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«Glaubt ihr denn überhaupt an Jesus?»

Erstmals steht der Bündner Synode ab heute eine Frau vor. Cornelia Camichel Bromeis, Pfarrerin in Davos Platz, heisst die neue Dekanin und sie ist davon überzeugt, dass die Inhalte der Kirche noch zeitgemäss sind.

Südostschweiz
Montag, 30. Juni 2014, 02:00 Uhr

Von Jann Maissen

Castrisch. – Kurz kann sie sich Zeit für die «Südostschweiz» nehmen, die Kronfavoritin für die Nachfolge von Thomas Gottschall, dem abtretenden Dekan der Bündner Synode. «Auch wenn ich dabei ein sehr interessantes Referat verpasse», fügt Cornelia Camichel Bromeis an. Heute Montag wird sie mit allergrösster Wahrscheinlichkeit zur ersten Dekanin überhaupt gewählt. Die viertägige Synode in Castrisch geht dann auch zu Ende.

Camichel Bromeis lacht gerne und oft, aber wenn die Sprache auf ein Thema kommt, das ihr am Herzen liegt, wird sie ernst, spricht langsam und deutlich, wie man es von einer Pfarrerin erwartet. Beispielsweise wenn es um ihre Kindheit geht: Dass sie als Reformierte in Tiefencastel aufgewachsen ist, einem katholischen Dorf also, scheint sie geprägt zu haben. «Tiefencastel war ein geteiltes Dorf.» Und wie Kinder nun mal so seien, tauchten dann auch mal Fragen auf wie «Glaubt ihr denn überhaupt an Jesus?»

Faszination für Leben und Tod

Nach Abschluss des Lehrerseminars in Chur unterrichtete Camichel Bromeis zwei Jahre an der Gesamtschule in Guarda. Dort habe sie den Drang nach Persönlichkeitsbildung verspürt. Camichel Bromeis entschied sich, in Basel Theologie zu studieren. Gründe dazu hatte sie viele: «Friedhöfe haben mich schon immer fasziniert, genauso wie die Menschen und ihre Geschichte, aber auch den Gegensatz zwischen Leben und Tod.» Auch die ganz grossen Fragen und Weltbilder haben es der Pfarrerin angetan. Und schliesslich sei das Theologiestudium eine sehr komplette Ausbildung; auch Philosophie, Sprachen oder Geschichte fänden darin Platz.

Heute ist Camichel Bromeis Pfarrerin in Davos Platz, Mutter von drei Kindern und verheiratet mit Wasserbotschafter Ernst Bromeis. Ebenfalls ist sie heute einzige Kandidatin für das Dekanatsamt der Bündner Synode. Dass sie die erste Frau in diesem Amt wäre, interessiert sie nicht besonders – die Aufgabe sei für sie ganz grundsätzlich neu, das wäre auch für einen Mann nicht anders.

Auch Traditionen der Katholiken ernst nehmen

Sie spricht dabei von einer grossen, schönen Aufgabe. «Man ist aber auch im Pfarramt immer wieder mit Gender-Fragen konfrontiert. Die Situationen, in denen ich als Frau behandelt werde, sind zwar weniger geworden, aber es gibt sie noch.»

Die Ökumene ist Camichel Bromeis wichtig: «Ich stehe in ständigem Dialog mit Katholiken, will ein Gespür dafür bekommen, was sie umtreibt.» Sie sei eine, die nicht stur an Altem festhalte, sondern neue Wege suche. Schliesslich müsse man auch aufzeigen, wo schon Annäherungen zwischen den zwei Konfessionen passiert seien. Camichel Bromeis betont: «Wenn ich meine Tradition ernst nehme, muss ich auch die Traditionen der katholischen Kirche ernst nehmen.»

Hat die Kirche heute noch die richtigen Antworten auf die drängenden Fragen des modernen Menschen? Davon ist die Pfarrerin überzeugt: «Wenn wir unsere Inhalte in eine zeitgemässe Form bringen, dann decken wir ein grosses Bedürfnis ab.» Sie sei sich auch nicht sicher, ob die Menschen früher tatsächlich gläubiger waren als sie es heute sind. Man habe heute einfach mehr Freiheiten und Möglichkeiten. Das gelte es zu akzeptieren, schliesslich stünde die evangelisch-reformierte Kirche ja auch in der Tradition der Aufklärung. «Freiheit bedeutet uns sehr viel.»

Keine Angst vor Veränderungen

Schwarzmalen will Camichel Bromeis also nicht. «Ich bin ein positiver Mensch und habe keine Angst vor Veränderungen.» Was sie zuversichtlich stimmt, ist, dass die Kirche an den Wendepunkten des Lebens, wie Taufe, Konfirmation oder Abdankung, stets voll sei. Als Dekanin, aber auch als Pfarrerin von Davos Platz, will sie dafür sorgen, dass zumindest das auch so bleibt.

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