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«Ezadeen» – Geisterschiffe auf dem Mittelmeer

Die EU will den Menschenschmuggel auf Geisterschiffen bekämpfen. Die Schmuggler verdienen mit kaum noch seetauglichen Frachtern Millionen. Nebst zwei kürzlich aufgebrachten Schiffen werden noch mehr führerlose Frachter vermutet.

Südostschweiz
05.01.15 - 01:00 Uhr
Zeitung

Von Wolf H. Wagner

Florenz. – Der Menschenschmuggel aus Nordafrika nimmt eine neue Form an. Die Schleuser setzen nicht mehr auf die Überfahrt in kleinen Fischer- oder Schlauchbooten. Stattdessen werden jahrzehntealte Frachtschiffe mit Flüchtlingen beladen und treiben mannschaftslos im Mittelmeer auf die europäische Küste zu. Erst in der vergangenen Woche hatte die italienische Küstenwache die Frachter «Blue Sky M» und «Ezadeen» mit insgesamt 1250 Menschen an Bord aufgebracht und sicher in süditalienische Häfen bugsiert.

Schmuggler machen Millionen

Der 50 Jahre alte Frachter «Ezadeen», der unter der Flagge von Sierra Leone fuhr, transportierte normalerweise Schlachtvieh. Offiziell sollte der Kurs auf den französischen Hafen Sète, südwestlich von Montpellier, gehen. Doch war diese Deklaration von Anfang an fiktiv. «Es war in den letzten zwei Wochen bereits der dritte uns bekannt gewordene Fall», erklärte Admiral Giovanni Pettorino, Befehlshaber der operierenden Küstenwache, der diese neue Form des Menschenhandels entdeckte.

Nach Erkenntnissen des italienischen Marineoffiziers Pettorino erwerben die Schleuserbanden die Schiffe zu Preisen von 100 000 Euro bis 150 000 Euro, um mit den kaum noch meerestauglichen Fahrzeugen Millionen zu verdienen. Zeugenaussagen zufolge sind für die Überfahrt bis zu 5000 Euro gezahlt worden. Die in Genf ansässige Internationale Organisation für Migration (IOM) geht von einem Passagepreis zwischen 1000 und 2000 Dollar aus. «Stellen Sie sich vor, dass Hunderte von Flüchtlingen aus den Krisengebieten an Bord dieser Schiffe sind, so wird das ein Geschäft von mehreren Millionen», so Admiral Pettorino. Besorgniserregend sei die hohe Anzahl von Frauen und Minderjährigen, allein auf der «Ezadeen» fand man 78 Kinder.

Die italienischen Behörden gehen davon aus, dass auf dem Mittelmeer weitere Geisterschiffe unterwegs sind. Nach Aussagen der Geretteten hatten die Frachtschiffe in syrischen Häfen und Gewässern Flüchtlinge an Bord genommen und waren nach einem Zwischenstopp in Larnaka auf Zypern weiter ins westliche Mittelmeer gefahren. Etwa 50 Seemeilen vor der süditalienischen Küste haben die Mannschaften – zumindest das kommandierende Personal – dann das Schiff verlassen, das dann führerlos Richtung Sizilien oder Apulien trieb.

Die Spezialeinheiten der italienischen Polizei untersuchen zurzeit, ob sich Besatzungsmitglieder unter die Flüchtlinge gemischt haben könnten, um einer Strafverfolgung zu entgehen. 360 der von der «Ezadeen» evakuierten Migranten befinden sich derzeit in verschiedenen Auffanglagern, wo ihre Identität überprüft werden soll.

Weitere Geisterschiffe vermutet

Der seit November amtierende EU-Kommissar für Migration, Inneres und Bürgerschaft Dimitris Avramopoulos erklärte der neuen Form des Menschenhandels eine deutliche Absage. Avramopoulos dankte der italienischen Küstenwache für die Rettung der Schiffbrüchigen und meinte, die EU werde im Rahmen der Operation «Triton» zusammen mit allen Einsatzkräften von Frontex, der EU-Agen- tur für Zusammenarbeit an Aussen- grenzen, alles unternehmen, um diese Form organisierten Verbrechens zu bekämpfen.

EU-Operation soll helfen

Die italienische Operation «Mare Nostrum» wurde im Oktober eingestellt, nachdem die anderen EU-Mitglieder der Aufforderung des italienischen Innenministers Angelino Alfano, das Land finanziell zu unterstützen, nicht gefolgt waren. Italien hatte monatlich neun Millionen Euro investiert, um bis kurz vor der libyschen Küste zu patrouillieren.

Die nach dem griechischen Meeresgott Triton benannte EU-Operation soll nun jedoch nur noch 30 Seemeilen vor der italienischen Küste greifen; die bereitgestellten Mittel – wenig Technik und lediglich 2,8 Millionen Euro monatlich – werden kein Ersatz für «Mare Nostrum» sein.

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