×

«Ich wünsche dir viel Glück»

Ich wünsche Dir viel Glück. Das sagen wir so bei Abschieden und Neuanfängen – wie kürzlich zum Anfang des neuen Jahres. Aber was steckt hinter der Floskel?

Südostschweiz
03.01.15 - 01:00 Uhr
Zeitung

Von Rolf Jost, Pfarrer in Näfels

Angenommen, wir meinen es ernst – wissen wir selbst, was wir damit meinen, und weiss es unser Gesprächspartner?

Denn das Glück ist etwas ziemlich undefinierbares. Alle geben sich Mühe, «happy» zu sein, doch viele sind nicht glücklich. Auf dem Grabstein eines Mannes ist geschrieben worden: «Er hat im Leben viel Glück gehabt und ist doch niemals glücklich gewesen.» Glück haben und glücklich sein ist nicht dasselbe, auch wenn es die deutsche Sprache damit nicht sehr genau nimmt. Während das Französische «chance» von «bonheur» unterscheidet, das Englische «luck» von «happiness», wirft das Deutsche das zufällige Glück im Lotto, den emotionalen Glücksmoment und das langfristige Lebensglück in einen Topf. Das intensiv erlebte kurze Glück ist dabei dem Menschen gegenwärtiger als das beständige Lebensglück, das wir oft unbewusst hinnehmen.

Wo liegt das Glück? Unter der Schädeldecke zwischen Grosshirn und Hirnstamm. Dort orten die Neurologen zumindest die kurzen Glücksgefühle. Mit Alkohol, Nikotin, Kokain oder Ecstasy können wir das Glücksgefühl etwas verlängern. Doch der künstlich verlängerte Glücksrausch hat einen Nachteil: Der Körper gewöhnt sich rasch an die wohltuende Wirkung. Darum muss die Dosis immer wieder gesteigert werden. Mit wirklichem Glück hat die Wirkung jedoch nicht das Geringste zu tun.

Was braucht es für das längerfristige, beständige Glück, das mehr ist als eine chemische Illusion? Die Psychologie sagt: Glück wird stark von den Menschen bestimmt, die einem nahe sind. Je höher die Fähigkeit und das Interesse einer Person, mit Menschen umzugehen und deren Gesellschaft zu geniessen, desto stabiler und grösser ist ihr Glücksempfinden. Paare sind glücklicher als Singles. Nicht nur der Umgang mit andern Menschen beeinflusst das Lebensglück, auch das Verhältnis zu sich selbst zählt. Ein positives Gefühl für sich selbst trägt zum Glück bei. Umgekehrt sind Ängstlichkeit und Aggressivität dem persönlichen Glück abträglich.

Darüber hinaus scheint es ein von äusseren Umständen unabhängiges, persönliches Glücksniveau zu geben. In einer britischen Studie über das Glück wurde die Glückseinschätzung von zwei extrem unterschiedlichen Gruppen untersucht: Menschen, die im Lotto Millionen gewonnen hatten, und Unfallopfern mit Querschnittlähmung. Das erstaunliche Resultat: Bereits nach einem halben Jahr pendelte sich ihre ursprüngliche Haltung wieder ein, was die persönliche Glückseinschätzung betrifft. Der Lottomillionär fühlte sich so glücklich oder unglücklich wie zuvor, gleiches gilt für den Querschnittgelähmten.

So kann es durchaus sein, dass von zwei Menschen, die unter den gleichen Bedingungen leben, der eine fröhlich und zufrieden ist, der andere missmutig und unglücklich. Doch auch glückliche Menschen sagen nicht, sie seien immer glücklich gewesen. Dem Glück geht die Not voraus oder folgt ihr, denn sonst wäre es nicht zu erkennen. Längerfristiges Glück ist kein Zustand, sondern ein Wechselspiel der Gefühle.

Sich das Glück – den inneren Frieden – auch unter schwierigsten Umständen zu erhalten, kann auch mit dem Glauben zu tun haben. Denn nebst den Mitmenschen und mir selbst spielt die Offenheit für Gottes Gegenwart dabei eine grosse Rolle. Wie konnte sonst Dietrich Bonhoeffer im Dezember 1944 aus der Gestapo-Gefangenschaft an seine Verlobte schreiben: «Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen, und ganz gewiss an jedem neuen Tag»

In diesem Sinne verabschiede ich mich von den Leserinnen und Lesern meiner Denkpausen und wünsche ihnen viel Glück!

Kommentieren
Wir bitten um euer Verständnis, dass der Zugang zu den Kommentaren unseren Abonnenten vorbehalten ist. Registriere dich und erhalte Zugriff auf mehr Artikel oder erhalte unlimitierter Zugang zu allen Inhalten, indem du dich für eines unserer digitalen Abos entscheidest.
Könnte euch auch interessieren
Mehr zu Zeitung MEHR