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Exil in tauber Finsternis

Der Holländer Willem Mengelberg war einst ein gefeierter Dirigent Europas. Die fehlende Distanz zum Dritten Reich liess ihn zur Persona non grata werden. Sein Exil in Zuort ist heute ein Hotel.

Südostschweiz
04.01.15 - 01:00 Uhr
Zeitung

Die Geschichte eines Ortes und des Mannes, dem er zum Gefängnis wurde

Von Anja Conzett (Text) und Olivia Item (Bilder)

Es sind die Fichten, immergrün und dunkel, die der Val Sinestra ihren Namen gaben. Diesseits und jenseits der rohen, rauen Schlucht hinter Sent wachsen helle, leichte Lärchen. Nur in der Sines-tra – der Finsteren – nicht. Am Ende der Landschaft von nationaler Bedeutung, über eine Stunde Fussmarsch von der nächsten Siedlung entfernt, liegt der Hof Zuort: ein Gasthof, dessen Grundmauern 1000 Jahre alt sein sollen, eine nordische Holzkapelle und eine Villa. Zuort bedeutet taub auf Romanisch. Hier hört man nichts. Nichts ausser dem Rauschen zweier Bäche, dem Ruf des Birkhahns. Eine Stille, so dicht, dass man glaubt, die Schwingen des Adlers zu hören, der über dem nahen Wald nach Beute kreist. Zuort ist ein Ort von beeindruckender Schönheit. Zumindest für all jene, denen es freisteht, ihn wieder zu verlassen.

<strong>Vor über 100 Jahren</strong> verliebte sich ein Mann in diese Stille: Willem Mengelberg, damals holländischer Dirigent, der sein Orchester zu Weltruhm führte, vom Volk gefeiert und verehrt, mehrfacher Verdienstordenträger und populärste Figur der Niederlande nebst der Königin. Mengelberg kaufte das Anwesen, dessen Grundmauern, und errichtete sich eine Sommervilla, in der der Maestro illustre Gesellschaften gab, zu denen die High Society genauso geladen war wie die Einheimischen.

Vor vier Jahren verliebte sich wieder ein Mann in Zuort: Peter Berry, Sohn der St. Moritzer Ärztedynastie. Er kaufte das Anwesen und formte es von der Ausflugsbeiz zum Swiss-Historic-Hotel. Der Ort habe ihn beeindruckt. Auf die Geschichte dahinter sei er erst später gestossen. «Zuort ist eine Zeitinsel und sie soll der Öffentlichkeit erhalten bleiben.»

In diesem Sinne liess Berry die Villa fast gänzlich in jenem Zustand, in dem die Alleinerbin des Dirigenten, die Stiftung Mengelberg, sie hinterlassen hatte. Mengelbergs Hut und Spazierstock liegen inmitten von Ritterrüstungen und anderen von ihm gesammelten Antiquitäten. Die Fotoalben auf dem Tisch zeigen einen grossen Dirigenten beim Heuen mit Sentern, Prinz Hendrik von Holland auf einer Terrasse in Zuort. Bilder, lange vor der Zeit entstanden, als die Niederlande dem «Nazi-Kollaborateur» Mengelberg den Pass entzogen und ihm ein lebenslängliches Auftrittsverbot verhängten.

<strong>Mengelbergs Karriere begann</strong> im Alter von 20 Jahren in Luzern. Vier Jahre später kehrte er in seine Heimat Holland zurück, um das erst sieben Jahre alte Amsterdamer Concertgebouw-Orchester zu dirigieren. Mengelberg verhalf dem Orchester während seiner 50 Jahre dauernden Dirigentschaft zu dem Weltruhm, den es heute noch geniesst. Er machte Tschaikowsky bekannt, war der Lieblingsinterpret von Richard Strauss, der ihm die Tondichtung «Heldenleben» widmete, und ein enger Freund des jüdisch-österreichischen Komponisten Gustav Mahler. Mengelberg war der Einzige, der von der Witwe Alma Mahler dazu befugt wurde, Mahlers Symphonien abzuändern.

In Mengelbergs Studierzimmer liegen Schellackplatten seiner Konzerte neben Jazzaufnahmen, Bach neben Bessie Smith. Im üppigen Bücherregal steht Kafkas «Urteil» neben «Tarzan bei den Affen». Lion Furtwänglers «Jud Süss» neben «Mussolinis Gesprächen mit Emil Ludwig». Mengelbergs Widersprüchlichkeit vergegenständlicht sich auch in der Kapelle, die der Katholik aus Dankbarkeit dafür erbauen liess, dass Holland und die Schweiz vom Ersten Weltkrieg verschont geblieben sind: Sternzeichensymbole und Madonnabilder über dem Altar.

«Mengelberg sympathisierte mit den Nazis. Das lässt sich nicht wegdiskutieren», sagt Berry. Kurz vor seinem Tod schrieb Mengelberg: «Wenn ich etwas getan hätte, würde ich es verstehen, aber ich habe mich auf nichts eingelassen!»

Ein Nazi-Ideologe war Mengelberg nicht. Er engagierte sich bei den Besatzern sogar für seine jüdischen Orchestermitglieder, verhalf mindestens einem zur Flucht und erkämpfte sich die Erlaubnis, den als entartet eingestuften Mahler 1942 noch einmal aufzuführen. Kein Nazi, aber der Dirigent spielte für Reichsfunktionäre in besetzten Gebieten und begoss Hitlers Einmarsch in Polen mit Champagner. Schon während der Besatzung warf man ihm sein distanzloses Verhalten vor. Doch Mengelberg erwiderte nur: «Die Sonne und die Musik sind für alle Menschen da.» Ob er dieses Bonmot auch jemals gegenüber den Nationalsozialisten auf die Juden bezog, ist nicht überliefert.

«Stille und Ruhe!» steht in gotischer Schrift auf dem Plakat in der mit aufwendigen Schnitzereien bestückten Stube des Gasthauses unterhalb der Villa. Die Forderung des Dirigenten Mengelberg. Beides hatte er zum Schluss zuhauf. Als die Niederlande ihn als Verräter der Krone verbannten, weilte er gerade in Zuort. Mengelberg, der sich für einen Patrioten hielt und sich bis zuletzt keiner Schuld bewusst war, verfiel in eine Schockstarre. Der Fall vom gefeierten Star zum geächteten Exilanten war so tief, dass der 75-Jährige daran zerbrach. Verbittert blieb er in Zuort, überwinterte die letzten fünf Jahre seines Lebens in einem Haus, das für den Sommer gebaut worden war.

Das Thermometer zeigt an diesem Morgen minus 16 Grad, Elektroöfen kämpfen gegen die Kälte. Berry glaubt, es war Mengelbergs Liaison mit einer Frankfurter Bankierstochter, die ihn so unvernünftig werden liess, Hitler zum Geburtstag zu gratulieren. Vielleicht aber hatte sich der Weltgerühmte einfach zu sehr daran gewöhnt, den Mächtigen zu gefallen. Vielleicht gefiel er sich selbst als Vertreter schöner Musik zu sehr, den Vertretern hässlicher Politik etwas anderes entgegenzuhalten als groteske Naivität.

<strong>Was immer es war,</strong> Mengelberg bezahlte es mit seinem Lebenswerk, das auch noch lange nach seinem Tod kaum mehr Beachtung fand. Während der Ruf seines deutschen Kollegen Strauss, obwohl den Nazis näher, nicht litt, und Männer, welche eben noch die Totenköpfe der SS trugen, wieder in Amtsstuben walteten, starb Mengelberg 1951 von der Welt vergessen und nur zwei Monate vor Ablauf des nachträglich auf acht Jahre verkürzten Auftrittsverbots in Zuort. Sein Zimmer sieht aus, als hätte er es gerade erst verlassen. Die Fräcke hängen vor dem Bettpfosten, warten auf ein letztes Konzert.

Berry will auch das Schlafzimmer vermietbereit machen – das Gespenstische aushauchen. Drei Zimmer der Villa kann man bereits buchen. In den Zimmern des Gasthauses kann man auch jenseits der Geschichte Mengelbergs Ferien in Zuort machen. Doch wer sich auf diesen Ort einlässt, riskiert, dass er etwas mitnimmt aus der Val Sinestra: die Frage, ob ein deutscher Lageraufseher, der Befehle befolgte, weniger Schuld auf sich geladen hat, als ein grosser holländischer Musiker, der dem Reich durch mangelnde Verweigerung den Anschein von kultureller Grösse verschaffte.

Weitere Bilder unter www.suedostschweiz.ch/3195611. Weitere Infos unter www.hof-zuort.ch.

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