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«Ganz einfach – Jodeln macht Freude»

Sakura Kitagawa ist professionelle Jodlerin in ihrer Heimat Japan. Bei einem Soloauftritt hat die ausgebildete Opern- sängerin ihr Können am Eidgenössischen Jodlerfest in Davos gezeigt.

Südostschweiz
Sonntag, 06. Juli 2014, 02:00 Uhr

Die professionelle Jodlerin Sakura Kitagawa aus Tokio nimmt zum dritten Mal am Eidgenössischen Jodlerfest teil

Von Anja Conzett

Frau Kitagawa, in der Schweiz steht Jodeln für Tradition und Brauchtum. Was bedeutet es Ihnen als Japanerin?

Sakura Kitagawa: Schweizer Jodel ist schönste Weltkultur. Früher diente er der Bergbevölkerung als Kommunikationsmittel, damit symbolisiert er für mich mehr als nur Musik. Wenn man jodelt, sagt man immer auch Ja zur Gemeinschaft. Jodeln bedeutet für mich also gemeinsam über die Liebe und das Leben zu singen.

Wie kommt eine Japanerin zu so etwas Urälplerischem wie dem Jodeln?

Als ich noch ein Kind war, reiste meine Familie in die Schweiz. Damals hörte ich zum ersten Mal Jodel und konnte diese Musik nie mehr vergessen. Nach meiner Ausbildung zur Opernsängerin hatte ich die Gelegenheit, Volksmusik in Deutschland zu studieren. Mittlerweile jodle ich vor allem auf Schweizerdeutsch. Ich finde das einfach eine wundervolle Art zu jodeln.

Jodeln und Operngesang scheinen wenig gemein zu haben. Oder täuscht dieser Eindruck?

Obwohl die Art des Singens ähnlich ist, sind die jeweiligen Gesangskulturen sehr verschieden. Früher war der Operngesang mein Hauptberuf. Gejodelt habe ich aus reiner Freude und als Hobby. Ich verbinde die Opernmusik auch heute noch viel stärker mit Arbeit, obwohl Jodeln nicht weniger anspruchsvoll ist und ich in Japan mittlerweile hauptberuflich jodle und nur noch sehr selten Arien singe.

Sie haben in Japan die Jodelformation Edelweiss gegründet, mit der Sie mehrmals wöchentlich in Tokio auf-treten. Welchen Stellenwert hat Jodeln in Japan?

Jodeln ist in Japan zwar immer noch exotisch, aber jeder kennt diese Musik, und sie wird immer populärer. Japanische Jodelsänger gibt es einige, sie singen oft in Restaurants, die deutschen Brauereien nachempfunden sind. Ebenso stilisiert wie diese Lokale sind dann auch die Jutze. Diese Gesänge haben nicht mehr viel mit dem originalen Jodeln zu tun. Ich hingegen singe mit Edelweiss auf «Luzärner Düütsch» echten, traditionellen Schweizer Jodel, wie er hier gesungen wird. Das ist selten in Japan.

Warum glauben Sie, dass Jodeln in Japan immer populärer wird?

Das ist ganz einfach: Jodeln macht Freude! Wenn ich in Japan einen schnellen, rhythmischen Jutz vortrage, klatschen und jauchzen die Leute mit.

Und wie reagieren die Schweizer Zuhörer auf eine japanische Jodlerin?

Bei meinem Auftritt gestern sass ein alter Mann in der ersten Reihe. Bei der ersten Strophe schaute er noch kritisch, bei der zweiten nickte er und bei der dritten weinte er vor Rührung. Es gibt keine Grenzen in der Musikwelt. Zwar sind die Leute erst oft überrascht, aber die Reaktionen sind fast immer positiv. Manchmal kriege ich Ratschläge, wie man die Worte besser ausspricht oder welche Technik geeigneter sein könnte. Schweizer sind sehr freundlich und hilfsbereit.

Sie bringen Schweizer Kultur nach Japan. Glauben Sie, dass Sie den Schweizern auch die japanische Kultur etwas näherbringen?

Ich versuche es zumindest. Das Lied, welches ich am Freitag am Eidgenössischen Jodlerfest in Davos vorgetragen habe, heisst «Verarmig». Es kommt sehr selten vor, dass ein Jodeltext anklagend ist, aber ich wollte dieses Stück, weil Umweltverschmutzung ein grosses Problem in Japan ist. In dem Lied hat ein Sommervogel keine Familie mehr, da alle seine Verwandten verstorben sind. Aber menschliche Kinder sind noch da. Auch wenn es nichts mehr zum Staunen gibt, sind sie noch da mit neugierigen Augen. Das symbolisiert für mich Fukushima. Vor fünf Jahren habe ich ausserdem ausnahmsweise ein Konzert in der japanischen Tracht, im Kimono, gehalten, weil auch ein japanisches Lied gesungen wurde. Für gewöhnlich trete ich aber immer in Schweizer Tracht auf, wenn ich jodle. Das gehört einfach dazu.

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