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Henri Guisan – der eitle General

Pünktlich zum 50. Todestag ist eine neue Biografie über General Henri Guisan erschienen. Bis in die Achtzigerjahre eine untastbare Ikone, wurde Guisan danach massiv in Frage gestellt. Das Buch gibt Gegensteuer.

Südostschweiz
Sonntag, 04. April 2010, 02:00 Uhr
Henri Guisan – der eitle General

Pünktlich zum 50. Todestag ist eine neue Biografie über General Henri Guisan erschienen. Bis in die Achtzigerjahre eine untastbare Ikone, wurde Guisan danach massiv in Frage gestellt. Das Buch gibt Gegensteuer.

Von David Sieber

Bern. – Wenn ein «Weltwoche»-Journalist, der bereits eine (distanzlose) Blocher-Biografie geschrieben hat, sich aufmacht, die Geschichte jenes Mannes nachzuzeichnen, der die Schweiz durch den Zweiten Weltkrieg geführt hat, dann ist erhöhte Vorsicht geboten. Schliesslich arbeitet er für ein Blatt, das alles und jedes gegen den Strich bürstet. Es wäre ihm also zuzutrauen, die Geschichte umzuschreiben, die Erkenntnisse der Bergier-Kommission zu negieren und die Schweiz als Hort des heldenhaften Widerstandes zu überhöhen. Doch dem ist nicht so – abgesehen von einigen Spitzen gegen «linke» Historiker. «General Guisan – Widerstand nach Schweizerart» ist eine gut geschriebene, liebevolle, aber keineswegs beschönigende Biografie des einstigen Nationalhelden.Natürlich interpretiert Markus Somm sein Quellenmaterial im Zweifelsfall für Guisan und dessen Reduit-Strategie, aber das ist absolut legitim. Schliesslich wurde die Bedeutung des Generals durch die neuere Geschichtsforschung allzu stark relativiert. Natürlich war es nicht die Wehrhaftigkeit allein, welche die Schweiz den Zweiten Weltkrieg fast unbeschadet überstehen liess. Natürlich wurde mit Nazi-Deutschland Handel betrieben, zum Teil der Not gehorchend, zum Teil schamlos. Natürlich gab es Kollaborateure und Profiteure. Und natürlich stand und steht die Flüchtlingspolitik der Schweiz, insbesondere gegenüber den Juden, zu Recht am Pranger.

Kein Held, ein Machtmensch

Dass Guisan gerade in diesem Punkt eine eher zwielichtige Rolle gespielt hat – aus Furcht, ins Fadenkreuz der Deutschen zu geraten, riet er dazu, die Juden an der Grenze abzuweisen -, wird im Buch erwähnt, wenn auch etwas verschämt. Lieber beschreibt Somm ausführlich, wie der Waadtländer Monsieur, der sehr viel Wert auf Status, Etikette und gutes Aussehen legte, sich gegen den Bundesrat durch- und den Wille-Clan Schachmatt setzte. Guisan, das wird bei der Lektüre klar, war kein Held, aber ein pragmatischer, wenn auch manchmal zögerlicher Machtmensch, der die deutschfreundlichen Kräfte in der Armee systematisch ausbremste. Obwohl er mit dem direktdemokratischen System Mühe hatte, war er es, der die Unabhängigkeit der Schweiz um jeden Preis bewahren wollte – und bewahrt hat.Sein Entscheid, die Armee ins Reduit zu führen und damit einen Grossteil des Landes preiszugeben, beruht nicht zuletzt auf der Erkenntnis, dass nur so eine genügend grosse Abschreckungswirkung zu erzielen ist. Die Achsenmächte Deutschland und Italien waren auf den Alpentransit angewiesen. Die Drohung, sämtliche Über- und Durchgänge im Ernstfall zu zerstören, war eine wirksame Waffe. Wie Guisan – der lange nichts von der Reduit-Strategie hielt – schliesslich überzeugt wurde, gehört zu den spannendsten Kapiteln in Somms Buch.

Reduit – aus der Not geboren

Die Geheimverhandlungen mit Frankreich über den Grenzschutz bei Basel lassen tief ins Wertesystem Guisans blicken. An der offiziellen Politik vorbei, der er misstraute, sicherte er sich 1939, kaum zum General gewählt, die Unterstützung des westlichen Nachbarlandes. Es war vorgesehen, dass französische Soldaten in der Schweiz Stellung beziehen, um Hitlers Armee am Einmarsch nach Frankreich über diese Flanke zu hindern.Als die Deutschen dann im Mai 1940 via Ardennen einfielen und Frankreich, trotz besser ausgerüsteter Armee, einen Monat später kapitulierte, war das auch Guisans Niederlage. Und ein äusserst gefährlicher Moment für die Schweiz. Die Beweise der schweizerisch-französischen Zusammenarbeit fielen den Deutschen in die Hände, doch nutzten sie sie nicht. Zudem hatte Guisan keinen Alternativplan. Erst jetzt befasste er sich ernsthaft mit dem Reduit-Gedanken. Der Entscheid fiel am 9. Juli des gleichen Jahres.

Lichtgestalt entstaubt

Zum Helden wurde er drei Wochen später. Am 25. Juli fand, nach Wochen des Schweiges, der legendäre Rütli-Rapport statt. Guisan fand – im Gegensatz zum Bundesrat – die richtigen Worte, um den Schweizerinnen und Schweizern Mut und Zuversicht zu geben. Die Lichtgestalt, die bis weit in die Siebzigerjahre so manches Schweizer Wohnzimmer geschmückt hatte, war geboren. Markus Somm hat die Figur Guisan entstaubt, ohne sie zu überhöhen. Ein würdiges Werk für den General, der am 7. April vor 50 Jahren gestorben ist.

Markus Somm: «General Guisan – Widerstand nach Schweizerart». Stämpfli Verlag, Bern. 247 Seiten. 49 Franken. ISBN-10: 3-7272-1346-9.

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