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Gravierende Sicherheitsmängel an der Adria-Unglücksfähre

Das Feuer auf der italienischen Fähre «Norman Atlantic» hat mehrere Todesopfer gefordert. Die überlebenden Passagiere wurden geborgen. Bereits im Vorfeld waren erhebliche Sicherheitsmängel an dem Schiff festgestellt worden.

Südostschweiz
30.12.14 - 01:00 Uhr
Zeitung

Von Wolf H. Wagner

Ancona. – Aus einer normalen Fährpassage wurde ein Albtraum: Am Sonntagmorgen um 4.30 Uhr war auf der italienischen Fähre «Norman Atlantic» ein Feuer ausgebrochen; seitdem treibt das manövrierunfähige Schiff in der Adria. Von den 478 Menschen an Bord konnten bis gestern Nachmittag alle lebenden Passagiere in Sicherheit gebracht werden. Das Unglück forderte bis gestern Abend mindestens zehn Menschenleben.

Die «Norman Atlantic» war vom griechischen Patras über Igoumenitsa nach Ancona unterwegs (siehe Grafik). An Bord waren 422 Passagiere – darunter zehn Schweizer – und 56 Besatzungsmitglieder. Zudem hatte die Fähre 222 Fahrzeuge geladen, darunter mehrere Tanklaster, die mit griechischem Olivenöl gefüllt waren.

Schwierige Rettungsaktion

Gegen 4.30 Uhr brach auf einem der Autodecks aus bislang noch ungeklärter Ursache ein Feuer aus, das sich in der Folge schnell ausbreitete. Die Passagiere mussten sich auf die Oberdecks begeben. Erste Gerettete berichteten, dass die Böden der Decks eine derartige Hitze entwickelten, dass die Schuhsohlen der Passagiere schmolzen.

Die Rettungsaktion, an der sich in der Nähe befindliche Handelsschiffe sowie Boote der Küstenwache Griechenlands, Albaniens und Italiens beteiligten, verlief wegen des hohen Wellengangs äusserst schwierig. Helikopter konnten auf dem in dichten Rauch gehüllten Schiff nicht landen, mit Mühe konnten einige Passagiere an Bord der Helikopter gezogen werden. Ein griechisches Ehepaar fiel beim Rettungsversuch ins Wasser, der 62-jährige Mann konnte nur noch tot geborgen werden. Passagiere berichteten zudem von Schlägereien an Bord. Andere erhoben Vorwürfe gegen die Besatzung. «Es war nur ein Rettungsboot im Wasser, und niemand von der Besatzung war da, um den Menschen zu helfen», sagte einer der ersten Passagiere, die von einem Handelsschiff gerettet und im italienischen Bari an Land gebracht wurden. «Wir dachten alle, wir sterben.»

«Eigentlich hätten wir mit einem anderen Schiff fahren sollen. Wir haben das erst im Hafen gemerkt. Als wir es gesehen haben, ist uns etwas mulmig geworden», sagte eine andere Passagierin im griechischen Fernsehen. «Auf dem Schiff gab es keinerlei Koordination. Das Personal war praktisch nicht vorhanden.»

Mängel im Vorfeld beanstandet

Das Fährschiff war Mitte Dezember 2006 von der Visentini-Werft auf Kiel gelegt und nach dreijähriger Bauzeit in Betrieb genommen worden. Mehrfach wechselte es den Besitzer, wobei es auch über Jahre zunächst in Triest, dann in Termini Imerese aufgelegt, also aus dem Verkehr gezogen wurde. Von 2011 an fuhr es unter dem Namen «Scintu» für die Reederei Saremar, seit Januar 2014 unter dem aktuellen Namen «Norman Atlantic» wieder für die Visentini Group. Bereits am 19. Dezember wurden bei einer Inspektion in Patras gravieren-de Sicherheitsmängel beanstandet, so unter anderem an einem Brandschutzportal. Der Reederei wurde aufgetragen, die Fehler binnen zweier Monate zu beheben.

Die Staatsanwaltschaft von Bari unter der Leitung von Staatsanwalt Giuseppe Volpe ermittelt nun wegen «fahrlässig herbeigeführtem Unfall» mit Todesfolge. Gegenüber den Medien erklärte Volpe, man sammle bereits die ersten technischen Daten sowie Zeugenaussagen der Überlebenden. Anschliessend werde man mit der Staatsanwaltschaft von Lecce über die territoriale Kompetenz verhandeln.

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