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Fast vergessene Signale aus den Bergen

Seit der Sonderausstellung «Tuns da tibas» im 2010 führt das Museum Regiunal Surselva in Ilanz jedes Jahr eine «Tibada» durch, in der die blechernen Hirtenhörner wiederbelebt werden. Am Freitag in Surrein.

Südostschweiz
Montag, 18. August 2014, 02:00 Uhr

Sabrina Bundi

Ist das die Tiba vom Con? Oder die von unterhalb von Sumvitg? Oder vielleicht doch die hinten bei Crap? Insgesamt neun Tibas haben am Freitagabend an der «Tibada» ihre musikalischen Botschaften nach Surrein hinunter geschickt. Oder präziser gesagt: «Es waren sogar zehn Tibas, jemand hat spontan seine ausgepackt und mitgespielt», sagt Marianne Fischbacher vom Museum Regiunal Surselva, die die «Tibada» organisiert hat. Die Bergspitzen in Nebel gehüllt, hatte die Surreiner «Tibada» schon fast etwas Mystisches. Zahlreiche Surreiner und Gäste haben sich mit Fischbacher im Dorfzentrum eingefunden, um sich die Klänge dieses quasi vergessenen Instruments anzuhören. Tibas sind nämlich keine Alphörner, Tibas sind aus Blech, circa 800 Gramm schwer und zwischen 140 und 160 Zentimeter lang. Mit vier bis sechs Naturtönen schickten die Hirten mit den Tibas früher Botschaften ins Tal oder von Alp zu Alp. Und welche Meldungen haben die Spielerinnen und Spieler am Freitag nach Surrein geblasen?

Telefon statt Tiba

«Früher kannte man noch die Botschaften, die gespielt wurden, heute kaum mehr», erklärt die Ethnologin und Tourismusfachfrau Fischbacher. Allerdings habe Clemens Christoffel vier Signale komponiert, für morgens, mittags, abends und als Alarm. «Die meisten der Spieler haben in Surrein entweder diese Signale gespielt oder improvisiert.» Improvisationen habe es auch damals schon gegeben: «Die Tiba war nicht nur ein Mittel, um die Leute im Tal oder auf den umliegenden Alpen über Notfälle zu informieren und mit ihnen in Kontakt zu treten, sondern auch ein Instrument zur Unterhaltung», klärt sie auf. Auch wenn nur vier bis sechs Naturtöne gespielt werden können – genau darin lag die Herausforderung: «Welcher Hirte konnte mit diesen paar Tönen besser spielen?»

Ihre Funktion als Kommunikationsmittel verlor die Tiba spätestens, als Telefone und Natels auf Alpen gang und gäbe wurden. Heute wird die Tiba noch manchmal gespielt, um Gäste auf dem Maiensäss willkommen zu heissen: «In der Gemeinde Sumvitg gibt es im Vergleich mit anderen Gemeinden der Surselva viele Maiensässe, die noch Tibas haben und ihre Gäste damit begrüssen oder ihnen hinterherspielen, wenn sie wieder abreisen.»

Erinnerung an Lucas Cadruvi

Jedes Jahr um Mariä Himmelfahrt spielen die Tiba-Spieler nun seit der Sonderausstellung des Museum Regiunal Surselva in Ilanz unter dem Titel «Tiba Töne – tuns da tibas», ein kleines Konzert. Surrein sei für so eine «Tibada» besonders geeignet: «Durch seine Tiefe Lage sind die Tibas von allen Seiten gut zu hören», klärt Fischbacher auf. Ausserdem habe die Gemeinde Sumvitg viele Spengler gehabt, die das Blechinstrument hergestellt haben. Einer von ihnen war der im Dorf bekannte Lucas Cadruvi. Er ist vor etwa einem Jahr verstorben und als Erinnerung an ihn organisierte Fischbacher die diesjährige Tibada in seinem Heimatdorf.

Nach den mystischen Klängen von der Ferne gab es für die Besucher bekanntere Klänge. Zuerst läuteten zehn Minuten die Kirchenglocken, dann spielten die Alphorngruppen Sunatibas Muntanialas aus Ilanz/Glion, die Sunatibas Postabiala aus Sumvitg sowie die Sunatibas Sedrun ein Platzkonzert. Zum Abschluss gab es ein «Ave Maria dil signun – Betruf» von Pauli Bass aus Clavadi.

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