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«Es gibt viel zu wenig Hilfe»

Oberarth Viele schauen bei Obdachlosen einfach weg. Nicht so Flavia Wüest: Sie hat sich in ihrer Fachmaturitätsarbeit mit diesem Thema auseinandergesetzt.

Südostschweiz
03.01.15 - 01:00 Uhr
Zeitung

Nadine Annen

Die 19-Jährige befindet sich im Endspurt für die Fachmaturität Pädagogik am Theresianum Ingenbohl. In ihrer Abschlussarbeit befasste sie sich mit den Obdachlosen in der Schweiz und damit, wie und wo ihnen geholfen wird.

Das Thema ist für sie nichts Neues: «Ich kenne jemanden, der selber lange auf der Strasse gelebt hat, und habe von ihm viel über Obdachlosigkeit erfahren», erzählt sie. So wurde sie inspiriert, sich in das Thema zu vertiefen: «Während der Arbeit habe ich viel an ihn gedacht, das hat mich motiviert.»

«War erstaunt über die Offenheit»

Die Maturandin besuchte drei Organisationen für Obdachlose: die Gassenarbeit in Luzern sowie die Notschlafstelle und die Sunestube der Sozialwerke Pfarrer Sieber in Zürich. «Ich war erstaunt, wie offen die Obdachlosen mir gegenüber waren», sagt sie. Viele seien auf sie zugekommen, wollten wissen, wer sie sei und was sie mache. Weniger offen waren sie, wenn es um ihr Schicksal ging: Von sich selbst hätten sie nicht viel preisgeben wollen. «Ich denke, sie haben vielleicht Angst, über ihr Schicksal zu sprechen, oder schämen sich.»

Natürlich habe es auch solche gegeben, die stark in sich gekehrt waren und denen man richtig angesehen habe, dass es ihnen nicht gut geht. Andere wiederum hätten ihre Situation überspielt und Witze über sich selbst gerissen: «Richtig abkaufen konnte ich ihnen das aber nicht», meint Flavia Wüest.

Betreuung ist das Wichtigste

Denn dass die Menschen, die sie kennengelernt hat, nicht nur aus Faulheit auf der Strasse sind, musste sie oft hören: «Viele sind geprägt von etwas sehr Schlimmem, das sie erlebt haben.» Deshalb sei es bei den Hilfestellen auch umso wichtiger, Beratung und psychologische Betreuung anzubieten: «Es ist wichtig, den Menschen zuzuhören und sie zu stützen.» Die Obdachlosen nur in ein geregeltes Leben zurückzuboxen und dafür zu sorgen, dass sie möglichst schnell wieder arbeiten und Steuern zahlen, sei der falsche Weg.

Die drei Organisationen, die sie besucht hat, hätten die bessere Strategie: «Den Obdachlosen wird geholfen, dass sie sich wieder wohlfühlen in der eigenen Haut, dass sie wieder leben wollen und für sich selbst sorgen können.»

Flavia Wüest bewundert das Engagement der vielen Freiwilligen in den Hilfestellen. Denn oft wird den Helfern einiges abverlangt. Sie hat auch unschöne Geschichten zu hören bekommen von alkoholisierten Obdachlosen, die gewalttätig wurden: «Das gibt sofort einen Verweis, und der Kontakt wird abgebrochen», erklärt sie.

Fragen, was gebraucht wird

Aus ihrer Arbeit zieht Flavia Wüest zwei wichtige Erkenntnisse. Die erste ist, dass in der Schweiz zwar mehr Verständnis für Obdachlose da ist als in anderen Ländern. Dennoch gebe es viel zu wenig Hilfe: «Wenn ich sehe, wie gut der Staat für Asylsuchende sorgt, wird im Vergleich dazu den eigenen Leuten viel zu wenig Hilfe gegeben», stellt Flavia Wüest fest. Das Zweite, das sie gelernt hat, ist, wie man den obdachlosen Menschen am besten helfen kann: «Wer konkret helfen will, soll nicht einfach ein Sandwich für jemanden kaufen, sondern die Person fragen, was sie braucht.»

Bei Organisationen gebe es ausserdem drei wichtige Aspekte zu beachten. Erstens: Man kann etwas nur schätzen, wenn es nicht selbstverständlich ist. Zweitens: Wenn man voll abhängig von anderen ist, entstehen Minderwertigkeitsgefühle. Drittens: Es ist sehr wichtig, nicht nur ein Bett und Essen zu geben, sondern zuzuhören und den echten Problemen auf den Grund zu gehen.

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