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Er ist «Mister American Lifestyle»

Ralph Lauren zieht Amerika seit einem halben Jahrhundert an. Wie kaum ein Zweiter hat der Modemacher den «American Lifestyle» geprägt. Das Einwandererkind aus Weissrussland ist gestern 75 Jahre alt geworden.

Südostschweiz
15.10.14 - 02:00 Uhr

Von Thomas J. Spang

New York. – Polo hat der passionierte Skifahrer nie gespielt. Das Kult-Logo auf seiner Kollektion wählte Ralph Lauren, weil es Dynamik und elegante Sportlichkeit in einem ausdrückt. Wie der junge Modemacher aus der New Yorker Bronx zu Beginn seiner Karriere auch keine Ahnung davon hatte, was die britische Lebensart ausmacht, als er nach seinem Ausstieg bei den Brooks Brothers die ersten Anzüge schneidern liess, die irgendwie «englisch» aussehen sollten. Bis heute hat es Lauren auch nicht geschafft, seinen Fuss auf afrikanischen Boden zu setzen. Was für ihn kein Hindernis war, 1983 mit seiner «Safari»-Kollektion einen kommerziellen Grosserfolg zu landen.

Für die Kritiker des silbergrauen Lifestyle-Königs, der mit seinen 15 Eigenmarken, seinen Läden in 80 Ländern und 23 000 Mitarbeitern zuletzt 6,9 Milliarden Dollar im Jahr umsetzte, fügt sich daraus ein wenig schmeichelhaftes Bild zusammen. Kaum etwas an Lauren sei echt, stänkern die Neider gegen den erfolgreichen Selfmade-Mann. Nicht einmal der eigene Name, den der Sohn jüdischer Einwanderer im Alter von 16 Jahren von Lifshitz zu Lauren änderte. Der mehrfache Milliardär nimmt die Lästereien gelassen hin. Ein Familienname mit dem Wort «Shit» in der Mitte habe mehr zu Hänseleien eingeladen als inspiriert, erklärte er einmal die Motivation für den Namenswechsel. Das sei damals auch nichts Besonderes gewesen. «Viele europäische Einwanderer haben ihre Namen amerikanisiert.»

Träume und Fantasien

Genauso wenig stört Lauren der Vorwurf, nicht in derselben Liga zu spielen wie andere lebende und verstorbene Idole der Modebranche. Angefangen bei Christian Dior über Coco Chanel bis hin zu Jil Sander oder Calvin Klein. «Ich bin im Modegeschäft, aber nicht ‘geschäftig’ mit Mode», beschrieb er kürzlich in einem Interview feinsinnig den Unterschied. Die Mode des Tages überlässt Lauren nur allzu gerne anderen. Er selber handelt seit dem Start seiner Karriere im Jahr 1967 mit etwas Zeitlosem – den Träumen und Fantasien seines Publikums. «Ich mache Mode für Menschen, die eigentlich nicht modisch sein wollen», beschreibt er seine Philosophie. Statt diesen eine bestimmte Ästhetik aufzudrängen, geht es Lauren darum, Mittel zum Selbstausdruck bereitzustellen. Dafür studiert er genau, was seiner Kundschaft am Herzen liegt. Laurens Kollektionen reflektieren so die Sehnsüchte der Käufer, die er ganz opportunistisch bedient.

Dabei scheut er vor der grossen Synthese nicht zurück. Der Meister spielt genauso souverän mit indianischen Drucken, wie er mit seinen Western-Klamotten den inneren Cowboy mobilisiert. Seine Entwürfe zelebrieren das vornehme Küstenleben in den Hamptons nicht weniger wie die weltstädtischen Vibes, die in den Outfits seiner Vision von Woody Allens Annie Hall zum Ausdruck kommen. Mit seinen Cord-Blazern erfand er den Ivy-League-Schick der Intellektuellen. Wie er mit der Einführung der «Polo»-Shirts 1972 so etwas wie die Uniform der «Preppies» schuf.

Er verkauft einen Lifestyle

Das grosse Missverständnis seiner Kritiker besteht darin, zu übersehen, dass Lauren nicht Mode macht, sondern einen Lifestyle verkauft. Genauer gesagt: die amerikanische Idee von gutem Leben. Wer ein Shirt mit dem «Polo»-Logo aus dem blauen Papiersack holt, packt aus dem Seidenpapier den blauen Himmel über den Rocky Mountains, die weissen Strände der Hamptons und den sattgrünen Rasen der Golfplätze Augustas mit aus. Vor dem geistigen Auge tauchen Frauen mit geröteten Wangen im Cabriolet, gebräunte Männer auf Segeljachten und unbesorgte Kinder auf.

Laurens Welt ist so echt wie die Träume der Amerikaner, die nicht das geringste Problem damit haben, sich Errungenschaften aus anderen Kulturen zu eigen zu machen und weiter zu entwickeln. Ganz besonders erfolgreich im Fall des jüdischen Einwandererkindes aus Weissrussland, das «American Chic» nachhaltig definieren half. Dass die meisten seiner Kollektionen für breitere Käuferschichten erschwinglich bleiben, unterscheidet ihn von den grossen Namen der europäischen Modewelt.

Jenseits seiner Sammelleidenschaft für alte Luxusschlitten – darunter ein Ferrari 250 GTO, ein Mercedes 300 SL und jede Menge Porsches – und dem Engagement für die Förderung der Brustkrebsforschung, führt der 75-Jährige ein diskretes Privatleben. Wenn er einmal nicht in der Konzernzentrale in Manhattan an den Entwürfen für die nächste Saison arbeitet, stehen die Chancen nicht schlecht, Lauren mit seiner Frau Ricky am Familiensitz in Montauk oder auf der 16 000 Hektar grossen Ranch in Colorado anzutreffen. Für Abstecher auf das Anwesen an der Küste Jamaikas bleibt seltener Zeit.

Der Sohn als Nachfolger

Ricky stammt wie Ralph aus der Bronx und arbeitete dort in einer Arztpraxis, wo sie ihren künftigen Mann kennenlernte. Die beiden schafften es, umgeben von der Glitzerwelt der Stars und Designer ein intaktes Familienleben aufrechtzuerhalten. Bis heute verbindet die Eltern ein enges Verhältnis zu ihren drei erwachsenen Kindern Andrew, David und Dylan. Während Andrew als Filmproduzent und Dylan als Gründerin einer Süsswarenkette ihre eigenen Karrieren verfolgten, stieg David nach einiger Überzeugungsarbeit in das Lifestyle-Imperium seines Vaters ein. Der 42-jährige Sohn wird bei Insidern als Thronfolger gehandelt. Zuständig für Internet und neue Medien im Konzern treibt er seine Initiativen mit der gleichen Leidenschaft voran wie sein grosses Vorbild. «Er ist mein bester Freund, mein Vater und mein Boss», verriet David unlängst bei einem Interview.

An Ruhestand denkt der Mann, der Amerika über ein halbes Jahrhundert anziehen half, allerdings noch lange nicht. Ralph Lauren hat noch grosse Pläne. Kürzlich eröffnete er an der «711 Fifth Avenue» von Manhattan eine neue Luxus-Verkaufszentrale. In den Kinderschuhen stecken die Ralph-Lauren-Cafes, und ein extra Augenmerk des Chefs erhält die neue «Polo»-Frauenkollektion. Darüber hinaus wird er nicht müde, an seinem öffentlichen Erbe zu feilen. «Stil ist sehr persönlich. Das hat nichts mit Mode zu tun», philosophiert der Meister. «Mode ist schnell vorüber. Stil bleibt für immer.»

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