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«Ich war eigentlich kein Abfahrer»

Nur 75 kg hat Conradin Cathomen auf die Waage gebracht. Trotzdem war die Abfahrt seine Paradedisziplin. An der Ski-WM 1982 sicherte er sich in der Königsdisziplin die Silbermedaille. Zu früh musste der Laaxer seine Karriere beenden.

Südostschweiz
30.12.14 - 01:00 Uhr
Zeitung

Von Jürg Sigel

Ski alpin. – Den Zeitpunkt seines Rücktritts hatte Conradin Cathomen anders geplant. «Mindestens bis 1990 wollte ich fahren», sagt der Laaxer. Doch dann war schon 1988 Schluss, wegen einer Handverletzung, die sich Cathomen im Dezember 1987 im französischen Val d’Isère zugezogen hatte. Zu früh kehrte er danach auf die Rennpisten zurück. «Ich hatte Koordinationsprobleme, war nicht mehr mein eigener Chef, konnte nicht einmal die Schuhe allein anziehen.» Ca-thomen war noch nicht einmal 29 Jahre alt, als seine Ski-Karriere endete.

Cathomen und die starke, neue Generation

Dass Cathomen einmal Skirennfahrer werden würde, hatte sich früh abgezeichnet. Als kleiner Junge habe er jede freie Minute auf den Ski verbracht, erzählt Cathomen, der später Junioren-Schweizer-Meister im Riesenslalom wurde – und sich plötzlich als Nachwuchsfahrer auf den Abfahrtspisten wiederfand. Es war im Dezember 1977, als die Schweizer mit zahlreichen Nachwuchsathleten nach Val d’Isère reisten. Und diese heizten den Etablierten mächtig ein. Zuerst musste Martin Berthod einem Jungen weichen, später Philippe Roux, dann René Berthod. Die Jungen fuhren den Alten richtiggehend um die Ohren. Eine neue Generation war da.

Zu dieser neuen Generation gehörte Conradin Cathomen, damals 18-jährig – «und mit nur 75 kg Körpergewicht eigentlich kein Abfahrer», wie er lachend sagt. Auf flachen Strecken sei er deshalb chancenlos gewesen. «Schnell war ich nur, wenn es ‘ghudlet’ hat.» Übersetzt: wenn es steil bergab ging. Immerhin war das Leichtgewicht aus dem Bündner Oberland sehr oft schnell unterwegs. Top-10-Klassierungen gehörten fast zur Normalität. Zweimal – am 19. Dezember 1982 in Gröden (Italien) sowie am 10. Januar 1983 in Val d’Isère – gewann Cathomen eine Weltcup-Abfahrt. Und am 6. Februar 1982 in Schladming (Österreich) war in der WM-Abfahrt nur der Einheimische Harti Weirather schneller als Cathomen, der 1976 schon bei den Junioren Abfahrts-EM-Silber geholt hatte.

«Das Eis ist dünn. Hustet einer, wirds gleich eng»

Cathomen hatte sich zu einem der besten Abfahrer der Welt hochgearbeitet. Mit den damaligen Resultaten wäre er heute in manchem Rennen ein vom Schweizer Publikum gefeierter Superstar. Damals gab es aber nicht nur Cathomen. Die Schweiz stellte eine bärenstarke Truppe und sorgte 1987 in Crans-Montana für eine einmalige WM. 14 Medaillen – achtmal Gold, viermal Silber, zweimal Bronze – wurden gewonnen. In der Männer-Abfahrt gab es einen vierfachen Schweizer Sieg. Peter Müller gewann vor Pirmin Zurbriggen, Karl Alpiger und Franz Heinzer. Daniel Mahrer belegte Platz 6. Und Conradin Cathomen? Dieser erhielt keine Startgelegenheit, «obwohl ich zweimal mit der Trainingsbestzeit gestoppt worden war». Das war in jener Zeit eben raue Realität. Die interne Konkurrenz war riesig. «Hattest du damals ein klein wenig Abstimmungsprobleme, warst du schon weg», erzählt Cathomen.

Abstimmungsprobleme bekunden die Fahrer auch heute. Für Cathomen ist dies nachvollziehbar. «Mit dem neuen Material ist das sogar noch heikler geworden», verkündet er und nennt weitere Vergleiche zu früher. «Die Pistenpräparierung ist heute besser, wodurch die Bedingungen für die Athleten fairer sind. Zudem ist die Sicherheit grösser geworden.» Eines habe sich aber nicht geändert. «Immer noch gewinnt der Schnellste.»

Das war in den vergangenen Jahren eher selten ein Schweizer. «Das Eis ist dünn», sagt Cathomen. «Hustet einer, wirds gleich eng. Früher war sogleich ein anderer bereit.» Gleichwohl hat der Skirennsport für Cathomen nichts an seiner Faszination eingebüsst. «Ich verfolge das Ganze nach wie vor, schaue mir vor allem die Rennen in den schnellen Disziplinen alle an. Für mich ist es unvorstellbar, dass mich der Skirennsport nicht mehr interessieren könnte.»

«Ich musste erst lernen, ‘richtig’ zu arbeiten»

Bei aller Begeisterung: Ein Trainerjob, sagt Cathomen, sei für ihn nie ein Thema gewesen. Der inzwischen 55-Jährige, äusserlich wie in seiner Art wesentlich jünger wirkend, hatte anderweitig vorgesorgt. Er hatte eine Skischule, stieg nach seinem Karriere- ende ins Finanzgeschäft ein, «wobei ich erst lernen musste, ‘richtig’ zu arbeiten. So kannte ich das nicht.» Dabei war Cathomen stets ein Krampfer gewesen. So hatte er parallel zu seinem Aufstieg ins Ski-Business eine Automechaniker-Lehre abgeschlossen. Ausbildung inklusive Gewerbeschule und Skirennsport brachte er problemlos unter einen Hut. Es habe in dieser Zeit auch Fahrer gegeben, «welche die Ausbildung abgebrochen haben», so Cathomen. «Interessant ist, dass von denen im Skirennsport keiner den Durchbruch schaffte.»

«So oft als möglich in Graubünden»

Conradin Cathomen, zweifacher Familienvater, seit 2005 von der Schlagersängerin Marianne Cathomen geschieden, ist seit zwölf Jahren im Raum Zürich wohnhaft und lebt in einer glücklichen Beziehung. Seit 2002 arbeitet er als Partner bei der Management Assets Services AG. Im Auftrag von Unternehmungen rekrutiere er als Headhunter Führungskräfte und Spezialisten, erklärt Cathomen, der «seine Freizeit so oft als möglich in Graubünden» verbringt. Und manchmal, wenn er in St. Moritz weilt, trifft er dort jenen Martin Ber-thod, der einst in Val d’Isère von Cathomen aus den Startplätzen gekippt worden war. «Klar reden wir immer noch darüber», sagt Cathomen und lacht.

Es ist das Lachen eines Ex-Skistars, der ohne die damalige Handverletzung möglicherweise noch etliche Erfolge auf Abfahrtspisten hätte feiern können – trotz der nur 75 kg.

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