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«Jesus als Ersatzdroge» – Einblicke in eine Freikirche

Junge Menschen aus der ganzen Ostschweiz pilgern zur Freikirche ICF in der Stadt St. Gallen. Doch hinter dem betont lockeren Auftritt der «Church» verbergen sich fundamentalistische Werte, wie ein Experte warnt.

Südostschweiz
24.04.11 - 02:00 Uhr

Von Urs-Peter Zwingli

St. Gallen. – «Alles hat seinen Preis», ruft Prediger Reto Kaltbrunner in die von farbigen Scheinwerfern erleuchtete Kirche. Das Publikum: Gut 200 junge Menschen, Durchschnittsalter 23 Jahre. Einige lauschen der Predigt vornübergebeugt, das Gesicht in den Händen vergraben; andere mit entrücktem Ausdruck, die Augen zusammengekniffen.

Helfer reichen Kartonboxen für die Kollekte durch die Reihen, Münzen klimpern. «Man ist lieber mit grosszügigen Menschen zusammen als mit geizigen», sagt Kaltbrunner wenige Minuten später in seiner Predigt. Und – er rechnet dem Publikum am Flipchart gerade ein Musterbudget vor – «zehn Prozent eures Einkommens sind für die Kirche».

Geld und Sex im Zentrum

Die Kirche, die davon profitiert, ist in diesem Fall der International Christian Fellowship (ICF), eine Freikirche mit erzkonservativer Ausrichtung. Hinzu komme ein «fundamentalistischer Bibelglaube», wie der Theologe, Religions- und Sektenexperte Georg O. Schmid sagt. Er beobachtet ICF und andere neue religiöse Bewegungen für die Informationsstelle Kirchen – Sekten – Religionen (Rel-info) der evangelischen Kirche. Und versteht sich nach eigenen Angaben als «religiöser Konsumentenschützer».

ICF wurde 1996 in Zürich gegründet und hat seit 2002 in St. Gallen und seit 2008 in Rapperswil-Jona und Winterthur Ableger. Heute reisen junge Menschen aus der ganzen Ostschweiz Woche für Woche an die «Celebrations» im ehemaligen Kino Tiffany an der Lämmlisbrunnenstrasse in St. Gallen – am Sonntagabend warten partymässig aufgemachte Gottesdienste auf Jugendliche, am Sonntagmorgen ruhigere Celebrations auf Eltern mit Kindern.

Dass Pastor Kaltbrunner an zwei aufeinanderfolgenden Sonntagabenden, an denen wir ICF St. Gallen besuchen, Geld zum Thema seiner 40-minütigen Reden macht, ist kein Zufall: «Geld und Sex sind die zentralen Themen der Predigten beim ICF», sagt Experte Schmid.

Er besucht seit 15 Jahren ICF-Veranstaltungen, spricht mit ehemaligen Mitgliedern und deren Angehörigen. Fazit: In stark normativ geprägten Freikirchen wie dem ICF suchten junge Menschen vor allem Halt und Orientierung. Bis hin zur Selbstaufgabe – oder im Fall von Menschen mit Drogenproblemen bis zum Punkt, an dem «Jesus zur Ersatzdroge wird», wie Schmid sagt.

«Viele von uns haben eine strube Vergangenheit», sagt die 21-jährige Marlies. «Zum Beispiel Drogenprobleme. Einige haben ihren Körper verkauft.» Heute ist Marlies Welcomerin beim ICF St. Gallen. So heissen die betont aufgestellten Gläubigen, die die Neulinge an den Celebrations an der Türe empfangen. Und einem während des Abends nicht mehr von der Seite weichen – auch wenn man sagt, dass man sich eigentlich alleine einen Eindruck machen will.

«Krass – geil – easy»

Zu Beginn der Celebration spielt eine Band Softrock mit christlichen Texten, die an die Wand projiziert werden. Viele singen und klatschen mit, in den vorderen Reihen wird ab und zu gekreischt. Als die Stimmung nach 20 Minuten angeheizt ist, tritt Prediger Kaltbrunner vor seine Gemeinde.

Er leitet ICF St. Gallen seit der Gründung und hat äusserlich nichts von einem Pfarrer: 31-jährig, sportlich, mit Karohemd und einer Frisur, die auch einem House-DJ gut stehen würde, steht er auf der Bühne. Zehn Jahre als Prediger haben seine rhetorischen Fähigkeiten geschliffen, das junge Publikum saugt seine Worte denn auch förmlich auf. Kaltbrunner macht Witze, sagt oft krass, geil, yeah, easy. – «Gott hat uns Würde gegeben, isch das nöd krass?»

Ein paar Tage später sitzt er im Foyer seiner Kirche. Abgewetzte Ledersofas, eine Bar, ein Billardtisch: Jugendtreff-Stimmung, wäre da nicht das überall präsente ICF-Logo. Für Kaltbrunner, der am internen ICF-College ausgebildet wurde, gilt die Bibel als oberste, unantastbare Wahrheit, wie sich im Gespräch zeigt.

Die Lösung für alle Fragen und Probleme führen stets zur Bibel und Jesus zurück – undiskutierbare Argumente, an denen alle kritischen Fragen abperlen müssen. Einmal sagt Kaltbrunner fast beiläufig: «Gott liebt den Menschen und er hasst die Sünde.»

Regeln fürs ganze Leben

Ist Homosexualität eine Sünde? «Homosexualität ist laut Bibel nicht der Plan Gottes für den Menschen. Sein Gedanke ist, dass sich Mann und Frau zusammentun», sagt Kaltbrunner. Ist Sex vor der Ehe eine Sünde? «Die Bibel sagt, es sei besser, zu warten. Bei uns halten sich die meisten daran.» Wie steht es mit anderen Religionen, dem Islam etwa? «Ich akzeptiere sie. Aber es gibt eben nur eine Wahrheit, nur einen wahren Jesus – jenen aus dem Neuen Testament.»

Kaltbrunner erinnert sich an die harten Anfangsjahre in St. Gallen. Die Mutterkirche in Zürich hatte ihn damals als Gemeindeleiter in den Osten entsandt. «Zehn Leute kamen an die Celebrations, ich habe nebenbei im Call-Center gejobbt.» Wie viele Mitglieder ICF St. Gallen heute hat, kann er angeblich nicht beziffern. «Wir führen keine Mitgliederlisten, wollen niemanden an uns binden.»

Ein ausführliches Anmeldeformular erhalten Besucher trotzdem am ersten Abend beim ICF – nebst einer Beige Flyer, darunter ein Kurs über Eheschliessung («Ready4marriage»), über Budgetplanung, über Mitarbeiterführung – kaum ein Lebensbereich, den ICF nicht mit Kursen abdeckt. Was dazu führen könne, dass die Mitglieder fast nur noch unter ihresgleichen verkehrten, sagt Experte Schmid.

Unter der Woche treffen sich die Anhänger in Smallgroups, einer Art von Hauskreisen. «Die soziale Entfremdung wird manchmal gross, ausserhalb der Freikirche bestehen kaum noch engere Beziehungen.»

Die Expansion ist im Gang

Die Anwerbung von Mitgliedern hat System: ICF hat «hohe Fixkosten», wie Kaltbrunner sagt. Das Jahresbudget von 360 000 Franken stellt ICF St. Gallen vollumfänglich aus Spenden – massgeblich durch den «Zehnten» des Lohns, den viele Mitglieder abgeben. Steter Mitgliederzuwachs ist für ICF also vital; und Mangel an Nachwuchs scheint nicht zu bestehen: Im Januar 2010 half ein Team des ICF St. Gallen bei der Gründung von ICF Vorarlberg in Dornbirn mit, dieses Jahr bei jener von ICF Tirana (Albanien). Kaltbrunner kann sich zudem vorstellen, in der Ostschweiz, «zum Beispiel in Wil oder in Bischofszell», in den nächsten Jahren regionale ICF-Ableger zu gründen.

Bereits konkret sind die Pläne, die ein Moderator am Schluss der Celebration verkündet: Man wolle an der Lämmlisbrunnenstrasse noch eine Wohnung anmieten – «denn es kommen so viele Kinder am Sonntagmorgen vorbei, dass wir schon gar keinen Platz mehr haben». Das Publikum klatscht begeistert, während die Kollekteboxen zum Abschluss nochmals durch die Reihen wandern.

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