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«Ich möchte diese Zeit nicht missen»

Kurt Schadegg spielte Eishockey und Fussball. Er war Instruktor sowie Trainer und Sportchef des FC St. Gallen. Heute würde er auf Eishockey setzen, sagt der in Oberuzwil wohnhafte 82-jährige Bündner.

Südostschweiz
28.12.14 - 01:00 Uhr
Zeitung

Der in Chur aufgewachsene Kurt Schadegg hat gute Erinnerungen an seine Zeit beim FC St. Gallen

Von Jürg Sigel

Graubünden hat Kurt Schadegg längst verlassen. Bündner ist der in Chur aufgewachsene Schadegg aber geblieben. In seiner Wohnung in Oberuzwil im Kanton St. Gallen, in welcher Kurt Schadegg mit Ehefrau Annemarie, einer Prättigauerin, lebt, liegt die «Südostschweiz» auf dem Tisch. Schadegg ist genau informiert über die Sportszene Graubünden und generell über die Geschehnisse in diesem Kanton. Er schenkt sich einen Kaffee ein. «Ich mag ihn stark», sagt Schadegg. Er würde sich auch gerne starke Churer Sportklubs wünschen. Doch die sind momentan rar. Schadegg, 82-jährig, runzelt die Stirn, wenn er auf Chur 97 angesprochen wird. Zum EHC Chur sagt er: «Dieser Klub mischt in der 1. Liga immerhin vorne mit.» Nein, eine Sportstadt sei Chur nicht wirklich, auch wenn wenigstens im Unihockey auf höchstem nationalem Niveau gespielt werde.

<strong>Damit sind zwei Vereine</strong> erwähnt, mit denen Schadegg in jungen Jahren verbunden war. Beim damaligen FC Chur spielte er bei den Junioren und erinnert sich gerne an die 2.-Liga-Derbys gegen Ems, «welche nie weniger als 1000 Zuschauer verfolgten». Und er erinnert sich an Trainer Ernst Schlegel, dem er ein gutes Zeugnis ausstellt. Schadegg spielte auch Eishockey bei Schiers, das damals der 1. Liga angehörte. Dann trainierte der Allrounder den EHC Chur – Jahre später legt er Wert darauf, einen Irrtum aufzuklären. «Es ist nicht so, dass ich den Stadtklub 1962 in die Nationalliga B geführt habe, wie da und dort geschrieben steht. Das ist falsch. Toni Wagner war damals der Aufstiegstrainer, nicht ich. Es liegt mir fern, mich mit fremden Federn zu schmücken», sagt Schadegg und lacht.

<strong>So viel zu Kurt Schadegg </strong>und seiner Bündner Vergangenheit. Schadegg war Sportlehrer – wie dies einer seiner beiden Söhne ebenfalls ist –, arbeitete an der Mittelschule Schiers. 1963 zog er nach Uzwil, wo er beim Grossunternehmen Bühler AG den Lehrlingssport einführte und selber unterrichtete. Einige spätere Sportgrössen habe er erlebt. So trainierte unter Schadeggs Fittichen etwa Roland von Mentlen, der Jahre später unter anderem zum Coach der Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft ernannt wurde. «Eigentlich beabsichtigte ich, drei Jahre dort zu bleiben.» Schadegg blieb für immer. Ein Grund dafür war sein Arbeitgeber, «der sich immer grosszügig zeigte, wenn ich wegen des Fussballs abwesend war. Nie musste ich dafür Ferien opfern.»

<strong>Abwesend </strong>war Schadegg oft, weil er im Fussball viel zu vermitteln hatte. Er war Instruktor beim Schweizerischen Fussballverband, arbeitete lange in Magglingen. Und er trainierte an seinem Wohnort den 2.-Ligisten FC Uzwil. Er tat dies so gut, dass er das Interesse des FC St. Gallen weckte. Plötzlich war Schadegg ganz oben im nationalen Klubfussball angelangt, trainierte und coachte ab 1971 die Grün-Weissen.

Bis 1976 hielt er sich im Amt. Obwohl er es mit seiner eher sanften Art schaffte, dass «die Spieler für ihn durchs Feuer gingen», wie im «Blick» einst zu lesen war, hatte es Schadegg nicht immer leicht. Der FC St. Gallen war kein Spitzenklub. Doch als in der Saison 1972/73 die Situation mit einem Punkt aus neun Spielen ganz ernst wurde, gelang den Espen, wie sie damals genannt wurden, ein Transfer, der die ganze Fussball-Schweiz staunen liess. Von Meister Basel wurde der Internationale Rolf Blättler verpflichtet. Mit ihm änderte sich alles in der Ostschweiz. Blättler bewahrte St. Gallen vor dem Abstieg; mit Blättler wurde 1977 der Cupfinal erreicht, der in Bern gegen die Young Boys aber unglücklich verloren ging (0:1).

Da war Schadegg nicht mehr Trainer, doch mit dem FC St. Gallen blieb er verbunden. Lange war er im Klub als Sportchef tätig. Er arbeitete unter dem langjährigen Präsidenten Sigi Gantenbein, der im Juli 2012 im Alter von 87 Jahren starb. Für Gantenbein hat Schadegg nur lobende Worte übrig, weniger für Ex-Trainer Uwe Klimaschefski. Das war Mitte der Achtzigerjahre. «Ich war nicht überzeugt von ihm», sagt Schadegg, «und schlug deshalb vor, Markus Frei zu engagieren, der zuvor Assistenztrainer beim FC Zürich war. Es sollte die richige Wahl sein.

<strong>Schadegg </strong>holt aus einem Zimmer seiner Wohnung Kartonkisten hervor, sucht nach alten Fotos. «Ich hatte es nie gern, wenn Kameras auf mich gerichtet waren», meint er schmunzelnd. Entsprechend klein ist die Auswahl an Bildern. Allerdings stört das Schadegg überhaupt nicht. Wichtiger ist ihm die Erinnerung. Und er erinnert sich an vieles. Er erzählt vom ehemaligen Nationalliga-A-Verein Chênois. Der Genfer Quartierklub sei der erste aus der höchsten Schweize0r Spielklasse gewesen, der ohne Libero, dafür «mit vier Mann auf einer Linie» gespielt habe. Schadegg erzählt von Ivan Zamorano, dem chilenischen Stürmer, der später in Europa noch für den FC Sevilla, Real Madrid und Inter Mailand auf Torjagd ging. Schadegg half mit, Zamorano nach St. Gallen zu holen, «in einer Nacht-und-Nebel-Aktion». Mit Hugo Rubio und Patricio Mardones verpflichtete St. Gallen noch zwei weitere Chilenen. Die Ostschweiz stand kopf. Die Begeisterung kannte keine Grenzen. Das Team um «Ivan den Schrecklichen», wie Zamorano wegen seinen Goalgetterqualitäten schnell einmal genannt wurde, stürmte in die Herzen der Fans und zum Wintermeister-Titel.

Schadegg lächelt, wenn er an diese Zeit denkt. Er nennt noch weitere Fussballer, die ihn beeindruckten. Roger Hegi etwa, den intelligenten Fussballer, Heinz Bigler und viele andere. «Ich möchte die Zeit beim FC St. Gallen nicht missen», sagt Schadegg. «Es war schön, und wir alle, die damals dabei waren, grüssen einander noch.»

<strong>Neben seiner Trainertätigkeit</strong> ging Schadegg immer noch einer «geregelten» Arbeit nach. Leben mit dem Job als St.-Gallen-Übungsleiter wäre gar nicht möglich gewesen. Inklusive Fixum, Prämien und Spesen verdiente Schadegg damals als Trainer «rund 2000 Franken». Das war keine grosse Summe, aber nicht der Grund, weshalb er nach seiner Zeit im Espenmoos keinen Trainerjob bei einem anderen Klub mehr annahm. «Ich hatte einfach keinen Mumm mehr», begründet Schadegg. Stattdessen konzentrierte er sich auf den Lehrlingssport bei der Firma Bühler.

Rund 4000 Lehrlinge habe er, bis die Berufsschulen die Sportstunden übernahmen, unterrichtet, gibt Schadegg zu verstehen. Zudem blieb er als Instruktor tätig, und in Ausübung dieser Tätigkeit traf er unter anderem auch auf Urs Casutt, den aktuellen Trainer des regionalen 2.-Ligisten Schluein Ilanz. «Casutt ist ein hervorragender Trainer. Der hat grosse Fähigkeiten», sagt Schadegg, welcher sich auch über Casutts Coaching vor Ort ein Bild machte. Schadegg hat die Bündner Oberländer schon spielen gesehen.

Generell verfolgt Schadegg den Fussball nach wie vor intensiv. Könnte er aber nochmals von vorne beginnen, würde er «eher auf den Eishockeysport setzen, weil man während der Spiele näher bei den Akteuren ist». Dies am liebsten im Nachwuchsbereich. «Das ist eine dankbare Aufgabe.»

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