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Erst seit 400 Jahren ist Neujahr überall Neujahr

Silvester (31. Dezember) und Neujahr (1. Januar) sind zwar zwei Tage mit eigenen Festlichkeiten. Die Silvesternacht zwischen den jeweils beiden Jahren geht aber mit ihren Volksbräuchen so nahtlos in den Neujahrstag über, dass man die beiden fast wie eineiige Zwillinge betrachten muss.

Südostschweiz
29.12.12 - 01:00 Uhr

Von Othmar Betschart

In dieser Nacht sollen sich nicht nur alle Wünsche erfüllen, sondern das Orakel verrät den Menschen auch die Zukunft für das folgende Jahr. Auf diese Tage übertrug man darum seit jeher allerlei Gebräuche, mit denen der einfache Mensch Trost für das künftige Jahr und Schutz vor den stets hungrigen Seelen seiner Vorfahren suchte.

Jahresbeginn war lange unklar

Das Jahresendfest hatten bereits die Römer gefeiert, erstmals im Januar zu Beginn des Jahres 153 vor Christus, als der Jahresbeginn vom 1. März auf den 1. Januar verschoben worden ist. Auch all die Feuerfeste am Jahresende besitzen germanische Wurzeln. Aber erst seit dem 17. Jahrhundert beginnt das neue Jahr wirklich allgemein mit dem 1. Januar. Vorher war man sich durchaus nicht über den korrekten Jahresanfang einig. Die einen richteten sich nach dem alten Kalender und feierten «Gross-Neujahr» am Tag der Heiligen Drei Könige, also am 6. Januar.

Andere betrachteten den Geburtstag Christi am 24. Dezember als einzig möglichen Jahresbeginn. Die gregorianische Kalenderreform verlegte dann im Jahre 1582 den letzten Tag des Jahres endgültig vom 24. auf den 31. Dezember, den Todestag des Papstes Silvester I., dessen Fest seit 813 auch als Namenstag gefeiert wird.

Alter Silvester noch heute

Nur wenige Länder wie etwa Spanien und Portugal übernahmen den neuen gregorianischen Kalender tatsächlich auf den 15. Oktober 1582. Die meisten katholischen Länder Europas folgten in den nächsten Jahren, während die protestantischen Länder den neuen Kalender, weil vom römischen Papst dekretiert, zunächst noch ablehnten. Die Reform setzte sich bei ihnen wie auch in orthodoxen Gebieten erst spät durch, zuletzt 1924 in Rumänien. Auch in der Schweiz wurde die Kalenderreform zu einem Zankapfel der Konfessionen. So schrieb man in Schwyz 1584 nach dem 11. gleich den 22. Januar, und in Obwalden ist die Reform im gleichen Jahr erst für den 2. auf den 13. Mai gesichert. In den appenzellischen Urnäsch und Waldstatt ist sogar bis heute ein letztes Überbleibsel erhalten geblieben. Hier treten die Silvesterkläuse noch heute am 13. Januar auf.

Nicht überall wird der Silvestertag auch Silvester genannt. In einigen Gegenden Deutschlands und Österreichs heisst der Tag, quasi als Gegenstück zum folgenden Neujahrstag, auch «Altjahr» oder «Altjahrestag» beziehungsweise «Altjahrsabend». Dem entspricht auch das Niederländische «Oudejaarsavond» oder das Englische «New Year’s Eve» (Neujahrs[vor]abend).

Beim Schulsilvester handelt es sich um einen Zürcher Altjahresbrauch. Ursprünglich wurde er am Morgen des 31. Dezembers und nach der Einführung der Weihnachtsferien an den Schulen am Morgen des 23. Dezembers gefeiert. Wegen des dabei gemachten Lärms und Unfugs gab und gibt es aber je länger, je mehr Widerstand gegen diesen Brauch.

In Schwyz wurden schon in meiner Kinder- und Jugendzeit keine besonderen öffentlichen Feste (mehr) gefeiert. Als Kinder weckten wir in unserer Familie am Silvestertag jedoch den letzten Schläfer (den «Bettnäschter») mit Pfannendeckellärm und dem Sprüchlein «Silväschter, Bettnäschter, stand uuf, streck d Bei zum Bett uus!». Wer dann an Neujahr am längsten im Bett liegen blieb, der war das «Neujahrskalb» und wurde gleichermassen geweckt. Der Frühaufsteher am Neujahrstag aber war der «Stubehund».

Die Helsete von damals

Was uns damals als Kinder viel wichtiger war, war die «Helsete» von Gotte und Götti. Das Wort «Helsete» kommt übrigens von «etwas um den Hals hängen», wie es heute noch in der March am «Märchler Chüechlisunntig» gemacht wird. Früher sei das Angebinde meistens ein Eierzopfring gewesen mit einem darin eingesteckten «Füfliber» (5-Franken-Stück), den man bei der Gotte oder dem Götti abholen musste. Aber schon zu meiner Kinderzeit war der «Eierzopf» als «Helsete» in unserer Gegend Vergangenheit. Den Göttibatzen steckten wir übrigens ins Sparkässeli, das wir dann im Januar am Bankschalter leerten, um den Inhalt ins Sparbüchlein eintragen zu lassen.

Silvester- und Neujahrsorakel

Sowohl am Silvesterabend wie am Neujahrstag gab und gibt es unzählige und abergläubische Bräuche und Orakel, die Silvesternacht ist eben auch eine Raunacht. Allen Kalender- und Terminverschiebungen zum Trotz war man sich nämlich überall und immer darüber einig, den Beginn eines neuen Jahres in schützender Gesellschaft zu verbringen. Im deutschsprachigen Raum beginnt darum das neue Jahr oft mit Feuerwerk, Böllern, Bleigiessen, Glockengeläute und nächtlichen Gottesdiensten. Oft verschenkt man auch Glücksklee (Oxalis). Das Feuerwerk sollte früher böse Geister vertreiben und drückt auch heute Vorfreude auf das neue Jahr aus. Als Orakel lässt man vielerorts auch von allen Silvesterspeisen einen Rest bis zum Neujahrstag stehen. So gehe einem das Essen das ganze Jahr nicht aus. Bei privaten Silvesterfeiern sind Bleigiessen sowie das Öffnen einer Flasche Sekt zum Jahreswechsel weit verbreitet. Auch das Wetter lasse sich an diesem Abend voraussagen. Dazu müsse man nur ein Messer tief in ein frisch gebackenes Brot stecken und wieder herausziehen. Am Grad der Feuchtigkeit am Messer könne man auf ein trockenes oder nasses Jahr schliessen.

Und noch ein paar Bauernregeln:

Für Silvester:

– Silvesterwind und warme Sonn’ verdirbt die Hoffnung auf Wein und Korn.

– Windstill muss Silvester sein, soll der nächste Wein gedeih’n.

– Die Silvesternacht still und klar, deutet auf ein gutes Jahr.

– Silvester Wind und warme Sunnen, wirft jede Hoffnung in den Brunnen.

– Friert zu Silvester Berg und Tal, geschieht’s dies Jahr das letzte Mal.

– Wenn’s Silvester stürmt und schneit, ist Neujahr nicht mehr weit.

– Ist’s zu Silvester hell und klar, steht vor der Tür das neue Jahr.

Für Neujahr:

– Wie St. Kathrein (25. November) wird’s Neujahr sein.

– Anfang und Ende vom Januar zeigen das Wetter für ein ganzes Jahr.

– Morgenrot am ersten Tag (Neujahrstag), Unwetter bringt und grosse Plag.

– Wenn’s um Neujahr Regen gibt, oft um Ostern Schnee noch stiebt.

– Am Neujahrstage Sonnenschein, lässt das Jahr uns fruchtbar sein.

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