Eine Ära, die nach 66 Jahren endet
Am Donnerstag ging in Chur eine Familiensaga zu Ende, die ihren Anfang vor mehr als 200 Jahren genommen hatte: jene der Kürschnerfamilie Weber. Tarini und Kurt Weber gehen in den Ruhestand: Ihr Geschäft schliesst nach gut 66 Jahren.
Am Donnerstag ging in Chur eine Familiensaga zu Ende, die ihren Anfang vor mehr als 200 Jahren genommen hatte: jene der Kürschnerfamilie Weber. Tarini und Kurt Weber gehen in den Ruhestand: Ihr Geschäft schliesst nach gut 66 Jahren.
Von Olivier Berger
Chur. – «Mein Vater», erzählt Kurt Weber, «war Kürschner am belgischen Könighof – zu einer Zeit, da man noch mit Pferdegespannen und in weissen Handschuhen zur Arbeit gefahren ist.» Neun Jahre arbeitete Weber senior bei «Königs» in Brüssel. Danach kehrte er in die Schweiz zurück, heiratete und eröffnete im Jahr 1934 sein eigenes Geschäft – an der Churer Bahnhofstrasse. Eben dieses Geschäft hat seine Pforten am Donnerstag geschlossen, definitiv. Die Kinder von Kurt Weber und seiner Ehefrau Tarini Weber mochten den Familienbetrieb nicht übernehmen. «Die beiden leben in Zürich und haben andere Pläne», sagt Kurt Weber.
Seit über 200 Jahren im Geschäft
Damit endet eine Familiensaga, die nicht erst mit Kurt Webers Vater und seiner Zeit in Belgien begonnen hatte. Er selber sei Kürschner in der siebten Generation, erzählt Weber. «Die ersten Mitglieder unserer Familie betrieben dieses Handwerk schon vor gut 200 Jahren.» Ursprünglich stamme seine Familie aus Zug, wo sie bis vor knapp zehn Jahren ein Geschäft betrieben habe. «Das Churer Geschäft war quasi ein Ableger.»
Kurt Weber hat sein Handwerk noch von der Pike auf gelernt. Nach einigen Jahren Mittelschule in Vaduz absolvierte er in Zürich eine Lehre zum Kürschner. Danach zog es ihn für fünf Jahre in die weite Welt, wo er nicht nur seinem erlernten Beruf nachging, sondern auch als Matrose arbeitete. «Damals haben die Eltern ihren Kindern noch keine grossen Reisen bezahlt; für mich war die Seefahrt die einzige Möglichkeit, etwas von der Welt zu sehen.»
Mit 71 Jahren kürzertreten
Genug gesehen hatte Weber nach fünf Jahren: Im Jahr 1963 trat er ins väterliche Geschäft in Chur ein, das er ein Jahr später übernahm. Im Alter von nunmehr 71 Jahren wolle er nun aber kürzertreten. Beruhigend für Weber ist, dass seine beiden langjährigen Mitarbeiter nun nicht auf der Strasse stehen. Beide hatten 41 Jahre bei Pelz Weber gearbeitet: Gilbert Willi, der einst schon die Kürschnerlehre bei Weber absolviert hatte, empfiehlt sich für private Arbeiten; Näherin Martha Meyer wechselt auf die andere Seite der Bahnhofstrasse ins Bernina-Näh- und Stoffcenter.
Mit Webers Geschäftsaufgabe endet nicht nur eine Geschichte, sondern es enden auch Geschichten. Etwa jene, wie er Anfang der Siebzigerjahre seine heutige Ehefrau Tarini kennenlernte und zunächst fast zehn Jahre in wilder Ehe mit ihr zusammenlebte. Tarini Webers Wurzeln liegen in der Karibik – in Trinidad. «Am Anfang gab es Kunden, die sich nicht von einer dunkelhäutigen Frau bedienen lassen wollten», erinnert sich Weber. «Im Sternzeichen Widder und deshalb radikal, habe ich die Kunden dann einfach vor die Türe gesetzt.»
Das schönste Schaufenster
Meriten verdiente sich Tarini Weber dann trotz anfänglicher Widerstände – und das sogar landesweit: Sie gewann gleich zweimal den nationalen Wettbewerb für das schönste Schaufenster. Beim ersten Mal, erzählt sie, sei es darum gegangen, Foulards von Louis Féraud zu präsentieren. Tarini Webers Siegesbeitrag war ein Ast, den sie aus dem Wald geholt und um den sie die Foulards drapiert hatte. «Das Ganze», sagt sie lachend, «hat mich keinen Franken gekostet.»
Weber verschweigt nicht, dass die Pelzbranche in den letzten Jahren an Attraktivität verloren hat. «Unsere besten Zeiten», sagt er, «waren jene, wo jede Frau einen Persianermantel im Schrank hängen haben musste.» Zu schaffen gemacht habe dem Gewerbe nicht nur die zunehmende Kritik am Pelztragen, betont Weber. «Der Druck von Billiganbietern auf die Preise hat dazu geführt, dass vermehrt unter nicht tiergerechten Umständen produzierte Pelze auf den Markt kamen und ein altes Handwerk kaputt gemacht wurde.»
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