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Kerkelings Oma hats gewusst

Hape Kerkeling offenbart in «Der Junge muss an die frische Luft» schwere Kindheitsjahre. Der intensiv erlebte Tod der Mutter prägte. Beim Entstehen des Buchs spielte der Tod auch eine wichtige Rolle. Das Buch verwirrt, berührt aber auch.

Südostschweiz
10.10.14 - 02:00 Uhr

Von Roland Mischke

Was erlebt ein Mensch, zudem noch als Kind, der neben seiner Mutter schläft, während diese stirbt? Die Nacht in «katatonischer Starre» im Bett der Frau, die ihn gebar und über das achtjährige Kind hinweggeht, als sie eine Überdosis Schlaftabletten schluckt, ist die zentrale Katastrophe in Hape Kerkelings Kinderjahren. Der heute 49-jährige Entertainer offenbart in «Der Junge muss an die frische Luft» die tief in ihm nistende Traurigkeit.

Am Morgen war es schon zu spät

1973 hatte die Mutter Kerkeling vor den Fernseher gesetzt, als sie im Nachbarzimmer ihr Sterben einleitete. Der Sohn sass vor dem Fernseher bis Sendeschluss. Müde kriecht er ins Bett der Mutter, die komische Geräusche macht, die ihn ängstigen, die er sich aber nicht erklären kann. Als morgens der Vater von der Nachtschicht kommt, ist es zu spät.

Kerkelings Mutter war ohne Geschmacks- und Geruchssinn. Sie war dauerhaft depressiv und der Sohn, damals noch Hans-Peter, hatte es sich zur «komischen Mission» gemacht, sie mit kleinen Shows aufzuheitern. Das war in den Sechzigerjahren im Ruhrgebiet, der Vater malochte für die Familie, die Mutter sass mit dem Sohn zu Hause. Er imitierte Theo Lingen und Jürgen von Manger, sodass die Mutter auch mal lachte, dann versackte sie wieder «in diesem tiefen dunklen Loch ohne Ausweg». Kerkeling führt seinen Weg in die Unterhaltungskunst auf diese Zeit zurück. Er habe sich vorgenommen, «das passiert mir nicht wieder».

Mit dem Buch reich geworden

Kerkeling alias Hannilein alias Horst Schlämmer alias Königin Beatrix, der dem Wörtchen «Hurz!» zur Verbreitung verhalf und mit seiner spirituellen Reise auf dem Jakobsweg – sein Bericht «Ich bin dann mal weg» war monatelang auf Bestsellerlisten und verkaufte sich millionenfach – eine ganz andere Seite von sich zeigte, überrascht mit dem Roman seiner Kindheit. Wenn es wahr ist, dass Menschen mit schwerer Kindheit besonders widerstandsfähig werden, ist er ein gutes Beispiel. Die populäre Rampensau von einst hat sich mit dem Wanderbuch freigeschrieben von Zwängen des Entertainments, zudem ist er mit dem Buch reich geworden. Er lebt in der Toskana und lässt es sich gut gehen nach der Erschöpfung, die ihn vor einigen Jahren aus der Komik hebelte.

Todkrankes Kind gibt den Anstoss

Die Begegnung mit einem todkranken Neunjährigen, für den er noch mal den Schlämmer gab, war wegweisend. «Das war Horsts letzter und vielleicht wichtigster Auftritt», resümiert er danach, entscheidet «Horsts komische Mission ist erfüllt» und ahnt zugleich: «Vielleicht muss ich doch irgendwann einmal die Ereignisse meiner eigenen Kindheit mutig Revue passieren lassen.» Dieser Erkenntnis verdankt der Leser dieses ehrliche Buch. Kerkeling fragt sich, warum er, «der gemütliche, tapsige Typ», unbedingt berühmt werden wollte und das schon als Kind.

Er findet einige Antworten, hauptsächlich die, dass er es als Sechsjähriger seiner Oma versprochen habe. Der tragische mütterliche Hintergrund wird diskret geschil- dert, klar ist trotzdem, dass er lange gegen das Trauma anwitzeln musste, bis er es jetzt womöglich bewältigt hat. Die Oma half dem trauernden Kind auf ihre Weise: «Aus dir wird einmal etwas ganz Besonderes werden, denn du wirst eines Tages sehr berühmt sein. Die Oma kann das jetzt schon sehen.» Auch die homosexuelle Neigung des Enkels hatte die alte Frau früh erfasst und im Familienrat gedonnert: «Er bleibt Junggeselle!»

Ein anekdotenreiches, mitunter etwas verwirrendes, aber berührendes Buch. Kerkeling zitiert Sören Kierkegaard: «Vorwärts leben wir, und erst rückwärts verstehen wir.»

Hape Kerkeling: «Der Junge muss an die frische Luft – Meine Kindheit und ich». Piper-Verlag. 320 Seiten. 28.90 Franken.

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