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«Joseph Ratzinger hat sich geklont»

Uta Ranke-Heinemann, die in den Fünfzigerjahren zusammen mit Joseph Ratzinger studierte, glaubt nicht, dass der Papst nur wegen seines Alters zurücktritt. Krach und Misswirtschaft im Vatikan, sagt sie, hätten Benedikt XVI. zum Gehen bewogen.

Südostschweiz
17.02.13 - 01:00 Uhr

Mit Uta Ranke-Heinemann sprach Urs Zurlinden

Frau Ranke-Heinemann, werden Sie Ende Monat nach Rom reisen?

Uta Ranke-Heinemann: Nein, zu 100 Prozent nicht!

Möchten Sie nicht dabei sein, wenn Papst Benedikt XVI. am 27. Februar seine letzte Generalaudienz gibt?

Überhaupt nicht. Aber ich gucke mir jeden Abend den Fernsehsender des Vatikans an.

Seine Demission kam für Rom und die katholische Welt völlig überraschend. Für Sie auch?

Ja, ich war völlig überrascht.

Johannes Paul II., Benedikts Vorgänger, amtete bis zur finalen Agonie. Das wollte Joseph Ratzinger nicht?

Diese Bilder von Johannes Paul II., wie er da todkrank und beinahe umfallend am Fenster erschien, waren durchaus ergreifend.

Nach seinem Tod trauerten Millionen auf Strassen und Plätzen.

Als Johannes Paul starb, haben alle um ihn getrauert. Ich auch, obwohl ich mich 26 Jahre über ihn aufgeregt und dabei Joseph Ratzinger immer entschuldigt hatte: «Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.» Erst als er dann Papst wurde, habe ich gemerkt, dass er es gewesen war, der die Kirche seit 1981 beherrscht und alle fortschrittlichen Professoren weltweit von ihren Lehrstühlen gekippt hatte. Und er hat sich auf allen Bischofssitzen geklont. Deshalb habe ich auch keine Hoffnung, dass es beim nächsten Papst besser wird.

Benedikts Demission ist ein höchst ungewöhnlicher Vorgang. Eigentlich holt Gott den Papst zu sich, wenn die Zeit gekommen ist …

Ja natürlich, die Päpste sterben wie jeder Mensch. Einen Rücktritt habe ich wirklich nicht erwartet. Ich bin ja nur einige Monate jünger als er und kann deshalb gut verstehen, dass er diesen weiten Reisen kräftemässig nicht mehr gewachsen ist. Bei ihm kommt aber noch etwas anderes hinzu: Mit all den Intrigen und der Misswirtschaft geht ja momentan im Vatikan einiges drunter und drüber, sodass er sich besser aus der Verantwortung entfernt.

Der letzte Rücktritt geht auf das Jahr 1294 zurück, als Coelestin V. als überforderter Sonderling das Amt niederlegte. Damals kam es zu einem Volksaufstand und zu Diskussionen, ob dies überhaupt möglich sei …

… und nun nimmt man Coelestin als Beispiel, dass so etwas möglich ist …

«Er entfernt sich besser aus der Verantwotung»

Wie erklären Sie sich die fehlende Rücktrittskultur im Vatikan?

Naja: Wer so weit nach oben kommt, muss ehrgeizig sein. Dieser Ehrgeiz ist ganz sicher bei Papst Benedikt vorhanden.

Wäre also die Rolle des Papstes grundsätzlich neu zu überdenken?

Darüber, dass das eine Fehlentwicklung ist, kann man seit 2000 Jahren nachdenken. Wie kann sich ein Mann – noch nicht mal eine Frau – in Glaubens- und Sittenfragen für unfehlbar erklären? Das ist eine derartige Arroganz! Demnach ist nämlich auch Papst Sixtus V. unfehlbar, der im Jahr 1586 Homosexuelle verbrennen liess.

Der Papst ist eben der Stellvertreter Christi auf Erden?

Wer sagt denn das? Das ist er nach Meinung der Päpste über sich selbst und nach Meinung all der Beifallklatscher unter den Leuten, die ihren Verstand nicht genug benutzen. Das Christentum hat zu einer Infantilisierung der Menschheit geführt. Alle Hirten sind Männer, alle Frauen sind Schafe! Die Intelligenz der Frauen spielt da überhaupt keine Rolle.

Führt die Wahl eines Nachfolgers bei einem noch lebenden Papst nicht zu Problemen?

Das Ganze ist ein Problem! Ein Unfehlbarer tritt zurück – ein neuer Unfehlbarer wird gewählt. Aus diesem irren Zirkus kann man gar nicht aussteigen, wenn man jemanden in Glaubens- und Sittenfragen für unfehlbar erklärt.

Sie haben einst mit Joseph Ratzinger studiert. Wie war er?

Als ich 1953/54 in München studierte, musste man die Thesen der Doktorarbeit ins Lateinische übersetzen. Ich war damals schon verlobt, also suchte ich mir einen Kommilitonen für die einsamen Stunden in den dunklen, leeren Räumen der Universität, bei dem ich mir absolut sicher war, dass er mir nicht plötzlich einen Kuss auf die Backe drückte. Da ist mir Ratzinger aufgefallen. Er war sozusagen das reine Latein und hatte schon immer die Aura eines Kardinals: Hochintelligent bei Abwesenheit jeglicher Erotik. Genau das suchte ich.

Als Sie Ihren Lehrstuhl verloren, sprach er Ihnen Trost zu. Eine nette Geste?

Da kann ich nur bitter lachen!

Sie verloren Ihren Lehrauftrag, weil Sie die Jungfrauengeburt in Frage stellten. Tat das Ratzinger damals auch?

Das Thema war wochenlang im Fernsehen. In der allerletzten WDR-Sendung, am Samstag, 13. Juni 1987, abends 22.45 Uhr, hatte ich das Buch von Ratzinger, den ich damals sehr verehrte, auf dem Schoss: «Einführung in das Christentum», 2. Auflage 1968, Seite 225. Daraus las ich vor: «Die Jungfrauengeburt ist nicht biologisch zu verstehen.» Worauf ein Dominikaner mich korrigierte: «Was Ratzinger sagt, ist falsch, Sie dürfen sich nicht auf ihn berufen.» Tags darauf habe ich Ratzinger einen Brief geschrieben über die hier herrschende Primitiv-Theologie – mit Kopie an das Bistum Essen. Am Montag, 15. Juni, kam dann die Meldung im Fernsehen, meine Lehrbefugnis sei mir entzogen worden.

Wie reagierte Ratzinger?

Nun, inzwischen ist der WDR-Film über die damalige Diskussionsrunde völlig verfälscht: Der Dominikaner ist zwar noch da, aber die Worte sind weggeschnitten. Und ich lese auch nicht aus Ratzingers Buch vor. Das ganze Filmdokument wurde verfälscht. Jetzt sind Leute daran, dies aufzuklären. Allerdings kann ich mir vorstellen, wer dahinter steckte.

An wen denken Sie?

Meinen Brief über die Primitiv-Theologie hatte ich ja nur an Ratzinger und als Kopie an das Bistum geschickt. Auf Anfrage sagte das Bistum Essen, die Korrespondenz mit Ranke-Heinemann sei bis 2027 versiegelt. Wenn ich also 100 bin und tot, wird alles vernichtet. Aber ich habe keine Lust, mich in meinen letzten Tagen von Pompeji als einsame Witwe gegen diese verlogene Weltkirche zu wehren.

«Alle Hirten sind Männer, alle Frauen Schafe»

Ratzingers Wahl zum Papst im Jahr 2005 hatten Sie aber noch begrüsst …

… und wie! Im Fernsehen und überall erzählte ich, in der Kathedrale meines Herzens habe immer eine Kerze für ihn gebrannt. Ich dachte, jetzt sei ein Reformator des Zölibates gewählt worden. Da hatte ich mich schwer getäuscht!

Er gilt als wenig konfliktfähig. Haben Sie das auch festgestellt?

Sie fragen jemanden, der sich über ein halbes Jahrhundert getäuscht hat! In meinem Buch «Eunuchen für das Himmelreich» ist jetzt ein Kapitel über Benedikt XVI. angehängt: Er war es, der die Sexualfeindlichkeit der Katholischen Kirche vollendete. Das habe ich einfach zu spät gemerkt!

Wie charakterisieren Sie Benedikts Fundamentalismus?

Katastrophal! Nur ein Beispiel: In seinem neuesten Buch vom November 2012 schreibt er auf Seite 46 «Alles ist historisch wahr.» In der Sprache der Kirchenväter habe Maria «durch ihr Ohr empfangen». Erst durch ihr Ja («Mir geschehe nach deinem Willen»), durch ihren Gehorsam, werde sie Mutter. Die Gynäkologen können ihre Praxen schliessen; sie werden jetzt durch Hals-, Nasen-, Ohrenärzte ersetzt. Der Ohrsex als Durchbruch in der Sexualforschung von Joseph Ratzinger.

Das hat er doch bloss in übertragenem Sinn gemeint …

Keineswegs. Ratzinger ist ja dafür, dass alles wörtlich genommen werden muss –also haben wir auch alles zu glauben, was irgendwo geschrieben steht. Wie gesagt: Das Christentum ist die totale Infantilisierung. Insofern ist es nicht überraschend, dass er auf dem wortwörtlichen Bibelverständnis beharrt, damit Jahrhunderte historisch-kritischer Bibelforschung ignoriert und uns wieder zu einem Märchen-Glauben verdonnert. Da frage ich mich: Wofür hat Gott mir Verstand gegeben?

Ratzinger wird eine besondere Nähe zu Gemeinschaften wie Opus Dei und den Pius-Brüdern nachgesagt. Was wissen Sie davon?

Ich habe eine gute Freundin namens Ana, die Anhängerin von Opus Dei ist. Wir streiten uns jeweils herrlich auf Spanisch. Aber solange Ana menschlich ist und human denkt, kann ich ihr nicht einen kindlichen Glauben vorwerfen. Denn in mir reift zunehmend die Erkenntnis von Sokrates: Ich weiss, dass ich nichts weiss. Angesichts der Grösse Gottes wächst bei jeder kleinsten Erkenntnis ein Ozean von Unverstandenem.

Benedikt hat 2007 die Rückkehr zur alten Messe in Latein zugelassen – ganz im Sinne des reinen Evangeliums?

Das Latein ist noch das Wenigste, was mich an der Messe stört. Das Wort «credo» heisst «ich glaube» und steht für das Glaubensbekenntnis. Nun kommt aber Jesu Leben im Credo gar nicht vor: Empfangen vom Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gekreuzigt, gestorben und begraben. Jesus hätte also 30 Jahre lang bei Maria in der Küche sitzen und Kreuzworträtsel lösen können – wichtig ist den Christen nur sein Blut! Schrecklich!

«Ohrsex als Durchbruch der Sexualforschung»

Auch die Karfreitagsfürbitte, also das Gebet zur Bekehrung der Juden hat er wieder eingeführt.

Das regt mich ebenfalls enorm auf! Nachdem der Papst in seiner Regensburger Rede die Muslime vor den Kopf gestossen hatte, beleidigte er auch noch die Juden, indem wir alle wieder für deren Bekehrung beten müssen! Als ob die Juden nicht genug durchgemacht hätten durch die Arroganz der Christen!

Darf ein Deutscher Papst überhaupt die Bekehrung der Juden einfordern?

Natürlich nicht! Das ist die Arroganz einer kriegerischen Weltreligion! Jesus pries die Friedensstifter selig – aber ich habe manchmal den Eindruck, ich sei in Deutschland die einzige überlebende Pazifistin. Denn unsere Politik und die ganze Presse ist für alle Kriege all überall.

Zu einem politischen Skandal wurde 2009 Benedikts Versöhnung mit dem exkommunizierten Holocaustleugner Richard Williamson. Wie haben Sie reagiert?

Da waren sich alle einig, dass das mal wieder ein Hammer ist! Unmöglich!

Vor Jahresfrist sorgte der Vatileaks-Skandal für Schlagzeilen: Der Kammerdiener des Papstes bediente die Medien mit Dokumenten. Das deutet auf Machtkämpfe im Vatikan hin?

Das ist so: Im Vatikan herrscht grosser Krach! Und ich zweifle wie gesagt daran, dass Benedikt nur wegen des Alters zurückgetreten ist.

Sein Nachfolger wird von Kardinälen bestimmt, die alle von ihm und Johannes Paul II. eingesetzt wurden. Ein Kurswechsel ist vom neuen Papst nicht zu erwarten?

Nein. Auch die amtierenden Kardinäle sind alle von Benedikt geklont.

Als einer der Papabili und Hoffnungsträger gilt Luis Antonio Tagle, der Erzbischof von Manila. Wird es ein Nicht-Europäer schaffen?

Ich weiss es nicht und ich habe gar keine Lust, mich in Vermutungen zu ergehen. Es ist doch alles Unsinn: Wie kann sich jemand als Stellvertreter Gottes fühlen? Das ist mir völlig unerklärlich. Je mehr man über Gott nachdenkt, desto mehr begreift man, dass man die Grösse Gottes gar nicht begreifen kann.

Sie sind einst zum Katholizismus konvertiert. Würden Sie das heute noch tun?

Nein, ganz sicher nicht!

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