Franziskus’ Brandrede plättet die Kurienkardinäle
Eine päpstliche Standpauke an die Kurie hat dieser die Sprache verschlagen. Denn deutlicher hätte Franziskus es nicht machen können: Er ist mit seiner «Kirche der Armen für die Armen» noch nicht dort, wo er gerne wäre.
Eine päpstliche Standpauke an die Kurie hat dieser die Sprache verschlagen. Denn deutlicher hätte Franziskus es nicht machen können: Er ist mit seiner «Kirche der Armen für die Armen» noch nicht dort, wo er gerne wäre.
Von Dominik Straub
Rom. – Nach der Weihnachtsansprache des Papstes an die Adresse der vatikanischen Kurie, die am Montag zu einer veritablen Brandrede geraten war, herrschte im Römer Kirchenstaat gestern betretenes Schweigen: Niemand in den Dikasterien und Kongregationen mochte die von Franziskus geübte Kritik öffentlich kommentieren. Umso klarer meldeten sich die Vatikanexperten zu Wort: Dass der Papst mit der Kurie derart brutal ins Gericht gehe, sei kein gutes Zeichen, lautet der Tenor. Tatsächlich ist es offensichtlich geworden, dass Franziskus bei der Umsetzung seiner Reformen zunehmend auf passiven Widerstand, auf eine Mauer aus Gummi stösst.
Der Pontifex hatte der Kurie in seiner Ansprache 15 mögliche «Krankheiten» attestiert. Die erste dieser Pathologien bestehe darin, sich für unsterblich, immun oder unersetzbar zu halten. «Eine Kurie, die sich selbst nicht kritisiert, die sich nicht erneuert, die nicht besser werden will, ist ein kranker Körper», donnerte Franziskus und empfahl den versammelten Kardinälen und Bischöfen einen Besuch auf dem Friedhof: «Das kann uns helfen, die Namen all der Personen zu sehen, die glaubten, unsterblich, immun und unersetzbar zu sein.»
«Die Krankheit des spirituellen Alzheimer»
Anschliessend geisselte Franziskus die «Krankheit einer mentalen und spirituellen Erstarrung», die «Krankheit der Rivalität und Eitelkeit», die «Krankheit des spirituellen Alzheimer» und die «existenzielle Schizophrenie». Letztere sei das Ergebnis von Heuchelei und einer fortschreitenden geistlichen Leere – und damit die Krankheit derer, die ein Doppelleben führten. «Diese Krankheit betrifft vor allem diejenigen, welche die Seelsorge aufgegeben haben und sich auf Verwaltung beschränken und so den Kontakt mit der Wirklichkeit verloren haben. So schaffen sie sich eine Parallelwelt.»
Angesichts dieser harschen Anklage des argentinischen Pontifex gegen seine engsten Mitarbeiter beschlich den «Corriere della Sera» gestern die «schreckliche Frage», wie sehr der Papst innerhalb der Kurie inzwischen isoliert sei. Seine Entscheidung, statt wie die Vorgänger im pompösen apostolischen Palast im bescheidenen Gästehaus Santa Marta zu wohnen, sei möglicherweise «zweischneidig» gewesen: Die symbolische räumliche Abgrenzung vom kurialen Hofstaat begünstige die Bildung eines feindlichen parallelen Hofes, der die von Jorge Mario Bergoglio angestossenen Reformen torpediere, schreibt das Mailänder Blatt. Es gebe Leute in der Kurie, die nur darauf warteten, bis das Pontifikat zu Ende gehe – und mit ihm die Ära der Reformen.
Einfach warten, bis er weg ist?
In den 20 Monaten seit seiner Wahl zum Papst hat Franziskus im Kirchenstaat mit Gesten und Worten für unzählige kleine und grosse Revolutionen gesorgt; er hat zahlreiche führende Kurienmitarbeiter ausgewechselt, Untersuchungskommissionen eingesetzt, die Vatikanbank ausgemistet. Aber er ist mit seinem nach dem Konklave verkündeten Konzept einer «Kirche der Armen für die Armen», einer Kirche, die ihre sicheren Mauern verlässt und an die «Peripherien der Welt» hinausgeht, noch nicht dort angekommen, wo er eigentlich sein möchte.
«Das ist ein Auftrag an alle hier»
Das Problem – davon ist Bergoglio überzeugt – liegt in den Köpfen. Das betonte der Papst auch in seiner denkwürdigen Weihnachtsansprache: «Die wichtigste Reform ist jene des Geistes», erklärte er. Mit seiner Auflistung der 15 Krankheiten wolle er denn auch keine pauschalen Anklagen erheben; vielmehr lade er die gesamte Kurie zu einer «Gewissensprüfung» ein, betonte das Oberhaupt der Römisch-Katholischen Kirche. Die Krankheiten zu benennen, sei bereits der erste Schritt hin zur Besserung, schloss Franziskus seine Ausführungen. «Das ist ein Auftrag an alle hier: Die Gemeinsamkeit zu suchen, die Einheit, um besser der Kirche dienen zu können.»
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