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«Ich war nie der Typ der Extreme»

Vor seinem Antritt als Bündner Volkswirtschaftsdirektor beschreibt sich Jon Domenic Parolini als Politiker und Mensch. Und er spricht über die Herausforderungen, die ihn im neuen Amt erwarten – sowie über allfällige Winterspiele.

Südostschweiz
27.12.14 - 01:00 Uhr
Zeitung

Mit Jon Domenic Parolini sprach Gion-Mattias Durband

Herr Parolini, im Mai wurden Sie in die Bündner Regierung gewählt, am 1. Januar übernehmen Sie das Departement für Volkswirtschaft und Soziales. Wen haben die Bündner mit Ihnen gewählt?

Jon Domenic Parolini: Ich bin eine Person, die zielstrebig etwas erreichen will. Aber auch eine empathische Person, die auf das Gegenüber eingeht und den Partner verstehen will, ehe sie einen Entscheid trifft. Ich höre gern und gut zu. Und ich bin geduldig. Aber die Entscheide kommen dann schon.

Der Prototyp eines Konsenspolitikers?

Die reine Konsenspolitik finde ich nicht das Wahre. Ich will etwas vorantreiben, eine Lösung für das Problem finden. Ein Kompromiss kann das Resultat sein, darf aber nicht bereits am Anfang stehen. Erst müssen die Positionen bezogen werden, damit man weiss, wer wo steht. Eine Extremposition einzunehmen und darauf zu beharren, auch wenn dadurch ein Weiterkommen unmöglich wird, bringt auch nichts. Ausser, es geht um Provokation – das kann auch eine Strategie sein. In gewissen Bereichen muss man provozieren – und das tue ich auch. Aber letztlich will man etwas erreichen.

Wo haben Sie provoziert?

Etwa beim 20-Jahr-Jubiläum der Sportklasse des Hochalpinen Instituts Ftan vor drei Monaten, als ich bezüglich Oberstufen und Mittelschulen sagte, dass für mich eine Mittelschule für die Attraktivität der Region wichtiger sei als eine Oberstufe in jeder Gemeindefraktion. Des hat für einige Misstöne gesorgt. Das verstehe ich auch. Aber wenn man durch innovative Ideen und Synergienutzungen bei den Oberstufen und der Mittelschule Letztere erhalten könnte, dann muss man Hand bieten.

Was hat Sie in die Politik getrieben?

Schon mein Vater, ein Mitglied der alten Demokratischen Partei, hat sich mit Politik beschäftigt. Und meine Mutter stammt aus einem freisinnigen Haus. So wurde auch am Familientisch viel diskutiert. Mir hat es schon früh Spass gemacht, mich für öffentliche Anliegen zu engagieren. Ich habe dann während der Arbeit an meiner Dissertation auch als Journalist gearbeitet. Das war spannend. Aber nach zehn Jahren wollte ich nicht mehr nur berichten, sondern selber mitentscheiden.

Wenn man Sie googelt, erscheint der Vorschlag «Jon Domenic Parolini SVP». Ist es ein Zufall, dass es Google schwerfällt, Sie einzuordnen?

Ich habe keine Ahnung, wie Google da funktioniert (lacht). Das rührt wohl noch aus alter Zeit, vor der Abspaltung der SVP.

«Ich bin zielstrebig, aber empathisch»

Böse Zungen sagten während des Wahlkampfes, es sei schwer, sie einzuordnen – auch gegenüber Konkurrent Heinz Brand.

Bei der Europapolitik gibt es klare Unterschiede zwischen der BDP und der SVP. Hier stehen wir klar für den bilateralen Weg ein. Und gerade als Gebirgskanton würde es uns ohne die Bilateralen Verträge um einiges schlechter gehen – davon bin ich felsenfest überzeugt. Einige international orientierte Unternehmen würden ihren Produktionsstandort wohl verlegen. Die standortgebundenen Firmen hätten aber das Nachsehen. Was das Asylwesen betrifft, müssen wir die bestehenden Gesetze so gut und human wie möglich umsetzen. Ich vertrete eine bürgerliche, aber keine populistische Rechts-aussen-Position der Abschottung.

Welche Rolle spielt bei Ihnen der Staat?

Der Staat soll vor allem für gute Rahmenbedingungen und Service public sorgen. Arbeitsplätze sollen dann aber vor allem in der privaten Wirtschaft geschaffen werden. Andererseits habe ich in den 15 Jahren als Gemeindepräsident von Scuol gelernt: Wenn die öffentliche Hand – vor allem die Gemeinden – in schwächeren Regionen nicht aktiv wird und Investitionen tätigt oder unterstützt, läuft gar nichts. Das Hallenbad Ovaverva in St. Moritz etwa oder das Bogn Engiadina in Scuol wären ohne öffentliches Engagement nicht zustande gekommen. Ohne den Staat geht es in solchen Regionen nicht, wenn an der dezentralen Besiedelung weiterhin festgehalten werden soll. Eine andere extreme Möglichkeit wäre es, die Grenztafeln des Nationalparks etwas nach aussen zu verschieben, vielleicht an den Anfang der Viamala- und der Schin-schlucht oder in die Mitte des Prättigaus – und den Rest südlich davon dem Nationalpark zuschlagen. Vielleicht die Vorstellung gewisser Städter? Die dezentrale Besiedelung ist in der Verfassung festgeschrieben – und sie liegt auch mir sehr am Herzen.

Wieso haben Sie als Forstingenieur nicht das Bau-, Verkehrs- und Forstdepartement übernommen?

Die Regierung ist eine Kollegialbehörde. Ich war der einzige Neue. Letztlich war das ein kollegialer Entscheid, wer was bekommt. Ich hätte mir auch andere Departemente vorstellen können, bin aber mit meinem sehr zufrieden. Volkswirtschaft, Tourismus, Raumplanung und auch das Soziale – mit vielen dieser Bereiche hatte ich auch als Gemeindepräsident zu tun. Und das liegt mir auch. Aber dennoch: Es ist eine grosse Herausforderung, das mit acht Ämtern grösste Departement zu führen. Aber ich freue mich darauf.

Sie wirken als Politiker eher zurückhaltend. Haut Jon Domenic Parolini auch mal auf den Tisch?

Wenn es nötig ist, kann ich das.

Was ist dazu nötig?

Menschen, die nicht zuhören oder nicht begreifen wollen, dass es andere Standpunkte gibt. Oder wenn sie sich nicht gebührend verhalten.

«Mit dem Kopf durch die Wand» ist aber allgemein weniger Ihre Devise?

Nein. Ich war nie der Typ der Extreme. Pragmatisches Vorgehen, das eher erfolgsversprechend ist, liegt mir mehr.

Birgt das für einen Politiker nicht auch die Gefahr, in der öffentlichen Wahrnehmung unterzugehen?

Es ist mir bewusst, dass Medien und viele Medienkonsumenten lieber knappe, saftige Aussagen mögen als differenzierte – das ergibt die besseren Schlagzeilen.

Wenn man in die Politik geht, muss man etwas wollen. Was treibt Sie als Politiker konkret an, welche Ziele verfolgen Sie?

Wirtschaftsstandort Graubünden – vor welchen Herausforderungen steht der neue Volkswirtschaftsdirektor?

Aus dem Wirtschaftsentwicklungsbericht geht klar hervor, dass wir sehr unterschiedliche Regionen haben. Auf der einen Seite das Churer Rheintal, das untere Misox und das vordere Prättigau, welche im Bereich Industrie und Dienstleistung durchaus mit anderen Kantonen konkurrenzieren können. Hier muss der Kanton weiter für günstige Rahmenbedingungen sorgen mit Bezug auf Steuern, verfügbaren Boden und die Bildung: Die Jungen müssen hier eine gute Ausbildung im tertiären Bereich erhalten, damit sie möglichst auch hier bleiben und nicht ins Unterland abwandern.

Stichwort Steuersenkungen?

Zum Beispiel. Allerdings erachte ich es als sinnvoller, wenn hier punktuell angesetzt wird, etwa wenn es darum geht, ob eine hier ansässige Firma eine neue Produktelinie vor Ort entwickelt und produziert statt etwa in China. Generelle Steuersenkungen können wir uns aber derzeit nicht leisten, obschon für mich die Devise gilt: so wenig Steuern wie möglich. Die öffentliche Hand muss immer knapp bei Kasse sein. Sonst denkt man an Ausgaben, die wünschenswert, aber nicht unbedingt nötig sind. Weil aber nun bereits von Strukturüberprüfung und Sparmassnahmen die Rede ist, wäre eine generelle Steuersenkung nicht glaubwürdig.

Derzeit ist der Kanton touristisch immer noch stark auf die Wintersaison ausgerichtet. Reicht das langfristig?

Ganzjahrestourismus wäre klar das Beste. Das sollte jeder, der in den Tourismus investiert, berücksichtigen –, auch wenn das nicht überall gleich einfach ist. Es gibt aber durchaus Beispiele, wo das funktioniert. Meine Gemeinde war in den Achtzigerjahren noch klar eine Winterdestination. Mit dem Bau des Wellnessbads wurde der Wechsel eingeläutet. Heute sind einige Hotels auch schon im November und Anfang Dezember am Wochenende gut besucht, obwohl die Bergbahnen noch geschlossen sind.

Was wünschen Sie Graubünden für das neue Jahr?

Dass der Kanton weiterhin gut prosperiert und dass wir die Bevölkerungszahl halten können. Ich wünsche mir auch, dass alle Regionen etwas vom Kuchen abbekommen und sich gut entwickeln können. Und, dass der schweizerische Finanzausgleich weiterhin zum Tragen kommt.

Wünschen Sie sich auch etwas Neues?

Wir haben genug mit dem Bestehenden, und aus dessen Weiterentwicklung ergibt sich das Neue von selbst. Aber etwas Neues, was für eine tolle Schlagzeile taugte, kann ich Ihnen nicht präsentieren. Aber versuchen Sie es immer wieder, vielleicht kommt es irgendwann einmal (lacht).

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