleriert der zwar gesprächsbereite, aber letztlich dominante Coach auf dem Parkett nicht. Und der manchmal sehr laute Handball-Dozent reguliert die Strömungen innerhalb der Mannschaft ziemlich konsequent.

Das elf- bis zwölfköpfige Kernkader ist bekannt – der Coach besitzt mittlerweile eine gewisse Planungssicherheit. Die geschärften Konturen sind ganz im Sinne von Meckes: «Das enge Kader ist definiert, das wissen auch die Spieler. Brack hat eine klare Hierarchie geschaffen.» In der jüngeren Vergangenheit waren die Strukturen entweder zu flach organisiert oder zu stark auf den Bundesliga-Star Andy Schmid ausgerichtet.

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