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«In Japan danken die Schüler dem Lehrer für den Unterricht»

Drei Alphabete statt eines, Fisch und Reis zum Frühstück und dem Lehrer für den Unterricht danken – das gehört zur japanischen Kultur. Die Glarnerin Ümmünur Amaragan absolviert ein Austauschjahr in Japan.

Südostschweiz
03.01.15 - 01:00 Uhr
Zeitung

Von Eliane Künzler

Glarus/Shimada. – «Am meisten vermisse ich richtiges Brot, die Offenheit der Schweizer, meine Freiheiten, den Schnee und einfach drauflosreden zu können», sagt die Glarner Kantonsschülerin Ümmünur Amaragan.

Sie macht ein Austauschjahr in Japan und ist seit drei Monaten in der Stadt Shimada zu Hause. Sie liegt etwa in der Mitte von Japan. Dort zu leben, bringt für Amaragan viele Veränderungen mit sich – andere Essgewohnheiten, neue Traditionen und Regeln – im japanischen Zuhause und auch in der Schule.

«Alle sprechen Japanisch mit mir»

Japan besitzt nicht nur ein Alphabet, sondern gleich drei verschiedene: Hiragana, Katakana und Kanji. Darunter sind nebst den japanischen auch chinesische Zeichen. Dadurch ist Japanisch extrem schwierig und anspruchsvoll zu lernen, umso mehr sei das für sie eine Motivation, dies zu tun. Sie könne sich bereits gut auf Japanisch unterhalten, sagt Amaragan. Und: «Meine Gastfamilie und meine neuen Freunde reden nur noch Japanisch mit mir.»

Für die Schule trägt die 16-Jährige mit langen, braunen und lockigen Haaren eine Uniform. Auch dort habe sie sich gut eingelebt und integriert. Im Schulwesen sind aber riesige Unterschiede vorhanden. Traditionen, die für Schweizer Schulen kaum vorstellbar wären.

«Aufstehen», «aufpassen», «bitte»

«Jedes Mal wenn eine neue Stunde anfängt, ruft ein Schüler ‘kiritsu’, ‘aufstehen’, was dann auch alle Schüler tun», so Amaragan. Anschliessend rufe er «kiwotsukete», «aufpassen» und zuletzt «onegaishimasu», «bitte», was die ganze Klasse dann wiederhole. Am Schluss der Lektion dasselbe noch einmal, nur werde statt «bitte», dann «danke schön» gerufen. «So wird vor dem Unterricht der Lehrer darum gebeten, die Schüler zu unterrichten und danach wird ihm für das Gelehrte und seine Zeit gedankt», erklärt Amaragan.

Reis und Fisch zum Frühstück

Nicht nur die Schule ist für die Austauschschülerin eine grosse Umstellung – auch das Essen: «Ich habe zu Hause nie gefrühstückt», sagt Amaragan. In Japan gibt es nun jeden Tag Frühstück im grossen Stil. «Meistens gibt es das Gleiche wie bei den anderen Mahlzeiten: Reis, Fisch, Fleisch, Gemüse oder Miso-Suppe, ein japanisches Nationalgericht», so Amaragan lachend. Mittlerweile habe sie sich an das üppige Frühstück gewöhnt, ebenso wie ans Essen mit Stäbchen.

«Fisch hatte ich eigentlich nicht gerne», so Amaragan. «Hatte», weil sie nun in Japan viele Fischgerichte isst, und zwar liebend gerne. Selbst Schweizer Gerichte zu kochen, habe sich als schwierig herausgestellt. Sie wisse einfach nicht, in welchen Läden der Stadt Shimada die Zutaten dafür zu finden sind.

Das gleiche Badewasser für alle

Unter der Woche verbringt Amaragan ihre Freizeit nach der Schule meist zu Hause. Denn ihre japanischen Freunde sind fast alle in einem Club. Das bedeutet, dass die Mitglieder sich fünf Mal pro Woche treffen, und so vielfach keine Zeit für andere Aktivitäten haben.

Auch im japanischen Zuhause gelten andere Regeln. Sich im eigenen Zimmer aufzuhalten, sei bei ihrer Gastfamilie nicht erwünscht. «Hier hält sich eigentlich jeder immer im Wohnzimmer auf.»

Bei Amaragans japanischer Familie werde jeden Abend ein Bad genommen. Dabei wird das gleiche Badewasser von der ganzen Familie benutzt. «Das machen sie, um Wasser zu sparen», erklärt die 16-Jährige.

«In Japan klärt man Angelegenheiten über Dritte», so die Austauschschülerin. Zum Beispiel sei es ihr am Anfang unangenehm gewesen, ihre Gastmutter «Okaasan», «Mutter» zu nennen. Da dies aber der Wunsch der Gastmutter war, sagte sie das Amaragans Organisation und diese leitete das Anliegen dann an die 16-Jährige weiter. «Ich war sehr überrascht, dass meine Gastmutter nicht direkt zu mir kam», so Amaragan.

Trotz der grossen Umstellung und den vielen neuen Regeln sagt die Glarner Austauschschülerin heute: «Ich geniesse jeden einzelnen Tag hier in Japan.»

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