Kampf für die Liebe zwischen zwei geistig Behinderten
Alles, was sie sich wünscht, ist ein normales Leben: Doch als sich Gabrielle in Martin verliebt, versucht dessen Mutter die Beziehung mit allen Mitteln zu verhindern.
Alles, was sie sich wünscht, ist ein normales Leben: Doch als sich Gabrielle in Martin verliebt, versucht dessen Mutter die Beziehung mit allen Mitteln zu verhindern.
Von Miriam Lenz (sda)
Bern. – «Gabrielle» ist ein berührender Film über eine leidenschaftliche Liebe zwischen zwei Menschen mit Behinderung. Die 22-jährige Gabrielle (Gabrielle Marion-Rivard) hat das Williams-Beuren-Syndrom – eine Genmutation, der sie ein ausgeprägtes musikalisches Gespür zu verdanken hat, die aber auch für eine eingeschränkte Sozialkompetenz verantwortlich ist. Je älter Gabrielle wird, desto mehr entpuppt sich die Behinderung für den lebensfrohen Lockenkopf als schwieriger Balanceakt zwischen Eigenständigkeit und Behütetsein, zwischen Freiheitsdrang und Einschränkungen. So arbeitet die ambitionierte Chorsängerin zwar als Hilfskraft in einer Firma, diskutiert Frauenthemen mit ihrer Schwester Sophie (Mélissa Désormeaux-Poulin) und träumt von einer eigenen Wohnung. Gleichzeitig aber lebt sie mit anderen Behinderten in einer Wohngemeinschaft, steht unter den Fittichen ihres Betreuers Laurent und ist hoffnungslos verloren, als sie sich eines Tages ohne ihre Diabetes-Medikamente in der Grossstadt verirrt.
Besonders schmerzlich wird Gabrielle ihr Schicksal bewusst, als sie sich bis über beide Ohren in ihren Chorkollegen Martin (Alexandre Landry) verliebt. Die beiden sind Feuer und Flamme füreinander, möchten eine ganz normale Beziehung leben und Gabrielle träumt sogar von einer gemeinsamen Familie. Doch Martins Mutter setzt alles daran, die Verliebten voneinander fernzuhalten.
Verbotene Liebe
Auslöser dafür ist ein Moment der intimen Annäherung zwischen Gabrielle und Martin, der durch eine Be- treuungsperson brutal unterbrochen wird. Während Gabrielle in einer anschliessenden Aussprache auf die Unterstützung von Sophie und Laurent zählen kann, untersagt Martins Mutter jeglichen Kontakt. Dass es zwischen den beiden Behinderten zu Sex kommt, will sie um jeden Preis verhindern. Sind ihre Befürchtungen gerechtfertigt? Ist eine Liebe zwischen zwei geistig behinderten Menschen gefährlicher als eine «normale» Beziehung? Das ist die Frage, welche die kanadische Regisseurin mit der Darstellung von Gabrielles unverkrampfter und weitgehend norma- ler Lebenswirklichkeit beantworten möchte.
Nachvollziehbare Normalität
Abgesehen von kurzen Sequenzen, in denen die durch das Williams-Beuren-Syndrom bedingte Geräuschempfindlichkeit, das ausgeprägte Rhythmusgefühl oder die soziale Distanzlosigkeit der Betroffenen gezeigt werden, dominieren die Beschreibungen von Lebenssituationen und Emotionen, welche jeder «Normale» problemlos nachfühlen kann: Im Zentrum davon steht der Liebeskummer. Deshalb geht der Film nah. Weil der Zuschauer Gabrielles Probleme weitgehend kennt und ihm die Schranken, die ihr gesetzt werden, gleichermassen die Kehle zuschnüren. Bemerkenswert ist ausserdem, dass die Protagonistin selbst das Williams-Beuren-Syndrom hat und mit einem Nicht-Behinderten wunderbar authentische Liebesszenen spielt. Das wirkt entwaffnend und entkräftet die Bedenken betreffend ihrer Andersartigkeit zusätzlich.
«Gabrielle» feierte seine Weltpremiere letztes Jahr am Filmfestival in Locarno, wo er verdientermassen den Publikumspreis erhielt. Das Werk aus Kanada eröffnete zudem das Filmfest Hamburg und war der kanadische Beitrag für den Oscar 2014.
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