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Kein Happy End: Nato geht, Burka kommt

100 000 Tote und kein Ende. Nach 13 Jahren endet heute der Nato-Kampfeinsatz in Afghanistan. Doch die Taliban sind nicht besiegt. Mullahs predigen einen Hardcore-Islam.

Südostschweiz
31.12.14 - 01:00 Uhr
Zeitung

Von Christine Möllhoff

Kabul. – John McCain sieht die Lage wenig rosig. «Wir werden den gleichen Film erleben, wie wir ihn im Irak erlebt haben», prophezeit der republikanische US-Senator düster. Auch US-Präsident Barack Obama räumt ein: «Afghanistan ist weiter ein sehr gefährlicher Ort.» Nach 13 Jahren hat die Nato den Kampfeinsatz am Hindukusch beendet – doch der Krieg tobt unvermindert weiter. Weder sind die Taliban besiegt noch kann das Land wirtschaftlich auf eigenen Füssen stehen. Dabei hatte alles so gut ausgesehen, damals Ende 2001. Mithilfe der alten Warlords hatte der Westen nach den Terroranschlägen vom 11. September in wenigen Wochen die Taliban verjagt, wenn auch nur über die Grenze nach Pakistan. Man versprach den Menschen Frieden und Aufbau.

Fragile und schwache Regierung

Die Hoffnungen der Afghanen haben sich nicht erfüllt. Frieden ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: Allein in den ersten elf Monaten wurden 3188 Zivilisten getötet, 6429 weitere verletzt – so viele wie noch nie. Nach Schätzungen starben seit 2001 über 100 000 Afghanen – Zivilisten, Soldaten und Militante. Die afghanische Armee hat so massive Verluste zu beklagen, dass Leute zuhauf desertieren. 6000 afghanische Soldaten und Polizisten wurden allein dieses Jahr getötet. Zum Vergleich: Insgesamt 3500 ausländische Soldaten, darunter 2200 Amerikaner und 55 Deutsche, verloren ihr Leben.

Nach Abzug der westlichen Truppen droht dem Land ein blutiges Jahr 2015. Die Taliban machen keinen Hehl daraus, dass sie ihren Einfluss ausweiten und die westnahe Regierung von Präsident Ashraf Ghani destabilisieren wollen. Seit Wochen überziehen sie das Land mit einer neuen Terrorwelle. Fast täglich kommt es zu Anschlägen. In vielen Regionen haben Hilfsorganisationen längst ihre Arbeit eingestellt, weil es zu gefährlich ist.

Die Regierung in Kabul erscheint fragil und schwach. Bei den Wahlen hatten die beiden Spitzenkandidaten den Sieg für sich reklamiert und dem Gegner Betrug vorgeworfen. Nur massiver Druck des Westens konnte verhindern, dass es zur offenen Konfrontation kam. Der Ex-Weltbanker Ashraf Ghani durfte Präsident werden, während sein Rivale Abdullah Abdullah mit dem Job eines Geschäftsführers besänftigt wurde. Zudem hängt Afghanistans Regierung vom Wohlwollen des Westens ab. So klamm ist der Staat, dass er nicht mal den Sold für die 350 000 Polizisten und Soldaten zahlen kann, die zukünftig die Taliban in Schach halten sollen. Nicht einmal ein Drittel seines Haushalts kann das Land aus eigener Kraft aufbringen.

Nachhaltige Fortschritte?

Afghanistans zählt heute zu den ärmsten und korruptesten Ländern dieser Welt. Zwar flossen Milliarden in Aufbau und Entwicklungshilfe, aber viele Projekte dürften nach Abzug des Westens versanden. Es ist nur schwer ersichtlich, wann Afghanistan wirtschaftlich auf die Beine kommt. Zwar verfügt das Land über gewaltige Rohstoffreserven etwa bei Kupfer und Eisen, aber es ist teuer und schwierig, diese zu heben.

Doch es gibt fraglos auch Erfolge und Fortschritte, Zeichen der Hoffnung. Zu Millionen riskierten die Afghanen im Sommer bei den Wahlen ihr Leben, um zu den Urnen zu strömen. Eine Abstimmung für Demokratie und gegen die Taliban. Inzwischen gehen fast zehn Millionen Kinder zur Schule. Medizinische Versorgung und Infrastruktur haben sich verbessert. Die Kinder- und Müttersterblichkeit ist gesunken, die Lebenserwartung der Menschen von 55 auf 61 Jahre gestiegen, das Pro-Kopf-Einkommen binnen einer Dekade von 186 auf 688 Dollar im Jahr gewachsen. Frauen haben mehr Rechte und mehr Freiheiten.

Aber wie nachhaltig sind diese Fortschritte? Die Frauenrechte stehen längst zur Disposition. Nicht nur die Taliban, auch viele Konservative in Kabul wollen die Uhr zurückdrehen. In der Region Kundus, lange Einsatzort der Deutschen, schiessen Koranschulen für Mädchen aus dem Boden, die eine rigide, mittelalterliche Interpretation des Islam lehren. Selbst die hellblauen, traditionellen Burkas sind den neuen Hardcore-Mullahs zu frivol. Sie propagieren schwarze Verhüllungen. Im Dunkeln bleibt, wer die neue Radikalislamisierung finanziert.

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