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«Hier entstand die heilige Geometrie»

Gaspare Otto Melcher weilt derzeit in einem Atelier der Schweizer Städtevereinigung in Kairo. Ein Gespräch über den gescheiterten Kairoer Frühling und die heilige Geometrie der altägyptischen Kunst.

Südostschweiz
27.12.14 - 01:00 Uhr
Zeitung

Mit Gaspare Otto Melcher sprach Mathias Balzer

Herr Melcher, Sie sind bereits zum zweiten Mal im Atelier der Schweizer Städtevereinigung in Kairo. Wie kommt das?

Gaspare Otto Melcher: 2013 erfuhr ich von Caroline Morand von der Kulturfachstelle der Stadt Chur, dass sie niemanden unter den Bündner Künstlerinnen und Künstlern gefunden hatte, der nach Kairo wollte. Sie fragte mich, ob ich daran interessiert sei. Ich habe nach längerem Zögern zugesagt.

Wieso haben sich denn keine Künstler für das Atelier gemeldet?

Warum weiss ich nicht. Meine wenigen Schweizer Freunde und auch Familienangehörige warnten mich vor der Abreise eindringlich vor «Gefahren» und lobten meinen Mut. Das verstand ich nicht ganz, erst recht nicht nach meiner Ankunft in Kairo.

Also keine «Gefahren» in Kairo?

Jetzt, nachdem ich gut vier Monate hier bin, kann ich bestätigen, es ist gefährlich. In Kairo leben mehr als dreimal so viele Einwohner wie in der Schweiz. Der Strassenverkehr tötet jeden Tag im Schnitt 40 Fussgänger, über 100 landen zum Teil schwer verletzt im Spital. Auch sonst ist Ägypten so gefährlich wie vor acht Jahren, damals Militärdiktatur, heute Militärdiktatur. Wenn Sie auf der Strasse oder in der Metro fotografieren, können Sie verhaftet und stundenlang verhört werden.

«Man hört Wut und Enttäuschung»

Was sagen Künstler und Künstlerinnen zum gescheiterten Kairoer Frühling?

Eigentlich nicht viel. Sowohl Künstler als auch Intellektuelle weichen den Fragen aus. Erst jetzt, nach dem Freispruch des Mubarak-Clans, hört man Wut und Enttäuschung, denn viele Menschen fühlen sich von der Justiz verraten. Überall Frust, auch bei den Künstlern, obwohl oder gerade weil sich dieses noch instabile Regime mit Kultur rechtfertigen will, mit fortschrittlichen Filmfestivals, Videoausstellungen und grossen Konzerten. Man kann das Misstrauen und die latente Agression überall spüren. Huda Lufti, eine der bekanntesten Kairoer Künstlerinnen, ist total resigniert, ich war nach ihrem Besuch sehr betroffen. Paul Geday rettet sich mit der Ironie, nur Mohamed Abla scheint sich in grossen Städtebildern ausleben zu können. Aber viele Ägypter sind überzeugt, dass sich das Land erholen wird.

Ich möchte nun auf Ihre künstlerische Arbeit in Ägypten kommen. Sie arbeiten seit den Siebzigerjahren mit Ideogrammen. Was sind Ideogramme?

Ideogramme werden als Begriffs-, Ideen- oder Bildschrift verstanden. Zahlen, als qualitativer Wert verstanden, sind mit den Ideogrammen genau so eng verwandt wie die Piktogramme. Meine neun Ideogramme habe ich in den Siebzigerjahren entwickelt. Sie sind aus Ideogramm-Akkumulationen und Reihungen entstanden. In den Neunzigerjahren habe ich dann angefangen, sie in einer einzigen Matrix zu verschmelzen, eine Grundformel oder ideografische Ursuppe. Die Bilderserie «The Roswell Symbols» ist ein Resultat dieser ideografischen Neuausrichtung.

«Ideografische Ursuppe». Wie soll man das verstehen? Sind das Zeichen, welche die Welt beschreiben oder erklären?

Ursuppe hat mit Zeichen nichts zu tun. Anfänglich war sie für mich wie ein Uterus, aus dem heraus ich jegliche Bildidee entwickeln konnte, obwohl die Matrix eigentlich geordnet war, beschrieb sie für mich mein Bildchaos, alle meine ungeborenen Bilder. Erst gegen die Jahrhundertwende dämmerte mir, dass da noch eine andere Ordnung existiert. Über meine Ursuppen-Matrix entdeckte ich so die antike oder heilige Geometrie, der alles untergeordnet ist, auch meine Ursuppen-Matrix.

Was meinen Sie mit heiliger Geometrie?

«Die Geometrie bildet die Grundlage der Mathematik und zählt zum Kanon klassischer Weisheitslehren der Antike. Die heilige Geometrie kann darüber hinaus als universelle Sprache der Schöpfung gelten. Ihre Basiswerkzeuge sind Zirkel und Lineal, die mit dem weiblichen Prinzip, dem Yin, beziehungsweise dem männlichen, dem Yang, korrespondieren». Diese lexikalische Beschreibung bezieht sich auf eine zeichnerische Disziplin, die vom Altertum bis mindestens zu Leonardo da Vinci für jeden Künstler ein wichtiges Instrument für die Entwicklung von Konstruktions- oder Kompositionsgerüsten war.

Arbeiten Sie mit dieser Geometrie?

Im «1. Ägyptischen Tagebuch» habe ich 2006 mit dieser Technik über 100 Kompositionsstudien von altägyptischen Wandmalereien, von Hieroglyphen und Bauwerken angefertigt, habe dann auch koptische und islamische Motive nachgezeichnet, die Kompositionsgerüste in Bildern des Taddeo di Bartolo, in Holzschnitten von Giordano Bruno und in Fresken von Raffaello aufgespürt und auch die geometrische Rekonstruktion von einem Heiligentuch aus der Kathedrale von Chur und die Kuppel des Bündner Kunstmuseums dazugefügt. Die Erkenntnis daraus ist: Das antike Ägypten ist die Heimat der antiken oder heiligen Geometrie, was die Ägyptologie bestreitet oder ignoriert.

2006 haben Sie nach Ihrem Aufenthalt in Kairo die Werkgruppen «Saqqara Sequence» und «Djoser Serie» veröffentlicht. Was interessiert Sie an dieser Kunst, die über 5000 Jahre alt ist?

Die Kompositionsstudien waren meine Schule, um von den antiken Künstlern zu lernen. Das ist eine spannende Detektivarbeit, und meine Bewunderung für diese Künstler ist jetzt noch weiter gestiegen. Mit den Kompositionsstudien kann ich die Verbindung von Schönheit, Wissenschaft und Religion zu einer undurchdringlichen Einheit studieren. Den Djoser-Kubus empfand ich sofort als eine vor eine Ruine gestellte moderne Skulptur.

Sie haben den Kubus in Bildserien thematisiert. Das Bildmotiv selber, die sitzende Figur in einem schräg gestellten Kubus, erinnert an einen Astronomen oder Weltraumfahrer und ist auch heute ein tolles Bildmotiv. Beide Serien wurden samt einem Teil des Tagebuchs 2008 in Kairo ausgestellt. Die Galerie Anton Meier in Genf hat kurz danach einen kleinen Teil davon gezeigt und dabei auch das Tagebuch verkauft, das in der Schweiz nie ausgestellt wurde.

Was war denn der eigentliche Zweck dieses mysteriösen Kubus?

Die Anlage von Saqqara diente wahrscheinlich als Wallfahrtsort zu den antiken Heiligtümern aus dem Zep Tepi, der ersten Zeit, also vor über 10 000 Jahren. Um diese Giganten aus einer vorsintflutlichen Epoche entstand dann diese Totenstadt, in deren Nähe man sich im Tode sicher fühlen konnte. Noch heute kann man dort mehrere Pyramiden sehen, in denen man nie einen Toten gefunden hat. Obwohl der Mensch sehr eitel ist, rühmte sich keiner der Pharaonen, irgendeine Pyramide gebaut zu haben.

Ein Rätsel?

Ich konnte in Saqqara das Serapheum besichtigen, ein unterirdisches Labyrinth von fast einem Kilometer Länge, das in Nischen 24 gigantische Granitbehälter von je 100 Tonnen enthält. Niemand weiss, wann, von wem und wozu, geschweige denn wie alles gebaut wurde. Noch heute kann man so ein Granitmonster nicht nachbauen. Der Granit stammt aus dem 1000 Kilometer entfernten Assuan. Deshalb habe ich inzwischen gelernt, dass man von zwei Zeiten ausgehen muss, wobei dahingestellt sei, wie weit das Zep Tepi, die ägyptische Urzeit, in die Vergangenheit zurückreicht. Mich interessieren keine Theorien. Mir reicht das Staunen über diese Werke.

Ist es nicht eine Kunst, die vor allem um den Tod kreist?

Eben nicht. In der der uralten Stufenpyramide von Saqqara wurden nie Tote gefunden. Die Grabmalereien, die ich kürzlich wieder in Saqqara bewundert habe, strahlen Liebe zum täglichen Leben aus, zur Natur; nirgends Dämonen und nirgends Ängste. Der Duft der Blumen und die Pflege der Haustiere werden dargestellt. In der Ikonografie findet man natürlich vieles über den Weg über den Tod hinaus ins Jenseits, der Tod selber hat keine ikonografische Repräsentation.

Mit «The Roswell Symbols» nahmen Sie Bezug auf die Legende des UFO-Absturzes in der Wüste in Arizona in den Vierzigerjahren. Gibt es eine inhaltliche Verbindung zur altägyptischen Kunst?

Nein. Bei der Serie der «Rosswell Symbols» ging es mir um die Ideogramme, die dort gefunden worden sind, und ihr Verhältnis zu meiner Matrix, eben der Ursuppe. Als ich die Roswell-Symbole zum ersten Mal sah, war ich verblüfft und auch beunruhigt, in so einem Zusammenhang einige «meiner» Ideogramme zu finden. Sie erwiesen sich als sehr flexibel, und ihre Affinität mit meinen Ideogrammen war sehr inspirierend.

«Ich riskiere Gleichgültigkeit»

Werden wir die Resultate Ihrer derzeitigen Recherchen in Graubünden sehen?

Vorgesehen ist eine Ausstellung in der Stadtgalerie Chur. Da mich die Story mit dem «1. Ägyptischen Tagebuch» sehr frustriert hat, weiss ich nicht, ob ich das «2. Ägyptische Tagebuch» überhaupt veröffentliche. Ohne kunsthistorische Rückendeckung riskiere ich nur Gleichgültigkeit oder Kreuzfeuer – und auf beides habe ich keine Lust. Dafür sind mir die Blätter zu kostbar. Ich würde dem Tagebuch gerne einen Anhang hinzufügen, wo Motive aus dem Engadin rekonstruiert sind. Dazu suche ich Mitarbeiter.

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