×

Im Erfolg begann der Abstieg

Fussball Zwischen 1999 und 2011 holten Milan und Inter Mailand acht von zwölf möglichen Meistertiteln. Doch Fehlplanung beschleunigte den Abstieg.

Südostschweiz
27.01.15 - 01:00 Uhr
Zeitung

«Ich weiss nicht, wie, aber wir schaffen es.»

Roberto Mancini,?Trainer Inter Mailand

si. In dieser Phase gewannen sie auch dreimal die Champions League. Die Parallelen auf dem Weg ins Serie-A-Mittelfeld sind frappant. Aus Schweizer Sicht interessierten zum Mailänder Fussball am letzten Wochenende die folgenden Zahlen: Xherdan Shaqiri kam bei Inters Heimniederlage gegen Torino während 39 Minuten zum Einsatz, er hatte 22 Ballberührungen, erkämpfte sich zweimal einen Ball zurück und schoss null Mal auf das gegnerische Tor. Es ist eine schwache Bilanz.

In Mailand selbst interessieren andere Zahlen, allgemeinere, welche die Grossklubs Milan und Inter betreffen. Doch auch diese sind schwach. Zum Beispiel haben beide Vereine 23 Punkte Rückstand auf Leader Juventus Turin. Sie liegen punktgleich auf den Rängen 9 und 10 und schon acht Zähler hinter einem Europacup-Platz. Sie haben in dieser Saison je nur sechs von 20 Spielen gewonnen. Milan und Inter haben zwischen 2003 und 2010 zusammen dreimal die Champions League geholt. 2015 stehen sie einem Abstiegsplatz näher als dem Königswettbewerb.

Nicht in die Zukunft investiert

Der Blick in die Vergangenheit ist umso schmerzhafter, als in den triumphalen Jahren der Abstieg begonnen hat. Milan und Inter haben die Maxime schmerzhaft vernachlässigt, wonach man sich im Erfolg neu erfinden muss, um weiterhin siegreich zu bleiben. Milan stattete 2007 sein schon damals überaltertes Team um Alessandro Nesta, Andrea Pirlo, Clarence Seedorf oder den heutigen Trainer Filippo Inzaghi in der Nacht des Champions-League-Titels von Athen nahezu in corpore mit neuen sündhaft teuren und langfristigen Verträgen aus, was den Nachzug und Aufbau von neuen Kräften verhinderte. Inter machte drei Jahre später den genau gleichen Fehler. Das Team des Champions-League-Triumphs von Madrid blieb nahezu unangetastet. Spieler wie Walter Samuel, Javier Zanetti, Esteban Cambiasso oder Diego Milito liefen auch dann noch auf, als sie ihren Zenit längst überschritten hatten.

Die Sünden der Vergangenheit fliegen den Mailänder Klubs nun umso heftiger um die Ohren, als in wirtschaftlich schwierigen Zeiten der Einkauf internationaler Topstars unmöglich ist und die jahrelang vernachlässigten Nachwuchsabteilungen kaum brauchbare Spieler liefern. Dabei spielen die Vereinsleitungen eine schwache Rolle. Hier Milans Silvio Berlusconi, der längst nicht mehr so liquide ist wie früher und nicht weiss, wie viel ihn die laufenden Prozesse wegen Sexskandalen und Wirtschaftsdelikten noch kosten werden. Dort Inters Indonesier Erick Thohir, der meist in Jakarta sitzt und sich auch mehr als ein Jahr nach der Klub-Übernahme von Mäzen Massimo Moratti schwertut mit der Tatsache, dass in Mailand dem Thema Fussball ungleich emotionsgeladener und irrationaler begegnet wird als in den USA dem Basketball, wo er Anteile an den Philadelphia 76ers hält.

Welche Strategien Berlusconi und Thohir auch verfolgen, sie führen weder zu sportlichem Ruhm noch zu wirtschaftlichem Wachstum. Milan versucht seit drei Jahren mit wenig Erfolg, abgehalfterten Ex-Grössen wie Alex, Fernando Torres oder Michael Essien zum Nulltarif wieder auf die Beine zu helfen. Inter dagegen hat sich in diesem Monat der Flucht nach vorne verschrieben. Neben Shaqiri holte man auch Lukas Podolski, weitere Transfers werden bis Ende Monat folgen. Vorerst sind alle diese Spieler von Inter ausgeliehen, im Sommer werden dann Zahlungen fällig, welche die Grenze von 40 Millionen Euro wohl übersteigen. Inter verfügt über so viel Geld aber nur dann, wenn es sich für die Champions League qualifiziert.

Inzaghis Stuhl wackelt

In einem Punkt ist Inter dem Stadtrivalen einen Schritt voraus. Es hat den Trainer bereits ausgetauscht und im November Walter Mazzarri durch Roberto Mancini ersetzt. Gebracht hat es bisher nichts; Mancini holte pro Spiel weniger Punkte als sein Vorgänger (1,1 zu 1,4). Den Schritt der Trainerentlassung dürfte Milan in den nächsten Tagen ebenfalls vollziehen. Wenn die Mailänder heute Dienstag den Cup-Viertelfinal gegen Lazio Rom verlieren, ist es um Filippo Inzaghi bereits geschehen.

Kurz nach der Heimpleite gegen Torino referierte Roberto Mancini über die Champions League. «Wir glauben fest daran. Nein, mehr noch. Ich bin überzeugt, dass wir es schaffen. Ich weiss nicht, wie, aber wir schaffen es.»

Kommentieren
Wir bitten um euer Verständnis, dass der Zugang zu den Kommentaren unseren Abonnenten vorbehalten ist. Registriere dich und erhalte Zugriff auf mehr Artikel oder erhalte unlimitierter Zugang zu allen Inhalten, indem du dich für eines unserer digitalen Abos entscheidest.
Könnte euch auch interessieren
Mehr zu Zeitung MEHR