Gian Simmen: «Vieles war einfach geil»
Beim O’Neill Evolution in Davos beendet Snowboard-Olympiasieger Gian Simmen seine Karriere. Im Gespräch mit der «Südostschweiz» schaut der Aroser auf die letzten 23 Jahre zurück und verrät, was er in Zukunft tun will.
Beim O’Neill Evolution in Davos beendet Snowboard-Olympiasieger Gian Simmen seine Karriere. Im Gespräch mit der «Südostschweiz» schaut der Aroser auf die letzten 23 Jahre zurück und verrät, was er in Zukunft tun will.
Mit Gian Simmen sprach René Weber
Gian Simmen, wie heisst es so schön: Alles hat ein Ende.
Gian Simmen: Ja, der Zeitpunkt ist einfach reif, um mich vom Wettkampfsport zu verabschieden.
Sie tun dies am Donnerstag beim Halfpipe-Contest am O'Neill Evolution in Davos. Sicherlich mit Wehmut?
Ich habe 1990 auf dem Jakobshorn meinen ersten Regio-Cup gefahren. 23 Jahre später schliesst sich nun am Bolgen der Kreis. Einen schöneren Abschied kann ich mir nicht vorstellen.
Die Chance, zum Abschluss ein letztes Spitzenresultat zu landen, stehen nicht schlecht. Mehrere Top-Athleten sind wegen der gleichzeitig stattfindenden WM in Davos nicht am Start.
Das ist für mich unwichtig. Ich habe das O'Neill Evolution ja nicht darum ausgesucht, weil ich mir einen Vorteil erhoffe. Im Gegenteil. Nein, ich bedaure vielmehr, dass einige Top-Fahrer nicht dabei sein können. Ich will einfach noch einmal Vollgas geben und mein bestes Snowboarden zeigen. Ob das für den 17. Rang oder den Final reicht, ist zweitrangig. Entscheiden werden dies sowieso allein die Judges.
«Mich wird es weiterhin geben – definitiv»
Nur keine falsche Bescheidenheit. Beim von Ihrem langjährigen Sponsor O'Neill mitorganisierten Anlass möchten Sie bestimmt nicht nur mitfahren.
Nein, natürlich nicht. Ich fühle mich gut, stand in dieser Saison schon einige Mal in der Halfpipe. Ich habe dabei gemerkt, dass es recht gut geht.
Das tönt schon ganz anders, kämpferisch. So kennt man Sie.
Ich habe immer versucht, das Beste zu geben. Manchmal ist mir das gelungen, manchmal nicht. Nein, ich freue mich wahnsinnig auf meinen letzten Wettkampf in der Halfpipe. Dass ich Davos ausgesucht habe, passt perfekt. Hier habe ich als «Bueb» gewohnt. In Davos habe ich meinen ersten Wettkampf gefahren, und ich bin am Bolgen zweimal ISF-Weltmeister geworden.
Ein Abschied als Aroser in Arosa wäre eine andere Option gewesen.
Weil es in Arosa keinen Freestyle-Event gibt, war für mich schnell klar, dass ich in Davos oder in Laax meinen letzten Wettkampf bestreiten möchte. Sowohl das O’Neill Evolution als auch das Burton European Open waren immer Saisonhöhepunkte für mich.
Vom 4. bis 9. Februar werden Sie beim Burton European Open in Laax also definitiv nur als Zuschauer dabei sein.
Nicht als Zuschauer, nein. Ich werde auf dem Crap Sogn Gion wieder für das Schweizer Fernsehen kommentieren. Das macht mir grossen Spass. Gleichzeitig werde ich die jungen Schweizer Athleten coachen. Selber fahren werde ich aber nicht mehr. Am Donnerstag ist definitiv Schluss.
Sie sprachen es an. Ganz von der Bildfläche verschwinden Sie nicht.
Nein, das war nicht meine Absicht. Dem Snowboarden beibe ich erhalten. Ich werde weiterhin Film- und Fotoshootings machen und meine Arbeit als Trainer bei Swiss-Snowboard weiterführen – zumindest bis zum Ende dieser Saison. Mich wird es weiterhin geben – definitiv.
«Im Eishockey hatte ich zu wenig Talent»
Was planen Sie sonst zu tun?
Was die Zukunft bringt, wird man sehen. Vieles ist offen. Noch ist nichts definitiv. Ich habe die Ausbildung als Marketing- und Verkaufsfachmann abgeschlossen und kann mir vorstellen, künftig in dieser Richtung etwas zu machen.
Ihr Lebensmittelpunkt ist seit Jahren das Berner Oberland, wo Sie mit Ihrer Familie leben. Ihre Frau und Ihre zwei Kinder sind bestimmt nicht traurig, wenn Sie künftig mehr zu Hause sind.
Bestimmt nicht. Vorerst wird dies aber nicht der Fall sein. Zumindest nicht, solange ich als Trainer arbeite. Dass ich regelmässig von zu Hause weg bin, ist für meine Familie allerdings kein Problem. Sie hat sich daran gewöhnt, dass mein Job Absenzen mit sich bringt. In Davos und Laax stehen halt die beiden besten Pipes des Landes. Das kann ich nicht ändern. Persönlich bin ich sowieso gerne in Graubünden. Hier sind meine Wurzeln. Meine Eltern leben noch immer in Arosa, viele Freunde auch.
Sprechen wir über die zu Ende gehende Karriere. Unbestrittener Höhepunkt war der Gewinn der Olympia-Goldmedaille am 12. Februar 1998 in Nagano, oder?
Ganz klar, ja. Dass es mir 1998 für die Goldmedaille gereicht hat, ist wunderbar. Sie hat mir viele Türen geöffnet. Der Triumph war überraschend und alles andere als geplant. Er ist einfach gekommen. Als Kind bin ich nie gerne Ski gefahren. Im Eishockey hatte ich zu wenig Talent. Dann kam das Snowboarden. Es hat mir sofort Spass gemacht. Ich hatte danach die Eigenmotivation, immer besser zu werden. Diese ist bis heute geblieben und unerlässlich, will man in diesem Sport Erfolg haben. Ich habe immer viel geübt – mit Spass geübt. Das Training war für mich nie ein Muss.
«Andere beenden als Olympiasieger ihre Karriere»
Erinnern Sie sich im Detail noch an den Gold-Wettkampf in Nagano?
Wie könnte ich den vergessen? Da ich zuvor bis auf die Schweizer Meisterschaft 1996 nie einen Wettkampf gewonnen hatte, rechnete niemand mit mir. Alles war sehr komisch und kam überraschend – auch für mich. Andere beenden als Olympiasieger ihre Karriere. Ich habe meine als Olympiasieger lanciert. Dass ich mich danach lange an der Weltspitze halten konnte, macht mich umso stolzer.
Mit dem Olympiasieg haben Sie das Snowboarden salonfähiger gemacht.
Der Ruf, dass wir Snowboarder verrückte Typen sind und nur Party machen, gab es und gibt es noch immer. Zu Unrecht. Was heisst denn schon salonfähig? Wir standen damals am Anfang. Zusammen mit Fabien Rohrer, Dani Costandaché und Therry Brunner habe ich für meinen Sport gekämpft. Wir alle haben ihn geliebt, hatten in den Trainings aber auch Spass. Dadurch entstand vielerorts der Eindruck, wir seien eine Spassgesellschaft. Das stimmte nicht. Ich musste für den Olympiasieg viel Zeit in den Sport investieren. Damals gab es halt noch keinen Trainer, der mir sagte, was ich tun muss. Ich musste mir alles selber beibringen. Das Training betrachtete ich trotzdem nie als Arbeit. Natürlich gab es Tage, an denen ich weniger Freude hatte. Trotzdem ging ich stets auf die Piste, in die Pipe. Nur auf dem Snowboard kann man sich verbessern – dem war ich mir immer bewusst.
Sind Sie sich auch bewusst, welch privilegiertes Leben Sie dank Ihres Olympiasiegs führen dürfen?
Klar, dem bin ich mir 100-prozentig bewusst. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass man mit dem Sport sein Geld verdienen kann. Es gibt viele Schweizer, die sich tagtäglich auf dem Bau, in der Schreinerei oder im Büro den A... aufreissen, um am Wochenende oder in den Ferien auf dem Board stehen zu können. Viele dieser Leute lieben den Sport genauso wie ich. Die haben den Luxus aber nicht, den wir Profis haben. Das hatte ich während meiner Karriere stets im Hinterkopf. Viele Sportler, nicht nur Snowboarder, schätzen nicht, wie gut sie es haben. Sie müssen nicht in der Fabrik krüppeln, um an den freien Tagen ihrem Hobby nachgehen zu können.
«Ich bin meinem Körper dankbar»
Sie bezeichnen den Spitzensport also als Wohlstandsgesellschaft?
Jein. So kann man es nicht sagen. Das ist zu hart. Um im Sport Erfolg zu haben, muss man auf vieles verzichten – auf sehr vieles. Man muss unglaublich viel investieren, braucht Erholungszeiten. Trotzdem sollte man sich als Sportler immer bewusst sein, was man hat. Man führt ein Luxusleben. Das sage ich auch meinen jungen Athleten immer wieder, wenn sie sich im Training beklagen, dass sie am nächsten Tag in die Schule müssen. Hey, die haben es doch verdammt gut. Sie können den ganzen Winter neben der Schule auf dem Snowboard stehen.
Bestand bei Ihnen die Gefahr des Abhebens nie?
Doch, doch. Meine Eltern, meine Brüder und auch meine Freunde haben mich aber immer auf den Boden zurückgeholt. Das war gut so. Das brauchte es zwischendurch (überlegt). Es gab viele, die mehr Talent hatten als ich. Dass ich mir ständig neue Ziele steckte, war aber eine Stärke von mir. Ich kann heute sagen, dass ich zufrieden sein darf mit dem, was ich erreicht habe. Rückblickend hatte ich natürlich auch Glück mit Verletzungen. Nur viermal bin ich in den letzten 23 Jahren längere Zeit ausgefallen. Wenn ich junge Sportler sehe, die ihre Knies schon mehrfach operiert haben, dann hatte ich sogar viel Glück. Ich bin meinem Körper dankbar, dass er trotz aller Strapazen alles mitgemacht hat und ich alles gut überstanden habe.
Zum Schluss die obligate Frage zum Karriereende. Was waren die Höhepunkte, was die Tiefpunkte?
2002 war ich mit Kollegen in British Columbia beim Heliboarden. Da es dort dauernd schneite, sassen wir tagelang herum. Ich konnte das Ganze damals nicht mehr händeln – mochte nicht mehr warten. Mir fehlte das Training. Also bin ich allein über Vancouver nach Hause geflogen. Als ich in Kloten landete, erreichte mit die Meldung, dass einer meiner Kollegen tödlich verunfallt war. Das war brutal. Dagegen sind alle Niederlagen und Verletzungen nichts. Es gab aber natürlich auch Positives und Schönes. Der Olympiasieg, aber auch die zwei ISL-Weltmeistertitel. Speziell war auch der Big-Air-Sieg beim Indoor-Contest Nissan XTrail in Tokio vor 60 000 Zuschauern. Das war Hühnerhaut pur. Sagen wir es so: Vieles in meiner Karriere war einfach geil.
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