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Grischart befeuert den Aufschwung der Volksmusik

14 Volksmusikgruppen treffen sich am Samstag zum traditionellen Bündner Ländlerkapellentreffen im Forum im Ried in Landquart. Zu den teilnehmenden Formationen gehört auch die Kapelle Grischart. Ein Besuch im Domleschg.

Südostschweiz
05.01.15 - 01:00 Uhr
Zeitung

Von Emil Hartmann

Pratval. – In der heimeligen Stube herrscht eine ungezwungene und freundschaftliche Stimmung, urchig und volkstümlich. Die Kapelle Grisch-art probt für ihren Auftritt am Bündner Ländlerkapellentreffen am Samstag in Landquart. Gastgeber ist Markus Pfeiffer aus Pratval, Kontrabassist der Gruppe. Eingefunden haben sich auch seine vier Kollegen, die beiden Klarinettisten Claudio Casutt und Fabian Riedi sowie die Schwyzerörge-ler Roland Peretti und Karl Ziegler. Verstärkung erhalten sie an diesem Abend von Daniel Pfeiffer, dem Vater des Bassisten, und das hat seinen guten Grund. Für Grischart komponierte er den «Sunntigswalzer», der in Landquart aufgeführt werden soll, und er spielt gleich auch noch die dritte Klarinette. Eine Kuhglocke bereichert den gefühlvoll vorgetragenen, langsamen Eingangsteil. Nach und nach, fast unmerklich, wird das lüpfige Walzertempo erreicht – ein beeindruckendes Stück. «Da bleibt noch einiges zu tun, wenn das in Landquart klappen soll, aber wir sind zuversichtlich», meint der Komponist. Übrigens sei er nur ein «Tänzlischriiber», bemerkt Daniel Pfeiffer bescheiden, unter Komponist stelle er sich etwas anderes vor.

Mit «Bündner Wirrwarr» wagen sich die Domleschger Musikanten an einen anspruchsvollen Schottisch von Domenic Janett. Typisch sind die vielen Tonartwechsel, und auch rhythmisch ist einiges zu bewältigen. Das nächste Stück, die «Schanfigger Puurahochziit», hat ebenfalls einen bekannten Urheber: Hannes Meyer. Diszipliniertes Spiel und einige Wiederholungen führen schliesslich zu einer allseits befriedigenden Lösung, vor allem aber zu einer musikalisch beachtenswerten Interpretation.

Offen für alles

Ein Ad-hoc-Auftritt an einer Geburtstagsfeier in Rodels gefiel den fünf beteiligten Domleschger Musikanten so gut, dass sie übereinkamen, weiterzumachen, und so gründeten sie 2008 die Kapelle Grischart. «Nach unzähligen Vorschlägen und Selektionen wählten wir den Namen Grischart», erklärt Claudio Casutt. «Grisch vom romanischen Grischun für Graubünden und Art aus dem Englischen für Kunst, womit wir unser Ziel, ein musikalisches Kunstwerk in Bündner Ländlerbesetzung zu gestalten, zum Ausdruck bringen möchten.»

Auf bereits geplante Projekte angesprochen, sind sich die fünf Musikanten einig: «Ideen haben wir, ganz konkret kann diese Frage aber noch nicht beantwortet werden. Grundsätzlich sind wir offen für alles und streben neben traditioneller Ländlermusik auch erweiterte Projekte an, sei es zusammen mit Chören, klassischen Instrumentalisten oder auch mit Gruppen aus dem Rock-Pop-Bereich.» Dabei ist ihnen der «Tänzlischriiber» eine grosse Hilfe, schreibt Daniel Pfeiffer doch jeweils die entsprechenden Arrangements. Er selber meint dazu: «Ich bin froh, dass ich bei den Musikanten der Grischart Gastrecht geniesse und ab und zu mitspielen darf, und wenn ich ihnen dabei noch einen Dienst erweisen kann, umso besser.»

Lange Zeit der Stagnation

Seit einigen Jahren findet die Schweizer Volksmusik in weiten Kreisen der Bevölkerung wieder mehr Beachtung. Ab den Sechzigerjahren stagnierte sie während rund vier Jahrzehnten. Dieter Ringli, Dozent für Musikethnologie an der Musikhochschule in Luzern sowie an der Zürcher Hochschule der Künste, sprach in seinem Referat an der Rigi-Stubete 2004 zum Thema Volksmusik Klartext: «Je nach Perspektive kann man die letzten 40 Jahre als Phase der Perfektionierung oder auch als Stillstand bezeichnen.» Und tatsächlich, trotz stetig steigender spielerischer Qualität nahm die Zahl der Volksmusikanhänger kontinuierlich ab.

Mit Ausnahme besonders aktiver und experimentierfreudiger Kapellen wie die Oberalp, die Engadiner Ländlerfründa oder die Fränzlis da Tschlin, um nur einige der bekanntesten zu nennen, war die volkstümliche Musik auch in Graubünden festgefahren und plätscherte irgendwie dahin. In Fachkreisen machte sich Ratlosigkeit bemerkbar. Es wurde wohl sehr gut musiziert, Neues kam aber kaum zustande. Was fehlte, war die Jugend mit ihrer unbekümmerten Begeisterung und mit neuen Ideen. Heute ist in dieser Beziehung ein deutlicher Aufschwung feststellbar. Junge Volksmusikanten formieren sich zu neuen Gruppen. Es entstehen attraktive Kompositionen, und vermehrt wird auch das Zusammenspiel mit anderen Instrumental- oder Gesangsforma-tionen angestrebt und gepflegt. Die Ländlerkapelle Grischart ist dafür ein gutes Beispiel.

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