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«The Interview»: Mieser Streifen als globaler Aufreger

Was haben Hacker, schlechte B-Filme und asiatische Kleinstaaten-Diktatoren gemeinsam? Nun, sie sorgen zumindest für etwas Abwechslung in der nachrichtenarmen Weihnachtszeit.

Südostschweiz
27.12.14 - 01:00 Uhr
Zeitung

Von Georg H. Przikling

Los Angeles. – Der Reihe nach: Im November drangen Hacker ins Netzwerk des amerikanischen Filmstudios Sony Pictures ein und erbeuteten Unmengen an vertraulichen E-Mails, Geschäftsberichte – und sogar eine frühe Drehbuchversion des nächsten James-Bond-Streifens. Seitdem weiss die Welt etwa, dass die Filmbosse Angela Jolie für eine verwöhnte Zicke halten, die stets Probleme macht.

Intellektueller Tiefflieger

Der ebenfalls von Sony Pictures finanzierte Film «The Interview» fand zu diesem Zeitpunkt keine Beachtung. Warum auch? Das von Schauspieler Seth Rogen ausgedachte Skript um zwei vertrottelte TV-Leute, die im Auftrag des US-Geheimdienstes CIA den nordkoreanischen Diktator Kim Jong Un um die Ecke bringen sollen, bewegt sich auf dem intellektuellen Niveau einer Weinbergschnecke. Doch das sollte sich schnell ändern. Kurz vor der Veröffentlichung des Streifens meldete sich die bis dato unbekannte Hackergruppe Guardians of Peace und drohte mit Anschlägen auf diejenigen Kinos, die den Film vorführen. Die grossen US-Kinoketten verzichteten in der Folge auf den Film – und brachten so keinen Geringeren als den US-Präsidenten höchstpersönlich auf den Plan. Von da an nimmt der Sony-Hack skurrile Züge an, die selbst Rogens Film vor Neid erblassen lassen.

So wandte sich vor wenigen Tagen erst die amerikanische Bundespolizei FBI an die Öffentlichkeit und meldete stolz, man habe die Angreifer geortet: Nordkorea solls gewesen sein, das die Sony-Server gehackt und dem amerikanischen Volk mit Attentaten gedroht haben soll, falls die sich den Rogen-Schinken antun. Dass das FBI bisher keine konkreten Beweise vorgelegt hat, stört derweil niemanden. Ebenso wenig die Tatsache, dass die Sony-Server in der Vergangenheit wiederholt angegriffen wurden, das Unternehmen seine Sicherheitsmassnahmen aber wider besseren Wissens nicht erhöht hat. Die Polit-Glosse geht aber noch weiter: Während Barack Obama Nordkorea unverhohlen droht, entscheidet sich Sony Pictures unter dem präsidialen Druck, «The Interview» doch noch zu veröffentlichen, und zwar in ein paar Hundert Kinos, zur Hauptsache aber im Internet. Schliesslich habe niemand – auch nicht Nordkoreas Kim Jong Un – das Recht, dem amerikanischen Volk den Streifen zu verwehren. Meinungsfreiheit muss für alle gelten und dazu gehören eben auch sinnfreie Filme.

Seit Weihnachten ist «The Interview» also zu begutachten, online unter anderem auf Google Play und Youtube – gegen Bezahlung versteht sich. Europäische Kreditkarten-Besitzern dürfte das aber wenig nutzen, da der Film im Moment nur für US-Bürger angeboten wird.

Hunderttausende Raubkopien

Auf einschlägigen Torrent-Plattformen ist «The Interview» selbstredend in Rekordzeit gelandet. Schon eine Stunde nach dem ersten Streamen ins Netz kursierte eine rund 2,8 GB grosse Version in bester 1080p-Auflösung. Und die wird fleissig heruntergeladen, allein in den ersten 20 Stunden nach der Online-Erstausstrahlung besorgten sich mehr als 750 000 User weltweit die Raubkopie des Blödel-Films.

IMDB-Traumnote aus Trotz

Witzig: Auf der eigentlich seriösen Filmdatenbank IMDB.com bekam der Film von über 47 000 Besuchern die Traumnote 9,9 von 10 verpasst. Und das zu einem Zeitpunkt, als der Streifen noch gar nicht verfügbar war. Das, so gibt ein User offen zu, habe natürlich nichts mit der Qualität des Films zu tun, sondern mit der Tatsache, dass man sich von niemandem vorschreiben lasse, welche Filme man anschauen dürfe und welche nicht. Mittlerweile hat sich der Sturm etwas gelegt und «The Interview» ist bei rund 8,6 von zehn möglichen Punkten angekommen.

Am Ende sind – ausser Kim Jong Un – im Grunde alle froh: Obama hat Nordkorea gezeigt, was eine Harke ist. Das Filmstudio Sony Pictures und die grossen US-Kinoketten können sich brüsten, vor den WWW-Terroristen nicht eingeknickt zu sein. Der eigentliche Nutzniesser dürfte allerdings Seth Rogen heissen: So viel weltweite Aufmerksamkeit ist noch keinem Film zuteil geworden. Die Produktionskosten von 60 Millio- nen Dollar dürfte «The Interview» deshalb in Rekordzeit einfahren.

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