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Kein Herz und kein Sitz für die Obdachlosen in Frankreich

Die Obdachlosen werden in Frankreich immer zahlreicher – und immer häufiger aus den Strassen vertrieben. Vor allem über die Festtage fallen den Behörden alle erdenklichen Methoden ein, um sie aus dem Stadtbild zu entfernen.

Südostschweiz
30.12.14 - 01:00 Uhr
Zeitung

Von Stefan Brändle

Paris. – Die Bauarbeiter kamen in der Nacht auf Weihnachten. Am Heiligen Tag staunten die ersten Passanten in der westfranzösischen Provinzstadt Angoulême: Sämtliche Sitzgelegenheiten des Marsfeld waren eingezäunt. Rüttelfeste Eisengitter umgaben die neun Betonbänke gegenüber einer Einkaufsgalerie. Die Stadtverwaltung gab bekannt, sie habe die Bänke sperren lassen, da sie «fast ausschliesslich durch Personen benutzt werden, die sich wiederholtem Alkoholgenuss hingegen». Offenbar hatten die Gewerbetreibenden der umliegenden Läden die Massnahme verlangt. Einige erklärten, die mehrheitlich jungen Obdachlosen lungerten den ganzen Tag auf den Bänken herum, zerbrächen Weinflaschen und betrieben mit ihren Hunden Kampfspiele.

Landesweit folgte hingegen ein lauter Proteststurm. Ein Sitzbankverbot klinge nach Apartheid, hiess es auf Internet. Der Urbanist Alexandre Chemetoff, der das Marsfeld konzipiert hatte, zeigte sich ebenfalls «schockiert». Am Tag nach Weihnachten krebste der konservative Bürgermeister Xavier Bonnefont zurück und liess die Gitter «aus Sicherheitsgründen», entfernen. Allerdings nur «provisorisch», wie er anfügte: Nach den Feiertagen sollen die Bänke durch künstlerische Steinhaufen ersetzt werden.

Die Behörden sind überfordert

Der Fall spricht Bände über die zunehmende soziale Misere in ganz Frankreich. Landesweit hat sich die Zahl der «Wohnsitzlosen» (Sans domicile fixe, kurz SDF) laut dem Statistikamt Insee seit 2001 auf 120 000 verdoppelt. Eine Zahl fern jeder Clochard-Romantik, die von einem sozialen Massenphänomen zeugt. Und einem Massenelend: Ein Viertel der französischen Obdachlosen arbeiten laut Insee. Meist ist der Arbeitgeber nicht einmal im Bild, dass einer seiner Angestellten im Auto oder unter der Brücke übernachtet. Oder eben auf einer steinernen Sitzbank.

Die Behörden von Angoulême reagieren so überfordert wie viele andere Orte im Land: Sie ersetzen Sitzbänke durch Klötze, Kieselsteine, Eisenspitzen oder Kaktusbeete. Andere bringen Armlehnen an, um die Liegestellung zu verunmöglichen; die Pariser U-Bahn neigte einige besonders beliebte Plastiksessel gar in aller Diskretion nach unten – wer darauf einschläft, fällt unweigerlich zu Boden. Publik geworden war vor Jahren der Versuch der Pariser Vorort Argenteuil, die Clochards mit Stinkgas von den städtischen Anlagen fernzuhalten; erst ein landesweiter Aufschrei der Empörung brachte ihn wieder davon ab.

Kein Stern, dafür ein Dreieck

Eine ähnliche Polemik gab es jetzt in Marseille am Mittelmeer. Die bürgerliche Stadtregierung hatte ohne jede Absprache mit humanitären Organisationen eine spezielle SDF-Markierung eingeführt: Damit sie in Krankenhäusern, Notunterkünften oder Essensausgaben erkannt würden, wie es hiess, sollten die Obdachlosen einen Ausweis mit einem grossen gelben Dreieck auf sich und vorzugsweise um den Hals tragen. Die erboste Reaktion konnte nicht ausbleiben: Das erinnere an eine andere allzu bekannte Beamtenverfügung, nämlich den Judenstern des Zweiten Weltkriegs, meinte ein Kollektiv namens «das Jüngste Gericht». Vize-Bürgermeister Xavier Mary nannte diesen Vergleich zuerst «absurd». Vor Weihnachten räumte er aber ein, der Vorschlag sei «zweifellos ungeschickt» gewesen. Seine Stadt sucht nun eine «bessere Lösung». Welche, will sie erst nach den Festtagen sagen.

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